Kunstvereine

Porträt

Trainingslager der Hochkunst
Bürgerinitative: In Deutschland gibt es über 250 Kunstvereine – eine Rundreise zu Deutschlands Trendlaboren der Kunst (Fotos: Tinka Dietz und Frank Dietz)

TRAININGSLAGER DER HOCHKUNST

In Deutschland existiert eine weltweit einmalige Landschaft von über 250 Kunstvereinen, die sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben. Vom Club in einer Kiezwohnung bis zum international beachteten Ausstellungshaus besitzen diese kulturellen Bürgerinitiativen die unterschiedlichsten Auftritte. Eine Reportagereise zu den Pfadfindern der zeitgenössischen Kunst – und Auftakt für unsere neue Online-Serie über Deutschlands Kunstvereine: Ab dem 8. Mai stellen wir Ihnen jeden Woche einen neuen Verein vor.
// MIRJA ROSENAU

Auf der der Reeperbahn 83, zwischen Würstchenbude, Burger King und 24-Stunden-Getränkesupermarkt, weist ein unscheinbares Klingelschild auf eine versteckte Einrichtung hin – den "Kunstverein St. Pauli". Ein Etablissement mehr oder weniger exklusiv für Mitglieder: Durch die Gegensprechan­lage wird erst einmal ein Türcode ab­gefragt. "Wir können hier mitten auf dem Kiez natürlich nicht einfach ein Schild aufstellen: Kommen’se alle rein!", sagt Malte Struck, der den Verein hier seit Ende 2006 mit sechs Freunden in der gemeinsamen Wohnung betreibt.

Der kleine Club ist eine der jüngsten Neugründungen in einer Landschaft von Kunstvereinen, die es in die­­ser Form nur in Deutschland gibt: Rund 250 Mitgliedsinstitutionen verzeichnet die Arbeitsgemeinschaft Deut­scher Kunstvereine (ADKV); von Untergröningen über Hannover bis Bremerhaven werden jährlich über 2000 Ausstellungen von ihnen organisiert. Über 120000 Kunstvereinsmitglieder machen sich regelmäßig in Reisegruppen zu Ausstellungshighlights rund um den Globus auf: aus Neu­hausen/Fildern zur Istanbul-Biennale, aus Zwickau zum Hochschulrundgang nach Leipzig. Sie holen internationale Kunststars in die Seegeniederung Gartow und senden von Heidelberg künstlerische Impulse nach Dubai und Caracas aus. Einige Kunstvereine haben eigene Sammlungen, andere noch nicht einmal feste Räume, es gibt Verbände, deren Jahresbudget bei anderthalb Millionen Euro liegt, andere haben ihr Programm aus 250 Euro zu bestreiten. "Die Kunstvereine", erklärt die ADKV-Vorsitzende Leonie Baumann, "sind so heterogen wie die Menschen, die in ihnen organisiert sind."

Gilt es also, den deutschen Kunstverein als Erfolgs- und Zukunftsmodell zu feiern? Denn auch in den etablierten Vereinen bricht sich rundum junger Idealismus Bahn. Ob in Berlin, Hannover, Düsseldorf, Köln, in Braunschweig, Karlsruhe, Heidelberg, in Frankfurt am Main und Stuttgart, Nürnberg und Bonn – überall arbeiten Kunstvereinsleiter mit einem Altersdurchschnitt um Ende 30 auf Tuchfühlung mit der aktuellen Szene. Nicht zuletzt stellen die Vereine Sprung­bretter ins Kunstestablishment dar: Neben Künstlerkarrieren, die hier an Fahrt aufnehmen, gehen mit hoher Zuverlässigkeit auch glänzende Kuratorenlaufbahnen aus den Kunstvereinen hervor. Ob Udo Kittelmann (designierter Direktor der Berliner Nationalgalerie), Stephan Schmidt-Wulffen (Rektor der Wiener Akademie der bildenden Künste) oder Nicolaus Schafhausen (Witte de With in Rotterdam) – sie alle haben ihr kuratorisches Profil auf diesem Versuchsfeld entwickelt, erweitert oder geschärft.

Wären da nicht die Mitglieder, die immerhin die tragende Säule jedes Vereinswesens sind: Die sterben nämlich langsam weg. Und Neuzugänge lassen sich leider nur schleppend verbuchen. "Schützen-", "Ziegenzucht-" oder "Män­ner­ge­sangs­vereine" trüben womöglich das Image. Bereits das Wort "Verein", vermutet Carina Herring, Projektleiterin der ADKV, werde vielfach mit einer "aussterbenden Generation assoziiert". Und so finden nachrückende Direktoren in ihren geschichtsträchtigen Institutionen häufig Strukturen vor, die Iris Dressler, die 2005 mit Hans D. Christ die Leitung des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart übernahm, vorsichtig als "verfestigt" und "schwierig" beschreibt: Im Kunstverständnis des alten Mitgliederstamms "kamen bestimmte Formen des Experimentierens mit künstlerischen oder kuratorischen Ansätzen nicht mehr vor".

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3 Leserkommentare vorhanden

Dr. Sebastian Retzlaff

13:44

09 / 05 / 08 // 

Schlechte Recherche über Kunstvereine in den neuen Bundesländern. Schade.

Seit vielen Jahren bin ich Abonnent der "Art". Es überrascht und enttäuscht mich, wie schlecht Sie recherchiert haben: Es gibt in den neuen Ländern zwar nur wenige Kunstvereine, aber die sollte man doch dann wenigstens im Rahmen einer solchen Beitragsserie nicht verleugnen. Seit 2003, dem Gründungsjahr, bin ich Vorsitzender des Kunstverein Schwerin e.V.. Wir haben uns der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben und in schwierigem Umfeld seit Jahren etliche anspruchsvolle Ausstellungen und Projekte zeitgenössischer bildender Kunst initiiert. Seit letztem Jahr verfügen wir als Mieter über eigene Räumlichkeiten in einem alten E-Werk im Stadtzentrum, in denen derzeit ein Überblick über die Entwicklung der österreichischen Videokunst in den letzten Jahrzehnten gezeigt wird. Wahrlich mit wenig Aufwand zu googeln ist unsere Homepage www.kunstverein-schwerin.de. Sie ist zwar bisher nur bedingt vorzeigbar, aber bei ausschließlich ehrenamtlichem Engagement und Einsatz stark begrenzter, vor allem privater Mittel müssen Prioritäten gesetzt werden. Sollte die Redaktion die Gelegenheit nutzen wollen, sich für den Fehler in Art 5/08 zu entschuldigen, akzeptieren wir dies gerne in Form eines Beitrages über unsere Arbeit. Mit freundlichem Gruss S. Retzlaff Kontakt zum Verein auf Homepage s.o.

Alain Bieber

15:50

09 / 05 / 08 // 

Nur Mitglieder im ADKV

Lieber Herr Dr. Sebastian Retzlaff, wie Sie wissen, gibt es über 250 Kunstvereine in Deutschland – da kann man für eine Reportage natürlich auch nur sehr wenige erwähnen... Leider... Aber den Osten haben wir natürlich nicht vergessen: Die Freunde Aktueller Kunst in Zwickau wurden ja z.B. im Heft auch erwähnt – und außerdem wurden bei der Recherche nur Mitglieder des ADKV berücksichtigt!

Volker Regel

13:46

12 / 05 / 08 // 

Trainingslager der Hochkunst, Art 5/08 - Kunstverein Gera e.V.

Sehr geehrte Frau Rosenau, am Markt 8/9 in 07545 Gera residiert der Kunstverein Gera e.V. Ich möchte Sie als Vorstandsvorsit-zender des Kunstvereins herzlich zu einem Besuch einladen! Der Verein arbeitet seit seiner Wiedergründung im Jahre 1999 kontinuierlich mit steigender Mitglieder-zahl (z.Zt. 85) in eigenen Räumen für die zeitgenössische Kunst. Im Einzelnen können Sie sich auch gerne über unserer Homepage unter http://www.kunstverein-gera.de informieren. Mit freundlichen Grüßen Volker Regel ----------------------------------------------------------------------------------- Kunstverein Gera e. V. Markt 8/9, 07545 Gera T: 0365/8301884 (nur während der Öffnungszeiten) F: 0365/8301885 E: info@kunstverein-gera.de I: www.kunstverein-gera.de Öffnungszeiten: Mi. bis Fr. 15.00 – 18.00 Uhr, Sa. 12- 15 Uhr

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