Nadia Kaabi-Linke

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Filigrane Gesellschaftskritik
Nadia Kaabi-Linke: "Under Standing Over Views", 2009 (Courtesy Nadia Kaabi-Linke und Lawrie Shabibi Gallery, Dubai)

FILIGRANE GESELLSCHAFTSKRITIK

Mit dramatischer Symbolkraft und viel Ironie kommentiert die in Tunesien aufgewachsene Berliner Künstlerin Nadia Kaabi-Linke soziale Missstände.
// LEA DLUGOSCH

Nadia Kaabi-Linke lässt die Betrachter ihrer Arbeiten gleich nach der ersten Begegnung zu Ermittlern werden, die nach Hinweisen zu ihrer Auflösung fahnden müssen.

So findet sich kaum eine geeignete Position zur Ansicht ihrer großflächigen Installation "Under Standing Over Views". Das filigrane Mobile aus schwarzen Seidenfäden und abgeblätterten Fassadenteilen, das einen verblüffenden Schatten in Form der Landkarte der Vereinigten Arabischen Emirate an die Wand wirft, war 2009 auf der Sharjah-Biennale sowie 2010 in ihrer Solo-Ausstellung mit dem Titel "Tatort" in der Berliner Galerie Christian Hosp zu sehen und kann als Musterbeispiel für Kaabi-Linkes mehrdimensionale Herangehensweise gelten.

Fast immer spielen politische oder gesellschaftliche Konflikte eine Rolle. Im Fall des Mobiles sind es die asiatischen Gastarbeiter in Dubai, die sich von der Arbeit in der Luxusmetropole eine bessere Zukunft versprechen und dann eine oftmals unwürdige Existenz am Stadtrand fristen müssen. Die unzähligen abgeblätterten Farbplättchen, die die in Berlin lebende Künstlerin aus verschiedenen Städten der Welt selbst gesammelt hat, stellen sowohl Zeichen des Verfalls als auch Bausteine eines fragilen Systems dar. Von Weitem könnte man sich die kleinteilige Konstruktion zugleich als edles Designobjekt in einer arabischen Hotellobby vorstellen. Solche Kontraste zeichnen das Werk der Konzeptkünstlerin aus.

"Meine Arbeit ist ungewollt autobiografisch", erklärt Kaabi-Linke. In ihrem jüngsten Werk setzt sich die 34-Jährige mit Symbolkraft und Ironie mit dem aufkeimenden Fundamentalismus nach der "Jasminrevolution" in ihrer Heimatstadt Tunis auseinander. Dort wuchs die Tochter eines Tunesiers und einer Ukrainerin bis zu ihrem zwölften Lebensjahr auf, bevor ihre Eltern in die Vereinigten Arabischen Emirate umzogen. "Smell" hat sie die mit Jasminblüten bestickte Salafisten-Flagge betitelt, deren floraler Schriftzug innerhalb kürzester Zeit seinen betörenden Duft verliert und nichts als vertrocknete Blüten und den blanken schwarzen Fahnengrund zurücklässt.

Steckbrief

Geboren: Tunis, Tunesien, 1978.

Wohnort: Berlin.

Ausbildung: Akademie der Bildenden Künste, Tunis und Panthéon-Sorbonne, Paris.

Galerie: Lawrie Shabibi, Dubai; Experimenter, Kalkutta.

Initialzündung: Ich konnte nicht Tänzerin werden, also habe ich zu malen begonnen.

Höhepunkt: Ich habe mich sehr gefreut zu erfahren, dass eine meiner Arbeiten Teil der ständigen Sammlung des New Yorker MoMA ist.

Tiefpunkt: Die Schließung meiner Berliner Galerie.

Helden: Ich warte noch darauf vielleicht Al-Kahina?! Credo: Glaube an deine eigene Utopie. Ein Rat, der ihnen geholfen hätte: Sorge dich nicht um die Zukunft, das ist nutzlos. Warum Künstler, nicht Banker?: Ich habe nie daran gedacht, in einer Bank zu arbeiten; außerdem handle ich lieber mit echten Werten.

http://www.nadiakaabilinke.com

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