Viennafair 2012

Kunstmesse Wien

Die Entlarvung der Kunstwelt
An der Koje der Kai Middendorff Galerie auf der Viennafair 2012 Ekrem Yalcindag: "Impressions from the Streets", 2011, Öl auf Leinwand, Durchmesser 200 cm (Foto: © Viennafair/Piers Erbslöh)

DIE ENTLARVUNG DER KUNSTWELT

122 Galeristen nahmen dieses Jahr an der Viennafair 2012 teil, der größten zeitgenössischen Kunstmesse in Österreich. Die Messe polarisierte, denn Kunst wird nun als Investment bezeichnet – trotz neuer Leitung und neuem Nachnamen blieb aber vieles beim Alten
// ALMUTH SPIEGLER, WIEN

Wo ist der Bus mit den 136 Oligarchen? Das war die "running question" der gerade zu Ende gegangenen "Viennafair", die sich jetzt nicht nur "The new contemporary" mit Nachnamen nennt, sondern auch eine völlig neue Führung und Besitzerstruktur hat.

"Die Russen" haben nämlich im Januar Österreichs einzige große Zeitgenossen-Messe übernommen, allen voran Sergey Skaterschikov, der in Deutschland für ein anderes Finanzkonstrukt auch die Übernahme von "Artnet" anführt. Der smarte Investment-Spezialist, der in New York mit Skate’s einen Kunstbörsenbeobachter betreibt, hat gerade das konservative Wien dazu auserkoren, zur Teststrecke neuer Trends am Kunstmarkt zu werden.

Was sich im Vorfeld alles total aufregend (in alle emotionalen Richtungen) anließ – zwei coole neue junge Leiterinnen mit Ost-Background (Vita Zaman und Christina Steinbrecher, die als Models auch gleich das Werbeplakat bestritten). Eine ordentliche Finanzspritze. Neue junge Sammler vor allem aus Ost- und Südosteuropa. Dadurch endlich auch respektable Einnahmen für die Galerien, was in Wien schon immer das Problem war. Ein eigener Kunst-Fund, dessen Jury fünf Jahre lang eine Million Euro auf der Messe investieren soll. Investieren. Das war das Schlagwort, das polarisierte – nie wurde Kunst so direkt als Investment bezeichnet, wie in den Pressekonferenzen vor der ersten "Viennafair" unter neuer Leitung. Nie wurde so brachial die Kunstwelt als "Art Industry" entlarvt wie hier, wo man als Rahmenprogramm ein international besetztes "Art Industry Forum", gleichzeitig zur Messe abhielt.

Oligarchen waren nicht in Sicht

Womit man schon bei der Hauptfrage wäre: Wo blieb der Bus mit den 136 Oligarchen? Der blieb anscheinend im üppigen, für gewisse Sammler teils luxuriösen Rahmenprogramm stecken, bei dem sich Zaman/Steinbrecher sichtlich ins Zeug gelegt haben. Während die Messe eröffnet wurde, lauschten die Art-Business-People den Vorträgen über ihre Kunstaktien-Kurven beim "Art Industry Forum" und streiften nicht ein Stockwerk darunter durch die Halle, wo 122 Galeristen, darunter die geschlossene Wiener Szene, erstaunt eine vergleichsweise ruhige Preview und Vernissage beobachteten. Was vielleicht damit zusammenhing, dass die Messe irgendwie vergessen zu haben scheint, die VIP-Karten der Galeristen rechtzeitig auszusenden. Oder dass gleichzeitig das Belvedere im 21er Haus seine dritte große Ausstellung eröffnete: "Keine Zeit" heißt sie sinnig.

Keine Zeit hatten wohl auch viele der eingeladenen Sammler, die zwischen Dinners, Partys, Spezialführungen, Shopping und Oper wohl etwas abgelenkt waren von ihrer Hauptaufgabe, nämlich für den versprochenen Kaufanstieg zu sorgen. So blieb vielen Galeristen die noble Aufgabe, sich vor allem über die vielen "Kontakte" zu freuen, denn tatsächlich ist die "Viennafair" auch eine wesentliche Informationsbörse. Was kein Feigenblatt ist – durch das bereits traditionell – ja, parallel zur Messe abgehaltene internationale Kuratorenprojekt "curated by" in 22 Wiener Galerien, sind tatsächlich viele Opinion Leader in der Stadt. Hier zeigen die besten Wiener Galerien in sorgfältigen, intelligenten Ausstellungen die Kür, bei der "Viennafair" eher die Pflicht, das heißt vor allem schöne Gemischtwarenstände.

Viele der wegen "curated by" in der Stadt weilenden Kuratoren und Museumsleute schätzen trotzdem die tatsächlich einzigartige Möglichkeit der Messe, hier einen Überblick über einen gesamten Kulturraum zu erhalten – ein Drittel der Galerien kommt hier schließlich aus Ost- und Südosteuropa, dieser Schwerpunkt macht die "Viennafair" zu Recht einzigartig. Die Istanbuler Galerienszene hat, wie bereits voriges Jahr, einen eigenen gesponserten Auftritt. Eine etwas hineingedrängt wirkende Sonderschau zeigte junge Kunst aus fünf Ländern, von denen einem sonst nicht so schnell ein Vertreter einfällt – Aserbaidschan, Weißrussland, Georgien, Kasachstan und Ukraine.

Vieles blieb beim Alten

Ansonsten haben die beiden neuen Leiterinnen aber vor allem auf Vorhandenem, auf der Arbeit des in Rekordtempo abgelösten Leitungsduos Georg Schöllhammer/Hedwig Saxenhuber aufgebaut, aufbauen müssen, sie hatten schließlich nicht einmal neun Monate für "ihre" Messe. So blieb vieles beim Alten, große neue Statements seitens der Messeleitung waren nicht zu erkennen. Es gab auch keine "Oligarchen-Kunst", die wären wohl am ehesten beim Sotheby’s-Stand mit Diamanten und Warhols hängen geblieben. Das Angebot der "Viennafair" richtet sich weiterhin an ein durchschnittliches bürgerliches Sammler-Budget. Positiv war eine sehr großzügige, vielleicht die beste Messegestaltung, die die Viennafair in ihren acht Jahren hatte. Die Jury der "Art Vectors Investment Partnership", dem sogenannten "Kunstfonds", darunter Nicolaus Schafhausen, designierter Wiener Kunsthallen-Chef, arbeitete tatsächlich äußerst gewissenhaft. Jede Galerie konnte drei Einreichungen machen, die Jury wählte 50 Arbeiten als Grundstock dieser seltsamen neuen Sammlung, die Investition und Unterstützungsprogramm gleichzeitig sein soll – Investition für die unbekannten Geldgeber, Unterstützung für die Museen im Osten, denen die Kunst geliehen werden soll. Viele der Wiener Galerien sind dabei bedacht worden, hört man. Die Galerie Charim etwa konnte die klingelnde "Kanonen"-Box des Moskauers Andrei Monastirsky verkaufen. Erst einmal soll nämlich Kunst aus Ost und Südost erstanden werden, um dem ganzen ein Profil zu geben, was wohl den treuesten und substanziellsten Viennafair-Kooperationspartner "Erste Bank" an die eigene Sammlung erinnern wird. Alles in allem muss man sagen – ein ruhiger, unaufgeregter Start für die "neue" Viennafair. Vor allem nach den, vielleicht falsch verstandenen Glamour-Versprechungen im Vorfeld.

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1 Leserkommentar vorhanden

facit

10:03

26 / 09 / 12 // 

Sic transit gloria mundi

Eine Industrie ist ohne Zweifel aus der Kunst geworden. Kunsthandwerker, Manufakturen und Unternehmer stellen für gehobene Kundschaft irgendwelche frechen oder pseudo-bedeutungsvollen Artefakte und Einzelstücke her, organisieren deren möglichst pompöse Ausstellung, schreiben schmeichlerisch über sie, oder (ganz unten in der Nahrungskette) reichen Schnittchen und Sekt im Rahmen eines Galerie-Praktikums. Das kann man interessant finden, muss man aber nicht, zumal sich die Edelware doch oft sehr gleicht, und umso langweiliger und verlogener wirkt, je "rebellischer" und "nonchalant" sie noch daherkommt. Alles andere, wirkliche findet zunehmend in unschenbaren Nischen statt, in denen man zunehmend peinlichst darauf achtet, jeden Kontakt zur "Industry" und ihren Protagonisten zu meiden. Denn nirgendwo schmilzt eigenes kulturelles Kapital so schnell zusammen wie in der Rolle des Glamourgirls oder Hofnarren für Reiche: Der Marktwert mag steigen, die Locations exclusiver werden, aber der Glanz ist doch dahin.

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