Documenta 13

Kassel



"WE WANT MORE!"

Gute Laune, Performances, Musik und lange Warteschlangen – in Kassel ging am Wochenende die documenta 13 zu Ende. Mit 860 000 Besuchern wurde ein neuer Rekord erreicht. Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso nutzte die letzte Gelegenheit die weltgrößte Kunstausstellung zu sehen und zeigte sich begeistert.
// SÜNJE TODT, KASSEL

"Da muss wohl eine Disko sein", wundert sich am Samstagabend eine Kasselerin über die lange Warteschlange auf dem Königsplatz. Die trendig gekleideten Besucher verschiedener Nationen stehen jedoch nicht für einen neuen Club in der Innenstadt an, sondern für den Einlass zur Performance "Reanimation" von Joan Jonas, die ihre gleichnamige Arbeit im Auepark ergänzt.

Dreimal hat die 1936 geborene Jonas bereits an der documenta teilgenommen, die meisten in der Schlange gehörten damals vermutlich noch nicht zur Besucherschar der Großausstellung. Nach längerer Wartezeit passen sie dann tatsächlich alle in das Kaskade-Kino und applaudieren lang nach der etwa einstündigen Performance, die Musik, Bilder, Video und Bewegung in einer Art Collage miteinander verbindet.

Warten muss man an diesem Wochenende mancherorts in Kassel. Die 100 Tage der documenta 13 gehen zu Ende und viele ergreifen die letzte Chance, die Ausstellung zu sehen. Diejenigen, die es bis jetzt noch nicht geschafft haben nach Kassel zu kommen, und die, die noch einmal die Atmosphäre genießen oder ihre Lieblingsorte besuchen wollen, reihen sich vor den Eingängen des Fridericianums, des Kulturbahnhofs und der Ticketschalter. "Man gewöhnt sich an das Warten", sagt eine Besucherin. Allgemein sieht man die Situation eher entspannt. Schaffen tut man sowieso nicht mehr alles, immerhin stellen über 300 Künstler an etwa 60 Orten in Kassel aus. Zumindest sieben Arbeiten bleiben der Stadt erhalten, denn sie wurden von ihr angekauft. Darunter auch der Publikumsliebling "Video Walk" von Janet Cardiff und George Bures Miller, für den man in den vergangenen Tagen zeitweise zwischen zwei und vier Stunden anstehen musste.

Blitzlichtgewitter vor dem Kunstwerk "The Lover" von Kristina Buch auf dem Friedrichsplatz. Auch der EU-Kommissionspräsident Barroso nutzt die letzte Gelegenheit die Documenta 13 zu besuchen. Gerne wäre er schon früher gekommen, aber wegen der Eurokrise habe er es nicht geschafft. "Ich bin beeindruckt und mag das Konzept der documenta", sagt er während des Pressetermins am Samstagvormittag, und man fragt sich, ob er tatsächlich vom "Nicht-Konzept" spricht, das Carolyn Christov-Barkagiev für ihre documenta in Anspruch genommen hat. "Wir können stolz darauf sein, dass eine solche Ausstellung in Europa stattfindet." Die Kreativität, die ihm auf seinen Reisen begegne, gebe ihm Zuversicht für die Zukunft Europas. Es ist bereits die zweite documenta, die Barroso besucht. Die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst Eva Kühne-Hörmann lud ihn schon mal für die nächste Schau in fünf Jahren ein.

Die letzten beiden Tage der Ausstellung locken aber nicht nur noch einmal viele kunstinteressierte Gäste aus aller Welt nach Kassel, sondern bieten auch ein dichtes Programm aus Vorträgen, Performances, Konzerten und Lesungen. Im Ständehaus findet etwa der zweite Teil der Konferenz über Samen und Multispezies statt. Eröffnet wird sie von dem britischen Schriftsteller, Musiker und Kulturwissenschaftler Georg McKay. Der spricht unter Bezug auf sein Buch "Radical Gardening" über die Geschichte von Gärten, Landschaften und Pflanzen in alternativen Kulturbewegungen. Sein Ausruf "Resistance is fertile!" zum Ende des Vortrags erntet Applaus. Es folgt documenta-Künstler Jimmie Durham, am Nachmittag spricht unter anderem die Physikerin und Umweltaktivistin Vandana Shiva.

Pink Lipstick, Glatter Genfer, Fantasia Orange – diese und weitere Mangoldsorten aus aller Welt stehen zum Kosten auf Tischen in der Karlsaue. Der Schweizer Künstler Christian Philipp Müller lädt vor seinem documenta-Kunstwerk "Mangold-Fähre (Der Russe kommt nicht mehr über die Fulda)" zum "Swiss Chard Ferry Tasting" ein. Neben dem puren Mangold gibt es zehn unterschiedliche Rezepte zu probieren, die der Künstler gesammelt hat. Mehrere Hundert hungrige documenta-Gäste reihen sich vor dem Buffet auf. "Ich probier's mal mit der Nachkriegszeit", erzählt eine Besucherin und erklärt, dass am Ende der Schlange ein Gericht aus dem Kriegskochbuch der Mutter des Künstlers serviert wird.

Vor dem Fridericianum bildet sich am Samstagabend eine Menschentraube, als der in Beirut geborene Künstler Tarak Atoui eine Soundperformace aufführt. Elektronische Sounds, die für den normalen Clubbesucher ungewöhnlich komplex klingen und mit bizzaren Beats zum ekstatischen Tanz einladen könnten, schallen über den Friedrichsplatz. Mit höchster Konzentration und vollem Körpereinsatz beeindruckt Atoui das Publikum, das dem Künstler gebannt zuhört.

Am Sonntag geben die Veranstalter bekannt, dass die 13. documenta mit 860 000 Besuchern einen neuen Rekord aufgestellt hat. Ein Grund mehr für die gute Laune zum Ende der weltgrößten Kunstausstellung. Gegen 20 Uhr verlassen die letzten Besucher die Ausstellungsräume des Fridericianums. Schaulustige haben sich bei schönem Wetter vor dem Gebäude auf dem Friedrichsplatz versammelt. Als der Oberbürgermeister der Stadt Kassel, Bertram Hilgen, und der Geschäftsführers der documenta, Bernd Leifeld, offiziell die Türen schließen, skandiert die ausgelassene Menge "We want more! We want more!" Nur auf Carolyn Christov Bakargiev warten alle vergebens.

Die documenta 13 endet mit der Performance "Shut Up. Actually, Talk. (The world will not explode)" der Künstlerin Chiara Fumai auf dem Dach des Fridericianums. Im Anschluss rollen die letzen Besucher ihre Koffer zum ICE-Bahnhof in Wilhelmshöhe und lassen sich erschöpft in die Sitze fallen. In den nächsten Tagen beginnt der Abbau, die documenta-Mitarbeiter ziehen zurück in die großen Städte und Kassel ist wieder Kassel, wenn auch um eine gefeierte documenta reicher.

documenta (13)

9. Juni bis 19. September 2012 in Kassel

http://www3.documenta.de

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1 Leserkommentar vorhanden

Thierry Geoffroy/ Colonel

13:21

20 / 09 / 12 // 

The next documenta should be curated by a tank

http://globalartmuseum.de/site/site/guest\_author

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