Monica Bonvicini

Interview



"DAS TOLLE AM KÜNSTLER SEIN IST DOCH, DASS MAN ALLES MACHEN KANN..."

Monica Bonvicini ist im Kunstbetrieb einer der gefragtesten Frauen. art sprach mit ihr über die zugewiesene Rolle als Gender-Künstlerin, welche Bedeutung das Medium Zeichnung für sie hat und wann sie eigentlich beschlossen hat Künstlerin zu werden.
// UTE THON, HAMBURG

art: Eine Ausstellung nur mit Zeichnungen, über 600 Stück – das ist neu. Sie sind für monumentale, aggressive Installationen mit Lederriemen, Ketten, Spiegeln und Neonröhren bekannt. Warum jetzt der Wechsel zum Medium Zeichnung?

Monica Bonvicini: Die Idee zu dieser Ausstellung hatte ich schon vor fünf Jahren. Ich habe immer viel gezeichnet, und es war an der Zeit diese Arbeiten zu zeigen.

Die meisten Zeichnungen sind zuvor noch nie ausgestellt worden, für viele Leute ist das neu. Für mich sind diese Zeichnungen genauso wichtig wie die Installationen, Skulpturen und Videoarbeiten.

Von Zeichnungen sagt man, sie trügen oft eine persönlichere, intimere Handschrift als fertige Gemälde oder Skulpturen. Was verraten Sie uns mit diesen Arbeiten? Sind es Vorstudien oder eigenständige Werke?

Beides. Es sind eigenständige Arbeiten. Aber manche Gruppen habe ich gemacht, als ich an bestimmten Projekten arbeitete. Doch es gibt sehr wenige Zeichnungen in dieser Ausstellung, die nur Skizzen sind. Ich zeichne oft, um meine Gedanken zusammenzufassen, daraus entstehen manchmal neue Arbeiten.

Da gibt es zum Beispiel eine Werkgruppe mit 15 Zeichnungen auf Transparentpapier, die frei im Raum hängen. Sie zeigen Motive von historischen Architekturen kombiniert mit Frauenbildern in pornografischen Posen. Wie sind die entstanden?

Die Zeichnungen sind 1995 in London entstanden. Dahinter steckt eine jahrelange Recherche. Sie sind sehr durchdacht und penibel gezeichnet, beidseitig auf Transparentpapier. Darum gibt es auch keine Vorder- und Rückseite. Sie sind fast parallel zu der Zeit der Videoinstallation "Wallfuckin" entstanden und zeigen, womit ich mich damals beschäftigt habe: die Konstruktion von sexueller Identität durch Architektur.

Die Motive sehen abgepaust aus. Welche Quellen haben Sie dafür verwendet?

Es sind Architekturzitate, von der französischen Revolutionsarchitektur des 18. Jahrhunderts über Adolph Loos bis zu manchen Gebäuden, die in den Neunzigern in London gebaut wurden. Dazu stellte ich Körperansichten, zum Beispiel die Hand von Michelangelos David, den Vitruvius-Mann von Leonardo, Figuren aus pornografischen Lithografien aus dem 18. Jahrhundert und aus heutigen Pornomagazinen. Es gibt zum Beispiel leicht bekleidete Damen, die eine Pyramide bilden. Als Vorlage diente mir dabei ein Foto der Eröffnungsparade der Olympiade von 1936. Es ist eine kleine Anthologie der Architekturgeschichte und der Darstellung des Körpers in der Architektur.

Eine andere Werkserie von 2008, "Hurricanes and Other Catastrophies", zeigt zerstörte Häuser in New Orleans. Wie kamen Sie darauf?

Ich habe es irgendwie mit Wirbelstürmen und Flutkatastrophen. Die tauchten schon in früheren Arbeiten von mir auf, zum Beispiel in der Installation "A Violent, Tropical, Cyclonic Piece of Art Having Wind Speeds of or in Excess of 75 mph" von 1998. Im Jahr 2008 nahm ich an der ersten New Orleans Biennale "PROSPECT:1" teil. Ich war Monate zuvor dort, um mir die Stadt anzusehen – wie es bei solchen Veranstaltungen üblich ist, wurde ich in Gegenden mit sozialen Brennpunkten, umhergeführt. Das ist die Form von Tourismus, die man Biennale-Künstlern zuschreibt. Also war ich in verschiedenen Stadtvierteln, die vom Hurrikan Katrina am meisten zerstört wurden. Dort habe ich Fotos gemacht, die ich später im Studio gezeichnet habe. Die Serie "Hurricanes and Other Catastrophies" besteht aus ungefähr 30 Bildern, von Einfamilienhäusern in den USA der dreißiger Jahre bis jetzt, die von Wirbelstürmen zerstört wurden. Manche Zeichnungen haben als Vorlagen die Katrina-Zerstörung, manche nicht. Die ersten zwei habe ich noch ziemlich intakt gezeichnet, aber später wurden sie immer dreckiger und rabiater. Mir ging es auch darum den Bankrott einer bestimmten Gesellschaft zu zeigen.

Ist es Zufall, dass diese Bilder zu einer Zeit entstanden, als in Amerika gerade die Finanzkrise losbrach, die ja zunächst als Krise des Immobilienmarkts gesehen wurde? Oder darf man diese von brutalen Kräften zerstörten amerikanischen Eigenheime auch als Kapitalismuskritik verstehen?

Ja, die Parallele ist bewusst und so gewollt. In Amerika kann man sein Haus in Sekundenschnelle durch eine Naturkatastrophe verlieren oder durch eine Finanzkrise. Der Privatbesitz ist zwar noch da, aber er hat keinen Wert mehr.

Amerika taucht in ihrem Werk häufiger auf. Sie haben in Kalifornien studiert und später dort auch unterrichtet. Wie prägend war diese Zeit für Sie?

Das hat mich selbstverständlich beeinflusst. Ich habe viele Freunde dort. Vielleicht gehen die Leute in 20 Jahren zum Studieren nicht mehr in die USA, sondern nach China. Doch meine Generation ist sehr verbunden mit der nordamerikanischen Kultur. Das Studium am Cal Arts hat mir sehr geholfen. Es war mein zweiter Umzug, zuerst von Italien nach Deutschland und dann von Berlin nach Los Angeles. Das hat mich befreit, ich habe die Zeit in den USA als unglaublich konstruktiv und frei erlebt. An der HdK in Berlin fehlte zu jener Zeit die Theorieabteilung, am Cal Arts gab es sehr viel Theorie, das Studium war sehr marxistisch ausgerichtet, das entsprach mehr der Art, wie ich in Italien groß geworden bin. Unter den Studenten gab es auch mehr Kollaborationen und Unterstützung. Und ich fühle mich der englischen Sprache näher als der deutschen.

Das merkt man auch an Ihren Werktiteln, die fast alle in Englisch sind.

Ja, daran merke ich auch, wie mein Englisch besser wird. Am Anfang habe ich vieles falsch buchstabiert.

Manchmal spielen Sie aber auch ganz bewusst mit solchen Fehlern. Der Titel Ihrer Hamburger Ausstellung lautet "Desire Desiese Devise" mit einer bewussten Falschschreibung. Was wollen Sie damit sagen?

Ich finde das ganz verständlich. Es ist symptomatisch, wie ich mit Sprache umgehe. Mir geht es um eine Mischung aus Bedeutung und Schriftbild, die man konstruiert und aufbaut. Bei dem Titel habe ich mir ein freudianisches Spiel mit Begriffen erlaubt, die mit D anfangen. Für mich ergibt der Titel eine logische Folgerung.

Noch einmal zurück zu den amerikanischen Einflüssen: In früheren Gesprächen erwähnten Sie so unterschiedliche Künstler wie Donald Judd, Bruce Nauman und Mike Kelley. Inwieweit waren die wichtig für Ihr Werk?

Als Studentin habe ich mich für viele Künstler interessiert. Ich mochte Donald Judds Zeichnungen, die eigentlich ganz falsch und ein bisschen unbeholfen waren, weil er keine Perspektiven zeichnen konnte. Das konnte ich auch nicht. Bruce Nauman wiederum ist jemand, um den kommt man einfach nicht herum, wenn man Skulpturen macht. Er war für mich wichtig, auch was den Umgang mit Sprache und Humor angeht. Eva Hesse wiederum, über die damals alle redeten, fand ich überbewertet. Da fand ich Performance-Künstlerinnen wie Valie Export, Carolee Schneemann oder Joan Jonas, die das Atelier verlassen hatten und ihre Sachen auf der Straße machten, spannender. Mike Kelley – und natürlich auch Paul McCarthy – sind einfach zwei ganz große Künstler, die ich wahnsinnig liebe, weil sie alles machen: Skulpturen, Performance, Zeichnung, Malerei. Sie sind beide wunderbare Zeichner und irgendwie auch Renaissance-Künstler. Das Tolle am Künstler sein ist doch, dass man alles machen kann, warum sich also nur auf ein Medium begrenzen?

Auch wenn Sie gern alles machen wollen, in der Kritik werden Sie immer wieder als die Künstlerin genannt, die sich mit Geschlechterrollen und Feminismusfragen beschäftigt. Nervt Sie das?

Am Anfang hat mich das schon genervt, weil alle meine Arbeiten unter diesem Gender-Aspekt gesehen wurden, auch die, die damit gar nichts zu tun hatten. Aber natürlich ist das auch nicht ganz falsch. Als Frau wird man da oft besonders kritisch betrachtet. Als ich in den Neuzigern "Wallfuckin" ausgestellt habe, waren viele Leute enttäuscht und sauer auf mich, weil ich nicht die nackte Frau in dem Video war. Sie sind einfach davon ausgegangen, dass ich in so einer politisch motivierten Arbeit, die an Schwarzweißfilme von Performances aus den Ziebzigern erinnert, selbst die Protagonistin spielen müsste. Und dass es normal ist, dass ich mich selbst nackt ausziehe und Körperkunst mache, weil viele Künstlerinnen der Siebziger es so gemacht haben.

Harald Falkenberg versucht im Katalog eine Neubewertung Ihres Werks, wobei er Ihrer italienischen Herkunft, der Arte Povera und der poststrukturalistischen Philosophie besondere Bedeutung zuschreibt. Liegt er da richtig?

Früher hat es mich immer genervt, wenn die Leute auf meine italienischen Wurzeln zurückgegriffen haben. Ich war 19, als ich Italien verlassen habe, und die Teenagerjahre dort waren schon eine sehr prägende Zeit. Es waren sehr politische Jahre, in denen ich ziemlich aktiv war. Auch in den ersten Jahren in Berlin bin ich zu allen möglichen Demos gegangen. Die Poststrukturalisten haben in den neuziger Jahren auch eine große Rolle gespielt. Michel Foucault habe ich als Teenager gelesen. Und ich finde diese Art von Collage, da steckt schon auch ein bisschen Jacques Derrida und Gilles Deleuze drin und die Idee, dass man ein Buch irgendwo aufschlagen kann und diese Seite mit der Seite eines anderen Buches zusammen bringen kann. Ich habe William Borroughs Cut-up-Methode auch sehr geliebt.

Wann haben Sie beschlossen, dass Sie Künstlerin werden wollten?

Ich wollte zu einem Kunst-Gymnasium, doch meine Eltern waren von der Idee nicht begeistert. Als es aber Zeit war zur Uni zu gehen, war ich zwischen Soziologie, Politikwissenschaften oder eben Kunst unentschlossen. Ich nahm mir ein Jahr Bedenkzeit und began dann an der HdK in Berlin Malerei zu studieren. Aber schon im Grundstudium sagte mir eine Professorin, ich sollte es lieber mit Bildhauerei versuchen. Doch ich malte erst mal weiter vor mich hin. Bis ich eines Tages mein Atelier aufräumen musste für eine Ausstellung und alle Farben und Pinsel wegpackte. Danach habe ich sie nie mehr ausgepackt. Stattdessen habe ich viel gezeichnet und irgendwann auch angefangen, kleine Modelle zu bauen. Aber ich bin so ungeduldig und kann keine kleinen Sachen bauen. Erst als ich nach Los Angeles ging, habe ich angefangen, das zu machen, was ich jetzt mache.

Zum Beispiel ein Video, wo eine Frau ein Haus auf dem Kopf trägt und damit gegen eine Wand schlägt. Diese Arbeit "Hausfrau Swinging" von 1998 erinnert mich an frühe Arbeiten von Louise Bourgeois, ebenso wie der Zyklus von Bildern mit gestickten roten Zangen auf weißem Papier hier in der Ausstellung. Gibt es da einen Bezug?

"Hausfrau Swinging" entstand direkt aus der Beschäftigung mit Bourgeois’ Bild "Femme Maison", das ich lange in meinem Atelier hängen hatte. Und ihre Zeichnungen finde ich einfach wunderbar, gerade weil sie teilweise richtig beschissen sind. Es gibt da eine schöne Zeichnung von ihr mit einem Frauengesicht, das ein Kind verschlingt. Als sie gefragt wurde, was das bedeuten würde, vielleicht die symbolische Darstellung der Geburt, meinte sie ganz frech: Nein, manchmal nerven Kinder einfach so, dass man sie am liebsten auffressen würde. Dafür mag ich sie, auch dass sie niemals aufgegeben hat und einen wahnsinnigen Humor hat.

Humor ist ein gutes Stichwort. Ihre Arbeiten werden oft als bedrohlich, kalt oder traumatisch beschrieben, selten jedoch lobt jemand Ihren Witz. Dabei finde ich viele Ihrer Sachen wirklich komisch.

Für mich ist Humor ganz wichtig. Ich mag alles nicht, was steif und arrogant ist. Humor hilft, sich nicht zu ernst zu nehmen. Ich denke, in dieser Ausstellung gibt es viel zum Lachen. Ich war letzte Woche bei dem Lithografen, der an dem Katalog arbeitet. Ich dachte, der sei total genervt, weil er fast 700 Zeichnungen freistellen muss. Aber er sagte, es sei zwar ziemlich viel Arbeit, aber er habe sich dabei fast totgelacht.

"Desire Desiese Devise"

Die Ausstellung von Monica Bonvicini ist noch bis zum 18. November 2012 in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg zu sehen.

http://www.deichtorhallen.de

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1 Leserkommentar vorhanden

Holger E. Dunckel

18:14

02 / 10 / 12 // 

Sehnsüchte Erkrankungen Vorrichtungen – BONVICINI … in guter Nachbarschaft

Zitate aus der Kunst- und Architekturgeschichte, aus Lyrik, Musik und Werbung verflechten tatsächlich virtuos Eleganz und Punk. "Gay construction workers beatoff and stroke their cocks and piss on eachother". - Die Ausstellung in ihrer Gesamtheit wird dem Titel der dimensional dominanten Arbeiten durchaus gerecht: „ Hurricanes and Other Catastrophes“ ... auch wenn sich dem Besucher eine auf den ersten Blick “harmlose“ Ausstellung zu präsentieren scheint. ... TEXT:http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/557012/Sehnsuechte-Erkrankungen-Vorrichtungen-BONVICINI-in-guter-Nachbarschaft

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