Frank Stella

Wolfsburg



DIE PERMANENTE BEFREIUNG VOM MINIMALISMUS

Frank Stella eröffnet seine weltweit umfassendste Retrospektive seit 15 Jahren – in Wolfsburg zeigt man, wie sich ein großer Künstler immer wieder aus dem Klammergriff seiner eigenen Legende befreit
// KITO NEDO, WOLFSBURG

Eine geradezu andächtige Stimmung herrschte am Donnerstag Mittag in Wolfsburg. Markus Brüderlin, der Direktor des Kunstmuseums, hatte die Presse zur Vorbesichtigung der Frank Stella-Retrospektive in Anwesenheit des New Yorker Künstlers eingeladen.

Da waren noch mehr Journalisten als gewöhnlich mit der Bahn in die Autostadt gekommen: Schließlich zählt der 1936 in Malden, Massachusetts geborene Stella zu den ganz großen, bis heute einflussreichen amerikanischen Künstlerfiguren, seit er 1960, zwei Jahre nach seiner Ankunft in New York, mit seinen Black Paintings das Publikum des MOMA in helle Aufregung versetzt und die nächste Sprengstufe der Minimal Art gezündet hatte. Seither fällt sein Name regelmäßig in einem Atemzug mit US-Nachkriegsgrößen wie Jasper Johns, Barnett Newman, Ellsworth Kelly oder Franz Kline. In Wolfsburg wird das Werk des Amerikaners mit italienischen Wurzeln nun mit einer großen Retrospektive geehrt: Über 60 großformatige Werke aus allen Schaffensphasen sowie rund 80 Arbeiten auf Papier machen die Wolfsburger Ausstellung zur weltweit umfassendsten Überblicksschau seit 15 Jahren.

Markus Brüderlin ließ es sich denn auch nicht nehmen, Frank Stella mit den Worten zu begrüßen, er sei selbst ein Stück Kunstgeschichte. Das führte natürlich zu einer schönen, widersprüchlichen Situation, denn das ganze Getue passte ganz und gar nicht zu dem freundlichen, unprätentiösen Mann, der da neben Brüderlin saß. Das ganze Theater, das um Stella gemacht wird, scheint den Maler selbst nicht zu tangieren: Von allen Anwesenden bildet sich die zentrale Figur offensichtlich am wenigsten auf ihren kunstgeschichtlichen Status ein. Im Gegenteil: Der Mann in der dunkelblauen Fleece-Jacke, der im Mai seinen 76. Geburtstag feierte, versprüht in seinem Habitus eher den Witz und die Lebensweisheit jener legendären New Yorker Taxifahrer, die einem mit wenigen Worten die Welt erklären können. Als ihn ein Journalist nach seinen retrospektiven Gefühlen befragt, erklärt er, dass ihn die alten Arbeiten im Grunde nicht mehr viel interessierten: Mit der Kunst sei es wie mit Kindern, die entlasse man schließlich auch nach einer gewissen Zeit in die Selbstständigkeit. Bei Stella kann alles zu Kunst werden. Während der Pressekonferenz trinkt er Fanta – mit der Flasche demonstriert er in der anschließenden Fragerunde, wie die Ideenfindung in seiner Bildhauerei funktioniert: Kurz knüllt er die kleine Plastikflasche mit seiner Hand zusammen, schon entsteht eine neue Form. So könne man das machen, sagt der Künstler – man müsse es aber nicht.

Dem Wolfsburger Publikum rät der Maler, in der Ausstellung seinem eigenen Instinkt zu folgen. Bei der von ihm getroffenen Auswahl sei es darum gegangen, den Ausstellungsbesuchern nicht einen festgelegten, womöglich historischen Rundgang zu präsentieren, sondern eine eher offene Situation zu schaffen, die das Springen zwischen älteren und jüngeren Arbeiten, die "Chance zur Reaktion" ermögliche: "Ich hasse diesen Ausdruck, doch das ist eine ,benutzerfreundliche‘ Ausstellung". Tatsächlich demonstriert die Wolfsburg-Schau nicht, wie da jemand zur Kunstgeschichte erstarrt, sondern eher, wie sich ein Künstler immer wieder dem Griff der Kunstgeschichte entwunden hat, um in Bewegung zu bleiben. Auch wenn Stella der Minimal-Bewegung Mitte der sechziger Jahre mit "What you see is what you see" – "Was man sieht, ist was man sieht" eines ihrer besten Bonmots schenkte: Der Großteil dessen, was nach den frühen Black Paintings kam, war die permanente Befreiung vom Minimalismus. Nur so ist die ganze zwei- und dreidimensionale Explosion von Formen, Farben und Materialien erklärlich. Diesen Kampf hat er also gewonnen. In Wolfsburg sieht man auch den Einfluss, den Stella auf die folgenden Generationen von abstrakt arbeitenden Künstlern hatte: Sarah Morris, Franz Ackermann, Thomas Scheibitz oder Anselm Reyle dürften ihm viel zu verdanken haben.

Frank Stella – Die Retrospektive. Werke 1958-2012

Bis 20.1.2013

Am Samstag, 8. September, 19.30 Uhr, in der American Academy Berlin: A Conversation with Frank Stella – Hanno Rauterberg (Die Zeit) im Gespräch mit dem Künstler, zu sehen auch per Livestream

http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de

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