Humanism in China
Dresden
TAI-CHI STATT TIBET
Ein kalter, feuchter Aprilmorgen auf der Brühlschen Terrasse in Dresden: Ein Tai-Chi-Meister im hellblauen Kittel gibt eine Gruppenstunde in asiatischer Bewegungskultur. Anfangs sind weit mehr Reporter und Fotografen vor dem Ausstellungsgebäude Lipsius-Bau zugegen, als Tai-Chi-Interessenten. Das wird sich hoffentlich ändern, denn bis Anfang Juni bieten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden jetzt jeden Freitag um halb elf dieses sanfte Ertüchtigungsspektakel an, in Zusammenarbeit mit einer großen Krankenkasse.
Als Rahmenprogramm der Ausstellung "Humanism in China" soll das Tai-Chi-Angebot Besucher in die umfangreiche Präsentation von Dokumentarfotografie aus dem Reich der Mitte locken. Nach erfolgreichen Stationen in Frankfurt, Stuttgart, Berlin und München hatte sie auch in Dresden Ende Februar einen guten Start. Doch dann wurde die Schau von den Ereignissen in Tibet überschattet. Im Dresdner Szeneviertel Neustadt wurden Plakate mit Kommentaren wie "Free Tibet" übersprüht. Martin Roth, Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, musste sich fragen lassen, welche Konsequenzen er für seine groß angelegte Ausstellungsreihe "China in Dresden" vor dem aktuellen politischen Hintergrund ziehe. Handlungsbedarf sieht er nicht: "Das ist wie im Sport. Ein Boykott würde die Falschen treffen. Würden wir eine Ausstellung absagen, würde das in Peking so viel bewirken, als ob dort ein Sack Reis umfällt. Das würde nur hier, bei uns auffallen und wäre also nicht mehr als eine Art Selbstbefriedigung." Also ungestört weiter mit Tai Chi und "Humanism in China".
Dabei irritierte der seltsame Titel bereits im Vorfeld, denn es sind ja nicht unbedingt die humanistischen Qualitäten, mit denen das Großreich in die internationalen Schlagzeilen kommt, sondern vielmehr Wirtschaftsboom und Menschenrechtsverletzungen. Doch da die Ausstellung ein aus Shanghai übernommenes Gastprojekt ist, übernahm man das Motto gleich mit. In einem ellenlangen Wandtext vor Ort versucht man nun zu erklären, wie kulturell verschieden der Begriff Humanismus ausgelegt werden könne. Altmodische Deutungen aus der Zeit der europäischen Aufklärung haben offensichtlich ausgedient. Und irgendwie enthält der Ausstellungstitel ja den Verweis auf menschliche Präsenz und um die geht es ja auf den Bildern im Übermaß, warum sich also mit definitorischen Haarspaltereien aufhalten? Der ästhetische und exotische Sog der Ausstellung spricht für sich – meist in Schwarzweiß wird ein überwältigendes Panoptikum chinesischer Alltagskultur seit etwa 1978 angeboten.

