John Cage

100 Jahre



DIE MUSIK DER STILLE

Er war ein Revolutionär der Musik: Mit Kompositionen im klassischen Sinne hatten die Werke des Amerikaners John Cage (1912 bis 1992) nichts mehr zu tun. Ihn interessierte, was wir hören, wenn es angeblich still ist: Geräusche, absichtslos und zufällig gemischt. Damit veränderte er nicht nur die Musikwelt, er trat auch in Verbindung zu Künstlern wie Marcel Duchamp. Zum 100. Geburtstag wird das Werk von John Cage auch in Museen gefeiert – ein Porträt
// THOMAS WAGNER

Was geschieht, wenn mitten im Konzert eines Pianisten, der, sagen wir, eine Fuge von Bach spielt, ein Zuhörer niest, die Sirene eines Krankenwagens oder das Quietschen einer vorbeifahrenden Straßenbahn in den Raum dringen?

Lauschen die Zuhörer noch einem Werk von Bach? Oder entsteht jeweils ein neues, aktuelles, weil sich der Werkcharakter für den Zuhörer in diesem Moment verwandelt? Und gilt dasselbe nicht auch, wenn auf ein Ölgemälde an der Wand ein Schatten fällt, sich das Licht verändert oder sich der Betrachter in dessen Verglasung spiegelt?

Die Fragen, die John Cage (1912 bis 1992) sich stellt, sind so diffizil wie seine Antworten folgenreich. Für ihn ist die Sache klar: Die Vorstellung, ein Werk sei abgeschlossen, wenn es der Künstler vollendet hat, lässt sich nicht halten. Wenn einer niest, während ein anderer Bach spielt, entsteht ein neues Werk. Was für Cage zählt, ist die Erfahrung, die man macht, wenn man alle vorhandenen Klänge und Geräusche wahrnimmt. Überhaupt gibt es zwischen dem fertigen Kunstwerk und dem alltäglichen Leben keine Gren­ze. Kunstwerke sind für Cage keine unabänderlichen Tatbestände, sie sind, wie die Bilder des Alltags und die Geräusche des Lebens, lediglich Material.

Der "Polyartist" Cage hat nicht nur den in sich geschlossenen Werkbegriff radikal in Frage gestellt und dem Künstler eine neue Rolle zugewiesen, er hat die Dinge auch mit Freude auf sich zukommen lassen. Und das mit einer Offenheit, die einen staunen macht. Er möchte mit der Welt in Kontakt treten, dem Wirklichen aber keine Gewalt anzutun. Also erforscht er das Nichtintentionale, Absichtslose: "In den späten vierziger Jahren entdeckte ich experimentell (ich ging in den echolosen Raum an der Harvard University), dass das Schweigen, die Stille, silence, nicht akustisch ist. Es ist eine Bewusstseinsveränderung, eine Wandlung. Dem habe ich meine Musik gewidmet. Meine Arbeit wurde zu einer Erkundung des Absichtslosen. Um ihr konsequent nachzukommen, habe ich eine komplizierte Kompositionsmethode entwickelt, indem ich mich der Zufallsoperationen des I Ging be­diente, wobei ich es als meine Aufgabe ansah, Fragen zu stellen und nicht selber Entscheidungen zu treffen."

Wenn Cage seine Treffen mit Marcel Duchamp schildert, den er 1942 über Max Ernst und Peggy Guggenheim kennenlernt, wird deutlich, was das konkret bedeutet: "Meine Absicht war, mit ihm so oft wie möglich zusammen zu sein und die Dinge auf mich zukommen zu lassen, anstatt sie zu forcieren. Eine eher fernöstliche Einstellung. Nach Meister Eckhart vervollkommnen wir uns nicht durch unsere Taten, sondern durch das, was uns zustößt. Auch Marcel lernt man nicht dadurch kennen, indem man ihm Fragen stellt, sondern im Zusammensein." Cage will niemanden und nichts verstehen, keine Ordnung aus dem Chaos gewinnen und die Schöpfung nicht verbessern; er will Erfahrungen machen.

Eine Linie in Cages Entwicklung ist denn auch eng mit Duchamp verknüpft, mit jenem Ausnahmekünstler, der 1913 mit seinem Gemälde "Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2" bei der New Yorker Armory Show für Aufsehen sorgt und 1916 das für Cage besonders interessante, nachgeholfene Ready-Made "Mit verborgenem Geräusch" herstellt. Bei dem Objekt handelt es sich um ein mit vier Schrauben zwischen zwei Messingplatten eingespanntes Schnurknäuel, in das Walter Arensberg, der Freund und Sammler Duchamps, ein Objekt gelegt hat, das beim Schütteln ein Geräusch macht. Man hört das Geräusch, weiß aber nicht, wodurch es verursacht wird. So bleibt die Bedeutung verborgen und erzeugt eine Fremdheit, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Cage teilt mit Duchamp die Auffassung, dass es der Betrachter oder Hörer ist, der darüber bestimmt, was ein Werk bedeutet. Sein erster großer Werkkomplex der bildenden Kunst von 1969 ist denn auch eine Hommage an Duchamp, der am 2. Oktober 1968 gestorben war. Er nennt ihn "Not Wanting to Say Anything about Marcel", womit er unter anderem auf Duchamps berühmtes Schweigen anspielt.

Den kompletten Text lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von art, dem Septemberheft

John Cage

Er war kein einsames Originalgenie, sondern einer der am besten vernetzten Künstler des 20. Jahrhunderts: Der in Los Angeles als Sohn eines Ingenieurs geborene Cage studierte ab den späten zwanziger Jahren Literatur, Architektur und schließlich Harmonielehre und Komposition. Er war Komponist, Künstler, Denker, Schriftsteller und anerkannter Pilzexperte. Der Tänzer und Choreograf Merce Cunningham war einige Zeit Cages Arbeits- und Lebenspartner, zeitlebens tauschte er sich auch mit bildenden Künstlern aus, von László Moholy-Nagy bis Marcel Duchamp, Mark Rothko und Nam June Paik – bis heute ist sein Einfluss spürbar, vor allem in der Konzeptkunst. Zum Einstieg in sein weitläufiges Werk eignet sich Cages Essaysammlung "Silence" (Suhrkamp Verlag), zuletzt erschien die Biografie "Begin again" von Kenneth Silverman (bisher nur auf Englisch).

Ausstellungen zum 100. von John Cage

Bis 9.9. "A house full of Music", Mathildenhöhe Darmstadt

bis 7.10 "John Cage und ...", Museum der Moderne Salzburg

bis 11.11. "It's John, John Cage", Staatsgalerie Stuttgart

bis 6.1. "Sounds like Silence" Hartware Medienkunstverein Dortmund

21.9. bis 6.1. "John Cage in Bremen", Weserburg

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