12 Rooms

Essen

Die Kunst sehnt sich nach Berührung
Simon Fujiwaras: "Future / Perfect" (© Jörg Baumann / Ruhrtriennale, 2012)

DIE KUNST SEHNT SICH NACH BERÜHRUNG

Hinter jeder Tür wartet ein lebendiges Bild, ein Mitmachstück, eine vom Sockel gestiegene Skulptur. Manchmal lauern sie auch. In den "12 Rooms" im Museum Folkwang verwischt die Grenze zwischen bildender und darstellender Kunst.
// MICHAEL KOHLER, ESSEN

In den Sechziger Jahren sprangen die Darsteller des Living Theatre von der Bühne mitten hinein ins Leben. Als gleichermaßen gut gelauntes wie politisch bis an die Zähne bewaffnetes Überfallkommando zogen sie durch die Straßen, um mit improvisierten Stücken passive Zuschauer in Akteure zu verwandeln und die Grenze zwischen Kunst und Leben einzureißen.

Eine Weile war das so populär, dass man geneigt war zu applaudieren, sobald jemand öffentlich aus der Rolle des bürgerlichen Lebens fiel. Allerdings ging auch das lebendige Theater bald den Weg aller Kunstutopien und endete im Museum – als Performance.

Es ist also nicht ohne Ironie, dass die Ruhrtriennale nun ausgerechnet im Essener Museum Folkwang wieder Grenzen überwinden will. Die Ausstellung "12 Rooms" präsentiert zwölf "Live Acts", alte und neue Kunstwerke mit Schauspielern und Tänzern, die einerseits das Erbe von Aktionskunst und Fluxus-Happening antreten, anders als diese aber mit wechselndem Personal en suite gespielt werden. Für zwei Wochen wartet in Essen hinter jeder Tür ein lebendiges Bild, ein Kammerspiel, ein Mitmachstück, eine vom Sockel gestiegene Skulptur.

Im Grunde ist im Museum Folkwang eine tote Utopie zu sehen. Doch das Erstaunliche ist: Die Leiche sieht so gesund aus wie das blühende Leben selbst. Gleich links vom Eingang betritt der Besucher einen pechschwarzen Raum, in dem sich zwei von Kopf bis Fuß in schwarzen Stoff gehüllte Darsteller wie in Zeitlupe über den Boden bewegen. Sie wirken wie aneinander geschmiegte Schatten, die sich so behutsam durch die Nacht tasten, als folgten sie dem Lauf der Sonne.

Im Raum gegenüber fädelt Roman Ondák einen regen Tauschhandel ein. Ein Schauspieler sitzt an einem Tisch und bitten jeden Besucher, etwas mit ihm zu tauschen. Am besten etwas mit einer Geschichte, und schon beginnt der Mann am Tisch zu erzählen, was es mit dem vor ihm liegenden Ding auf sich hat. So wandern nicht nur allerlei Kleinigkeiten von einer Besuchertasche in die nächste, sondern auch die mit ihnen verbundenen Erinnerungen.

Es ist banal und doch macht es einen besonderen Reiz der Ausstellung aus: dass man nie weiß, was einen hinter der nächsten Tür erwartet. Mit der Aussicht, plötzlich im Mittelpunkt eines improvisierten Theaterstücks zu stehen, spielt Tino Sehgal, der eine junge, von verschiedenen Mädchen dargestellte Kunstfigur namens Ann Lee aus ihrem Leben zwischen Realität und Fiktion berichten und dabei immer wieder Augenkontakt suchen lässt. Man weiß nicht, wie man reagieren soll, da man nicht weiß, wer spricht: die reale oder die fiktive Ann Lee. Ist das Mädchen ein Automat, der ein Programm abspult, oder verändert sich der Text je nach den Reaktionen des Publikums?

Die Mehrzahl der "12 Rooms" folgt jedoch dem Guckkastenprinzip. Einen verblüffenden Bühnentrick führt Xu Zhen vor: Junge Menschen schweben mit dem Oberkörper über dem Boden, als sähen wir das Standbild eines Actionfilms vor uns. Aber wo sind die Schnüre, wo ist das haltgebende Korsett versteckt? Bei Damien Hirst sitzen identische Zwillinge in identischer Kleidung und Haltung unter zwei abstrakten Punktbildern; die Pointe liegt darin, dass Hirts Punkte nur beinahe identisch sind. Etwas schal wirkt daneben die neueste Provokation von Santiago Sierra. Er stellt zwei Veteranen des Jugoslawienkriegs abwechselnd als Mensch gewordenes Schuldgefühl mit dem Gesicht zur Wand in eine Ecke. Oder geht es um die deutsche Oberlehrergesellschaft, die ihre Kriegsheimkehrer vor versammelter Klasse schurigelt?

So verschieden die zwölf Räume sind, eines verbindet sie: Die Darsteller können noch so sehr zu Figuren erstarrt scheinen oder gänzlich in ihre Rolle eingekapselt sein, es bleibt immer das Gefühl, einem Menschen zu begegnen und mit ihm einen persönlichen Moment zu teilen. So scheint sich die Kunstwelt nach dem Kino nun auch das Theater aneignen zu wollen, weil sie sich nach menschlicher Begegnung sehnt. In Essen wird nicht zuletzt die Scheu inszeniert, jemanden zu betrachten, der selbst nicht zurückblicken kann. Bei Marina Abramovic steigert sich diese Scheu zur Scham: Sie hängt eine nackte Frau als lebendiges Altarbild an die Wand; gleißendes Licht formt das Bildviereck, es fällt schwer, ihrem Anblick mehr als einige Sekunden standzuhalten.

Am Ende des Rundgangs ist die Kunstutopie des lebenden Theaters zwar nicht auferstanden – dazu ist die Ausstellung beinahe zu eingängig und dazu hätten die Regisseure selbst aus der Kulisse treten müssen, statt nur Darsteller anzuleiten. Aber ihre Schauspiele verwandeln das Museum eben auch nicht in einen Kontakthof des leicht Konsumierbaren. In den zwölf Räumen wird niemand überfallen, sondern eingeladen, sich über die Schwelle zu wagen. Ein wenig Angst gehört dazu, doch wer die Grenze zum Gegenüber überwindet, wird belohnt.

"12 Rooms"

Museum Folkwang Termin: bis 26. August

http://www.museum-folkwang.de

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