TRACK

Gent



SCHNITZELJAGD DURCH DIE STADT

Favelas, beerdigte Museen, umbauter Glockenturm. Ein faszinierender Parcours durch die belgische Stadt Gent führt zu Kunst an überaschenden Plätzen abseits der bekannten Touristenschauplätze. In einem der Kunstwerke lässt sich sogar spektakulär übernachten.
// KERSTIN SCHWEIGHÖFER

"TRACK" ist eine fesselnde Ausstellung – inspirierend, faszinierend, sie wird kaum jemanden unberührt lassen. Es bedarf lediglich Ausdauer, Entdeckerlust und sportlichen Ehrgeizes auf dem Fahrradsattel.

Denn die Schau folgt der Tradition der "Chambres d’Amis" von 1986, jener legendären Schau, die Jan Hoet, damals Kurator am S.M.A.K, dem Genter Museum für zeitgenössische Kunst, in den Wohnzimmern seiner Mitbürger stattfinden ließ, und die im Sommer 2000 mit "Over the Edges" eine erste Fortsetzung erlebte: Diese Ausstellung zeigte Kunst im öffentlichen Raum, an überraschenden Plätzen.

Das ist nun zwölf Jahre später wieder der Fall: Die Kuratoren Mirjam Varadinis vom Kunsthaus Zürich und Philippe Van Cauteren, Direktor des Genter S.M.A.K., haben rund 40 internationale Künstler ausgewählt, die kreuz und quer in der Stadt ihre Werke zeigen – in Parks und Klostergärten, an Fassaden und Türmen, im Wasser oder in verlassenen Stadtpalästen. Angefangen beim Sint-Pieters-Bahnhof im Süden bis ganz hinauf zum Verbindungskanal im Norden, wo der Belgier Peter Buggenhout in einer verlassenen Boxschule Verpackungsmaterial, Bretter, Blech, Rohre, Wohnwagen- und Schwimmbadteile zu einem fast zehn Meter hohen Ungetüm aufgetürmt hat. Es strahlt eine gefährliche Schönheit aus und droht, den Besucher in sich aufzusaugen.

Der Parcours führt bewusst nicht nur zu bekannten Touristenschauplätzen, sondern auch in abgelegene Immigrantenviertel. Wer sich beim S.M.A.K. ein Rad ausleiht, bekommt einen detaillierten Stadtplan mit auf den Weg; zusätzlich haben die Organisatoren überall Wegweiser aufgestellt. Dennoch kommt sich der Besucher zuweilen vor wie auf einer Schnitzeljagd. Doch das Suchen und Strampeln wird belohnt.

Stumme Zeugen eines schaurigen Schauspiels

Zum Beispiel mit den "Favelas" des Japaners Tadashi Kawamata, der Bretterverschläge in den Kanal am Dampoort-Bahnhof gebaut hat, um mit diesen Slums an die vielen Immigranten zu erinnern, die an Europas Stadträndern "anspülen". Oder dem Museumsfriedhof des Genter Künstlers Leo Copers im Citadelpark mit Grabsteinen für große Museen, in die Namen wie Louvre oder Prado eingraviert sind. Starke Reaktionen rufen auch die farblosen Gipsskulpturen hervor, die der Niederländer Mark Manders in einer verfallenen Patrizierwohnung zurückgelassen hat: Zwischen vergilbten Spiegeln und abblätterndem Putz liegen menschliche Torsi und Tierkörper als stumme Zeugen eines schaurigen Schauspiels, das sich hier abgespielt haben könnte.

Eine geradezu magische Idylle hingegen herrscht am Weinberg der Sint-Pieters-Abtei mit der Freilicht-Bibliothek des Italieners Massimo Bartolini, der Bücherregale zwischen die Reben gestellt hat. Hier kann sich jeder bedienen, schmökern oder selbst Bücher zurücklassen. Und wer bei windstillem Wetter in den nördlichen Himmel guckt, kann den Ballon von Ahmet Ögüt über Gent fliegen sehen: eine dreidimensionale Version des schwebenden Felsen auf dem Gemälde "Le Château des Pyrénées" von René Magritte – allerdings hier nicht von einem Schloss gekrönt, sondern vom sozialistischen Kulturtempel Vooruit, einem Genter Wahrzeichen.

TRACK

Termin: bis zum 16. September 2012 an verschiedenen Orten in Gent, Belgien

Katalog: 29 Euro

http://www.smak.be

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