Dockville

Hamburg

Erweiterung der Bequemlichkeitszone
Das sprachliche Zeichen im Spannungsfeld der Uneindeutigkeit: Mladen Miljanovics "HAHAHA-AHAHAH", Leuchtbachstaben (Foto: Sarah Bernhard/www.sarahbernhard.de)

ERWEITERUNG DER BEQUEMLICHKEITSZONE

Während auf dem Nebenplatz die Vorbereitungen für das Musikfestival in vollem Gange waren, feierte man im MS Dockville Kunstcamp schon ausgelassen. Am Reiherstieg in Hamburg-Wilhelmsburg trafen sich auch diesmal im Vorfeld des Musikfestivals wieder internationale Künstler, Performer und Kollektive. Als Aufwärmphase kann man das Camp schon lange nicht mehr bezeichnen. In seinem sechsten Jahr hat es sich als eigenständiges Format etabliert.
// STEFFI PARLOW

Das MS Dockville Kunstcamp versucht jedes Jahr aufs Neue, Kategorisierungen jeglicher Art aufzubrechen. Bis heute ist vielen nicht klar, wo genau sie das Camp verorten sollen: Kunst? Ausstellung? Interaktion? Konzert?

Doch benötigt man überhaupt permanent diese Einordnungen? Muss man sich immer klar für etwas entscheiden? Genau an diesem Punkt ließ man die Künstler unter dem Motto "Entweder. Oder" in diesem Jahr ansetzen.

Nur ihr eigenes Ding zu machen, interessiert zum Beispiel die Jungs und Mädels des Hamburger "Krautzungen"-Kollektivs so gar nicht. Wenn zwölf Maler, Designer, Literaturwissenschaftler, Filmemacher und Fotografen gemeinsam künstlerische Projekte konzipieren, braucht es keine Kategorien. Für den Kunstcamp-Fokus positionieren sie sich wortwörtlich zwischen Krieg und Frieden – in zwei kleinen Grenzhäuschen, wo sie die Besucher auffordern, sich einen Satz des gleichnamigen Romans von Leo Tolstoi auf den Körper schreiben zu lassen. Ihr Anliegen ist es, interdisziplinär zu arbeiten, berichten die Krautzungen-Mitglieder Hannes und Robin. Zum Glück werden Krieg und Frieden bei ihnen mit musikalischen Einlagen, Performances und Gastbesuchen von Napoleon humorvoll untermalt. Ihr "kleines Stück an Weltliteratur" soll während des Musikfestivals fortgeschrieben werden. Tolstois Worte verstreuen sich so langsam über das ganze Gelände, am Ende wird der Roman als Fotodokument online zu sehen sein. Auch nicht zu übersehen ist die Arbeit von Tasek. Gigantisch ragt ein Wirbelsturm aus mehreren tausend PET-Flaschen in den Himmel. Man fühlt sich an Müllteppiche im Meer erinnert, nur dass die hier verwendeten Flaschen direkt vom Werk kommen, wie der Künstler erzählt. Den Aspekt des Verschwenderischen wollte er so auf die Spitze treiben. Die Arbeit verändert sich von Tag zu Tag, sie ist Wind, Wetter und Besuchern ausgesetzt. Zum Ende des Festivals soll der "PET-Malstrom" dem Müll übergeben werden.

Nicht als explizites Kunstwerk ausgewiesen ist "Lackyville". "Die Party in der Party" findet man nur, wenn man sich durch Brennnesseln, Matsch und Bäume schlägt. Dann aber erwartet einen ein kleines Paradies – liebevoll gestaltet von Melanie Klapper, Jan Lehmbeck und Falk Stapel. Die drei sitzen in einem Wohnwagen, verkaufen in entzückenden Oma-Schnapsgläsern selbstgebrauten Lakritzlikör, wahlweise mit Chili- oder Ingweressenz, hergestellt nach einem Rezept, das natürlich nicht verraten wird. Etwas zu machen, das keiner so wirklich braucht, war ihr Anliegen. Beim Trinken und Klönen fühlt man sich gleich heimisch und wohl aufgehoben – ein Gefühl, das auch schwer zu kategorisieren ist. Weiter geht es zur Performance von Frau Kraushaar und Christin Elmar Stalko von "z u c k e r !". In gemütlicher Runde findet sie in einem beschaulichen, wohnzimmerartigen Container statt. In biederem Gewand verhandeln die Performerinnen die Bedeutung von sprachlichen Zeichen und gesellschaftlichen Vereinbarungen und zitieren Gilles Deleuze: "Es funktioniert nur im Werden und niemals im Sein." Es wird gesprochen, gesungen, getanzt und umarmt. Nach 30 Minuten dann großer Applaus – der Besucher wird im Dazwischen zurückgelassen.

Blicke ins Transgender-Leben

Diese Befindlichkeit führt ihn weiter zum nächsten Künstler: Océan Leroy, eine der großen Entdeckungen in diesem Jahr. Er nimmt ganz bewusst die Position im "Dazwischen" ein. Ist er Mann oder Frau, Musiker oder Performer, Künstler oder Tänzer? Océan beeindruckt, vielleicht gerade weil er Blicke in sein Transgender-Leben gewährt und das was er tut, nicht nur als Kunst versteht. Sobald man sich auf einer Bühne befindet, ist das politisch, sagt der Künstler. Er verlangt vom Betrachter und von sich selbst eine "Erweiterung der Bequemlichkeitszone", wie er auf einem im Rahmen des Kunstcamps veranstalteten Symposium sagt. Das verlangt manchmal, scheinbare Grenzen zu übertreten, sich in Zwischenräumen aufzuhalten oder unbequeme Positionen einzunehmen. Der Künstler Océan Leroy bewegt sich seit vielen Jahren zwischen einem "weder noch" und "sowohl als auch".

Die "Kategorienmischung" erscheint Dorothee Halbrock, eine der künstlerischen Leiterinnen des Kunstcamps, auch als Basis für das nächste Jahr sinnvoll. Das ist es, was das Kunstcamp ausmacht, sagt sie: "Spontane Sachen passieren, und je nach Format, Tageszeit, Leuten die vor Ort sind, gibt es ganz andere Momente des Erlebens." Was die diesjährige Veranstaltung zeigt: Kunst zeigt Möglichkeiten auf, Grenzen bewusst zu durchbrechen und neue Wege zu gehen. Sich eine Offenheit dem Gegenüber zu bewahren, auch wenn es auf den ersten Blick nicht klar einzuordnen ist. Und wenn es die Kraft hat, einen zu überraschen und dort hinzuführen, wo man selbst noch nie war oder sich nicht hinzubewegen getraut hätte, lohnt es sich doch allemal, seine eigene Bequemlichkeitszone zu erweitern.

MS Dockville

Das MS Dockville Festival findet vom 10. bis 12. August 2012 zum sechsten Mal in Hamburg-Wilhelmsburg statt.

http://msdockville.de

kunst@msdockville.de

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