Atelier + Küche

Herford



GLÜCKSGRIFF INS GEWÜRZREGAL

Die behaupteten Analogien zwischen Kunst und Küche funktionieren zwar nur bedingt, die Schau im Marta Herford gelingt dennoch – dank großartiger Exponate
// MICHAEL KOHLER, ESSEN

Als Ferran Adrià, der Erfinder der Molekularküche, 2007 an der documenta 12 teilnahm, ging ein Seufzen durch die Kunstwelt: Noch ein Gewerbe, das mit halbgaren Argumenten zur autonomen Kunst veredelt werden sollte. Dabei liegt die Pointe von Adriàs documenta-Weihen gerade darin, dass die Spitzengastronomie heute so arbeitet wie früher die Künstlerateliers.

Handwerkliche Geheimnisse werden entwickelt und gehütet, allenfalls die Assistenten werden eingeweiht. In der modernen Kunst fragt hingegen niemand mehr: Wie hat er das bloß gemacht? Sondern: Wie ist er bloß darauf gekommen?

Aus diesem Grund überzeugt die Analogie, die im Marta Herford zwischen Küche und Atelier als "Labore der Sinne" gezogen wird, zwar nur bedingt. Was aber gar nicht stört, weil sich die Ausstellung vorwiegend zeitgenössischer Werke aus lauter herrlichen Einzelstücken zusammensetzt und mit einer von Daniel Spoerris seitlich gekippten Tischplatten von 1960 das passende Symbolbild für die Moderne mitliefert. Man glaubt sofort, dass in dieser unaufgeräumten Wohnküche die verrücktesten Ideen entstehen.

Gleich neben Spoerris Esstisch hängen zwei Reliefs (1983/89) mit Utensilien aus Dieter Roths Atelier. Sie bilden das konzeptionelle Zentrum eines Saals, der den Weg vom Chaos zur Rezeptur beschreibt und außer Jürgen Klaukes rabiater "Küchenfee" (1975) auch eine von Carl Ludwig Jessen im altbackenen Stil gemalte "Nordfriesische Küche" von 1905 enthält. Immer wieder werden die aktuellen Arbeiten durch klassi­sche Beispiele ergänzt, was in der thematisch geordneten Ausstellung zu anregen-den Begegnungen zwischen den Epochen führt. So finden sich in der Materialkunde Armans ausgedrückte und in Polyester eingegossene Farbtuben (1966) in Laufnähe zu niederländischen Fleischplatten. In der Abteilung Alchemie steht ein Kupferstich von Pieter Bruegel d. Ä. von 1558 neben einem chemisch behandelten Gemälde von Sigmar Polke (1984). Und das stille Refugium des Ateliers wirkt mal biedermeierlich-behaglich und mal so frech wie Erwin Wurms Aufforderung, sich in einem mit Löchern präparierten Kühlschrank von 2003 zu verkriechen. Und dann haben die Kuratoren auch eine Erfahrung aufgenommen, die Hobbyköchen wie Künstlern geläufig ist: das Scheitern. Stellvertretend für alle verdor­benen Gemälde und zusammengefallenen Skulpturen steht Josef Danhausers "Komische Szene im Atelier" (1829), auf der ein tölpelhafter Hund das Werden eines großen Werks vereitelt.

Atelier + Küche = Labore der Sinne

Termin: bis 16. September 2012

http://marta-herford.de

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