Watermill Center

New York



BIG BANG ZUM ABSCHIED

Man hat sich wieder mal in Schale geworfen und tief in die Tasche gegriffen, um bei der alljährlichen Benefizveranstaltung von Theaterregisseur Robert Wilson in Watermill in den reichen New Yorker Hamptons dabei zu sein, die dieses Jahr von einer Ausstellung zu Ehren Mike Kelleys begleitet wird. Kuratiert wurde die Show vom Hamburger Sammler Harald Falckenberg.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Bedrohlich ragte Paul McCarthys gigantischer Analplug in den wolkenverhangenen Himmel. Regenschauer unterbrachen die Performance-Einlagen der Künstler, die sich unter die Gäste mischten.

Darunter exotische kleine Wesen, bei denen es sich um Kinder in Cartoon-Kostümen der japanischen Künstlerin Misaki Kawai handelte. Spärlich bekleidete Männer, die eine Dame in einer Rüstung mit Nägeln bewarfen. Eine junge Frau, die sich in rhythmischen Bewegungen durch ein Dreckloch wühlte und einen interessanten Kontrast zu den festlich gekleideten Gästen bildete. Und die nackten Punkrockerinnen von "The Voluptuous Horror of Karen Black", die nach ihrer verregneten Showeinlage ein gewaltiges männliches Geschlechtsteil wie zur Opfer-Zeremonie über ihren Köpfen über das Gelände trugen.

Theaterregisseur Robert Wilson hatte wie all die Jahre zu einer durch und durch inszenierten Benefizveranstaltung in seinem Kulturzentrum in Watermill in den reichen New Yorker Hamptons geladen. 500 Dollar pro Ticket ließen sich Gäste den Spaß kosten, um beim zweistündigen Cocktailempfang dabei sein zu dürfen und ihre sommerlichen Outfits vorzuführen. Der Dresscode lautete "Pop", was besonders die Herren zu extravaganten Ensembles anregte. Wer das anschließende Abendessen mit Live-Auktion besuchen wollte, zahlte 1000 Dollar. Wilsons Watermill-Party gilt als das Highlight des Kultursommers in den Hamptons. Dieses Jahr stieg das Fest unter dem Motto "Big Bang", was sich durchaus als Kommentar zur Weltwirtschaft und zur politischen Weltlage verstehen lässt. Der Titel stammt jedoch aus einem Bild des 1988 verstorbenen Malers und Objektkünstlers Paul Thek, dessen Nachlassverwaltung von Robert Wilson geführt wird. Begleitet wird die Benefizveranstaltung, bei der 1,5 Millionen Dollar für Künstler-Residenzen und das Kulturprogramm in Watermill eingesammelt wurden, von einer Ausstellung. Diesen Sommer ist sie Mike Kelley gewidmet, der sich im Januar 2012 im Alter von 57 Jahren das Leben genommen hatte und als Bewunderer von Paul Theks Arbeit galt.

Der Hamburger Sammler Harald Falckenberg kuratierte die Ausstellung. Ein Großteil der gezeigten Videos aus Kelleys frühen und späten Jahren sowie Arbeiten aus der Kandor-Serie des Künstlers stammen aus Falckenbergs Sammlung. Mit einem "existentiellen Endspiel", das letztlich zum Freitod des Künstlers führte, umschreibt Harald Falckenberg die Werkschau, zu der bekannte Videos wie "Banana Man" von 1983 oder "Heidi" und "Family Tyranny" in Kooperation mit Paul McCarthy zählen, bei der McCarthy den bösen Vater-Tyrannen spielt, der seinen Sohn (Kelley) quält. "Damals wie in späteren Arbeiten verkörperte Kelley eine geschundene Kreatur", so Falckenberg. Dass der LA-Künstler dabei ebenso brutal wie komisch sein konnte, als düstere Vorahnung in "Blind Country" von 1989 den Kopf in einen Gasofen steckte, um sich von dieser Welt zu verabschieden, und in "Extracurricular Activity Projective Reconstruction #36 (Vice Anglais)" von 2011 (eine Leihgabe von Julia Stoschek) die Rolle des Künstlers mit einem verängstigten, charakterschwachen Clown besetzte, lässt diese kleine, exzellente Ausstellung zu einem bewegenden Abschiedsgruß für Mike Kelley werden. Sammler Falckenberg selbst zog es vor, mehr Zeit mit Kelleys Videos als auf dem eigentlichen Fest zu verbringen, so dass er beinahe das Abendessen und die Auktion verpasste.

Dort sorgte Auktionator Simon de Pury für Stimmung, als er durch das Festzelt von Tisch zu Tisch eilte, um Arbeiten von Künstlern wie Willem de Kooning, Jim Hodges, Michelangelo Pistoletto und Robert Wilson zu versteigern. Aus Gurken und Limonen kreierte Phallus-Symbole dienten als Tischdekoration, serviert wurden Steak und Couscous. Cindy Sherman im kurzen schillernden Leopardenprint-Dress saß neben MoMA-Chefkurator Klaus Biesenbach und ergatterte eine Arbeit von Otto Piene. Lou Reed in Regenjacke und einer Art Jogginghose war der einzige Gast, der sich trotzig dem Dresscode verweigerte. Harald Falckenberg erhielt bei 35 000 Dollar den Zuschlag für ein Sofa von Anselm Reyle.

Fotografen-Legende Bill Cunningham, der wie gehabt in seiner himmelblauen Jacke über das Gelände huschte, um Fotos für seine Mode-Kolumne in der New York Times zu schießen, fand schon immer, dass man bei schlechtem Wetter die besseren Fotos macht. Weil die Leute bei Regen gern mal vergessen, sich eitel in Pose zu werfen. Die Mode-Blogs zeigten im Anschluss an Wilsons Watermill-Fest Fotos von den durchgestylten Gästen. Paul McCarthy erschien gar nicht erst zu der Party und zur Ausstellungseröffnung für seinen Freund Kelley, dessen Welt nicht weiter von den Hamptons hätte entfernt sein können.

Watermill - Center

Die Ausstellung "A Tribute Exhibition Including Works from the Kandor Project" ist noch bis zum 16. September 2012 im Watermill - Center in New York zu sehen.

http://watermillcenter.org

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2 Leserkommentare vorhanden

P.IMMEL

22:43

02 / 08 / 12 // 

Pimmel,Kacka,Arsch

mehr war das nicht - Provokation? Wen will man damit noch hinter dem Ofen hervorlocken? Mc Carthy war ein alter verkrampfter Mann, hey, habt ihr schon mal was von den aktuellen Problemen dieses Plantetn gehört? Milliarden, die satt werden müssen, Völkerwanderung aufgrund von Klimakatastrophe und ihr feiert Arschdildos. Jedem das Seine euer Peter Immel

artflaneur

14:46

03 / 08 / 12 // 

p.immel

Na dann vielleicht mal rein mit dem P.Immel in McCarthy's Schlammhöhle. Wäre wenigstens einer weniger der hungernd wandern muss!

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