Deftig Barock

Zürich



GLÜCK, GELD, GENUSS SOFORT

Bice Curiger vergleicht im Kunsthaus Zürich "Manifeste des prekär Vitalen" in der Kunst des Barock und der Gegenwart. Im Wechselspiel von gestern und heute verdeutlicht die Kuratorin vor allem die Verlorenheit und Konturlosigkeit zeitgenössischer Werke.
// GERHARD MACK

Wir wollen vom Leben alles und das möglichst sofort. Denn morgen könnten die Dinge schon wieder ganz anders sein. Dieser heftige Wunsch nach Gegenwart kennzeichnet für Bice Curiger zu einem wesentlichen Teil das Lebensgefühl, das viele von uns teilen: Glück, Geld, Genuss werden uns überall in üppigen Bildern vorgeführt, sind konkret jedoch oft kaum erreichbar.

Diese Ambivalenz findet die Kuratorin bei Künstlern des Barock wieder: Sie wollten das Vitale und wussten um seine Gefährdung. Da lag es nahe, Kunst aus der vergangenen Epoche und aus unserer Gegenwart ineinander zu spiegeln. Bei der von Curiger geleiteten Venedig-Biennale hat sie letzten Sommer einen Vorgeschmack davon gegeben, als Tintoretto im Hauptsaal des italienischen Pavillons prunkte. In Zürich wird das Wechselspiel aus Vergangenheit und Gegenwart nun weitergetrieben. In drei auf goldfarbene Jute gehängten Passagen ist im Kunsthaus die Malerei des Barock zitiert, die Gegenwartskunst tänzelt auf modern weißen Wänden dazwischen und darum herum. Zum Auftakt wird auf den Bildern von Pieter Aertsen (1508 bis 1575), Adriaen Brouwer (1605/06 bis 1638) und Jan Steen (1626 bis 1679) gesoffen, gefressen, gegrapscht und gerauft. Barock ist hier weniger Epoche als pure Sinnlichkeit, die Lust des Körpers, der Genuss des Augenblicks und der Freuden der Natur. Voll vital – das ist das Klischee, das wir vom Barock als Epoche und als Lebenshaltung haben. Dass es so schon nicht zutraf, als Künstler sich mit schwellenden Formen und waghalsigen Perspektiven von der Klassizität der Renaissance absetzten, erfahren wir in der Ausstellung später, wenn die Angst vor dem Tod und vor nachweltlicher Verdammnis als dunkler Grund der Ausschweifungen gezeigt wird. Die Künstler unserer Zeit können vor solch einem kompakten Schlag in die Eingeweide nur Heterogenität demonstrieren. So beeindruckend die Werke von Maurizio Cattelan, Juergen Teller, Paul McCarthy und einem Dutzend anderer für sich auch sein mögen, zusammen wirken sie verloren und zeigen vor allem, wie konturlos Energien heute geworden sind. Dass sie diese Unterschiedlichkeit deutlich macht, ist das Verdienst der Ausstellung. Urs Fischers zerwühltes Bett ist nurmehr ein Objekt, das wir mit Fantasie aufladen. Die barocken Bilder, die ringsum an den Wänden hängen, zeigen uns Geschichten mythischer Figuren und christlicher Strafandrohungen. Selten tritt der Verlust an Sinnlichkeit, die Auszehrung der Gegenwart, ihr Rückzug in die bloße Imagination deutlicher zu Tage.

Deftig Barock

Die Ausstellung "Deftig Barock" ist noch bis zum 2. September 2012 im Kunsthaus Zürich zu sehen.

Der Katalog ist im Snoeck Verlag erschienen und kostet 45 Franken.

http://www.kunsthaus.ch

info@kunsthaus.ch

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1 Leserkommentar vorhanden

Kerstin

15:25

02 / 08 / 12 // 

Ausstellung

Wer diese Ausstellung gesehen hat, kommt nicht ohnehin diese mit Ausstellungen zu vergleichen die man als althergebracht kennt. Curiger hat es super geschafft, diese Grenze zu überschreiten von Kunst aus dem 16.ten -17.ten Jahrhundert und der Neun jungen Kunst. Besonder hervorzuheben sind die Fotos von Cindy Sheran,Maurizio Cattelan und das Video von Nathalie Djurberg - die einen minimalen Kontrast zur Kunst des 16.ten/17.ten Jahrhunderts bildet, es fügt sich alles harmonisch ineinander - also deftig barock ein ablosutes Glatzstück .....

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