Vincenzo Agnetti

Foligno



EINE WAHRE ENTDECKUNG

Der nahezu unbekannte italienische Konzeptkünstler Vincenzo Agnetti schuf humorvolle Werke voll lapidarer Poesie, nun widmet das Kulturzentrum in Foligno ihm eine würdige Retrospektive.
// UTE DIEHL

Ein mutiges Unterfangen – mitten in diesem heissen Sommer zeigt die mittelitalienische Kleinstadt Foligno in ihrem Kulturzentrum eine Retrospektive des nahezu unbekannten Konzeptkünstlers Vincenzo Agnetti (1926-1981).

Der Besucher durchwandert die Ausstellung aber mit wachsendem Wohlgefühl. Das Werk Agnettis ist mit seiner lapidaren Poesie und seinem verstecktem Humor eine wirkliche Entdeckung. Auf schwarzen Bakelittafeln sind weiß gravierte Axiome zu lesen, wie: "Wenn die Worte ihre Bedeutung verlieren, werden sie von den Zahlen erobert." Eine zweiteilige Fotoarbeit mit dem Titel "Mass-media" zeigt einen Wasserfall und darunter einen Eimer voll Wasser mit der Unterschrift "Jetzt schmeckt das Wasser nach Eimer."

Eine kleine Schlange bildet sich sogar vor der Olivetti Rechenmaschine Divisumma 14, deren 110 Zahlen der Künstler durch Buchstaben ersetzt hat. Man tippt Zahlen und die "Macchina drogata" (gedopte Maschine) druckt dadaistische Texte zum Mitnehmen aus. Agnetti hat diese Rechenmaschine 1968 "neutralisiert". Im Jahr zuvor war sein Roman "Obsoleto" (Obsolet) erschienen, in dem jeder Satz dem vorausgegangenen widerspricht. Die Metallbuchstaben der Druckstöcke hatte Agnetti mit der Feile bearbeitet, sodass der Text allmählich immer unleserlicher wird.

1970 legte er ein Buch mit herausgeschnittenen Schriftblöcken vor, "ein bewusst aus dem Gedächtnis gelöschtes Buch". Man müsse "gezielt" vergessen, sagt Agnetti. Das sei auch die beste Methode, um sich zu erinnern. Er war der Meinung, dass philosophische Probleme durch Fehlanwendung von Sprache überhaupt erst erzeugt werden. Deshalb war für ihn die Kunst vor allem Sprachkritik. Nach dem Besuch der Mailänder Brera-Akademie und einigen Versuchen auf dem Feld der informellen Malerei theoretisierte er den "Liquidazionismo", die "Arte no", Nichtkunst. "Das Kunstwerk als ein abgeschlossenes Produkt ist ein Erzeugnis intellektueller Bequemlichkeit", sagt er. Die Kunst sollte nicht zur Ware werden. Gemeinsam mit Piero Manzoni propagierte er zwischen 1959 und 1960 seine Ideen in der Zeitschrift "Azimut".

Auch die damals hochkommende Arte povera war anfänglich – aufgeladen mit politischen Metaphern – ein Symbol der Revolte gegen den Kunsthandel. Doch die soziale Mission endete sehr schnell im Kommerz. Vincenzo Agnetti blieb konsequent, entwarf Projekte für Ausstellungen reiner Ideen und arbeitete jahrelang in einer Elektronik-Firma in Argentinien. 1967 kehrte er auf dem Umweg über New York, wo er von den amerikanischen Konzeptkünstlern entscheidende Impulse erhielt, nach Mailand zurück . Hier entwickelte er in der Werkstatt der Elektronikfirma Brionvega den stereofonischen Plattenspieler "NEG", das "Negativ" eines Musikstücks, mit dem man die Pausen zwischen den Noten hören konnte. 1972 nahm Agnetti neben der Gruppe Art&Language, John Baldessari und Richard Long an der fünften documenta teil. 1974 konstruiert er anhand von Fotos das "Durchschnittsalter von Angela G.", ein Retortengesicht, mit dem er die Möglichkeiten der Digitalfotografie vorausnimmt.

Mit rund 70 Fotoarbeiten, Schrifttafeln und Objekten aus der kurzen Schaffenszeit zwischen 1966 und 1981 ist die Ausstellung in Foligno die umfangreichste, die Agnetti bisher gewidmet wurde, nachdem 2008 das Museum MART in Rovereto den ersten Schritt in der Aufarbeitung seines Werks getan hatte. Die Leihgaben kommen aus italienischen Privatsammlungen und aus dem Agnetti-Archiv in Mailand. Ohne die Unterstützung der örtlichen Sparkasse hätte das Unternehmen nicht gelingen können. Ihr verdankt das vor drei Jahren eröffnete "Centro Italiano Arte Contemporanea" sein Überleben auch in harten Zeiten. Seinem rührigen Leiter, dem Kunstkritiker und Sammler Italo Tomassoni und dem Kurator Bruno Corà, der als Kunstkritiker und Ausstellungsmacher die Umbrüche der 1960er und 1970er Jahre noch mitvollzogen hat, ist mit der späten Würdigung Agnettis eine verdienstvolle Schau geglückt.

Vincenzo Agnetti

Die Ausstellung "L’OperAzione Concettuale" von Vincenzo Agnetti
ist noch bis zum 9. September 2012 im Centro Italiano Arte Contemporanea (CIAC)
in Foligno, Italien zu sehen.

Der Katalog ist beim Verlag 3 Arte für 20 Euro erhältlich.

http://www.centroitalianoartecontemporanea.com

info@centroitalianoartecontemporanea.it

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