Julie Mehretu

Documenta 13



"DER ARABISCHE FRÜHLING WAR ANSTECKEND"

Auf ihrer Reiserroute, die sie von New York, Kairo über Kassel nach Berlin führte, fand die Malerin und Zeichnerin Julie Mehretu noch Zeit für ein Treffen mit art-Korrespondentin Birgit Sonna
// BIRGIT SONNA, BERLIN

Sie strahlt glücklich über das ganze Gesicht, und dadurch kommen die vielen Sommersprossen unter ihrem Lockenkopf noch mehr zum Leuchten. "Es war ein verrückter Sommer, wir reisten die ganze Zeit herum", sagt Julie Mehretu.

"Ein Teil der Zeit war angefüllt mit Terminen zur documenta, die restliche Zeit den Ferien vorbehalten." Die New Yorker Künstlerin ist mit ihrer Familie für einen zehntägigen Aufenthalt in Berlin, wo sie seit ihrer großen Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim im Jahre 2010 eine Wohnung besitzt. Doch sie ist schon wieder auf dem Sprung, es geht zurück nach New York. London, Rom, Kairo, Südfrankreich lagen auf der immer wieder von Kassel gekreuzten Reiseroute und als eines ihrer documenta-Highlights auch der Außenposten Alexandria. Dort nahm Julie Mehretu in der von Wael Shawky gegründeten Kunstschule MASS Alexandria an einem documenta-Seminar teil – zusammen mit Hassan Khan, der documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev und vielen ägyptischen Kunststudenten. Sie sucht geradezu hungrig den intensiven inhaltlichen Austausch in einer globalisierten (Kunst-)Welt. Julie Mehretus Malereien und Zeichnungen vibrieren nicht nur vor topografischen Überlagerungen der von ihr weltüberschweifend facettierten Orte, sondern sie lässt auch Diskursives auf eine fast schon feinnervige Art in ihre oft großformatigen Bilder einfließen: "Schließlich enthalten meine Bilder immer gesellschaftliche Rückverweise und das gilt insbesondere für die documenta-Arbeiten."

Julie Mehretu, ein Shootingstar der zeitgenössischen Kunst nicht erst seit der diesjährigen documenta, ist von dem in Alexandria abgehaltenen "The Cairo Seminar" begeistert: "Die Erfahrung war für mich einzigartig. Oft versuchen die Teilnehmer bei Symposions sich im besten Licht zu präsentieren und so ein Showmaster-Ding abzuziehen. In Alexandrien bekam ich ausnahmsweise einen völlig anderen Eindruck." Das Seminar sei wie ein Musical mit Hauptrednern wie Mehretu selbst und eher einem Chor angehörigen Sprechern strukturiert gewesen. Im Wesentlichen aber habe man darüber gesprochen, was es überhaupt bedeutet, in Zeiten der Revolution, respektive in der Nachperiode des Arab Spring kreativ zu sein und Kunst zu machen: "Diese Art einer stark ineinander verwobenen Konversation aus ganz verschiedenen Positionen fand ich sehr interessant", sagt sie. Mehretu hat selbst einen Migrationshintergrund und ist als Kind eines äthiopischen Professors und einer amerikanischen Lehrerin mit kulturellen Mehrfachcodierungen vertraut: 1970 in Addis Abeba geboren, floh sie als Sechsjährige mit ihrer Familie in die USA, als sich in Äthiopien die dikatorischen Repressionen einer kommunistischen Regimes deutlich abzuzeichnen begannen.

Julie Mehretus in der Kassler documenta-Halle erratisch abstechende Bilder kreisen in ihren Brennpunkten um jene öffentlichen Räume und Plätze, von denen wie am Tahrir Square Volksaufstände, Rebellionen, Revolutionen ausgingen und somit umstürzlerisch andere Gesellschaftssysteme hervorbrachten. Julie Mehretu erklärt: "Im Allgemeinen diagnostiziere ich, was um mich herum und in der Welt geschieht. Gewissermaßen war die aufrührerische Situation des sogenannten Arab Spring ansteckend, wohin man auch schaute. Sie war zugleich präsent in New York mit der Occupy Bewegung. Die Realität mag in jedem Land ganz unterschiedlich gewesen sein, aber wir hatten diese größere weltweite Bewegung." Und weiter sagt sie: "Oder denken Sie an die historischen Ereignisse, wo ausgehend von Plätzen wie dem Roten Platz in Moskau oder Plaza de la Revoluzión in Kuba alles umgewälzt wurde – das ist Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Dieses Interesse für das menschliche Potenzial, im großen Kontext Veränderungen herbeiführen zu können, geht in meine künstlerische Arbeit über das Individuum und die Gesellschaft ein."

"Die documenta-Halle ist ja ein sehr klaustrophobischer Raum..."

Zwischen Zeit und Ort oszillierend überlagern sich auf Mehretus vier hochformatigen Leinwänden in der documenta-Halle in Kassel die alten sowie neuen Architekturen der Revolutionsschauplätze zu einer dichten und doch transparent bleibenden Textur aus Malerei, Zeichnerischem und Druckgrafischem, aus Kontur und Körper. "Es ist, als ob man Raum und Zeit speziell um die von mir projizierten öffentlichen Plätzen zusammenstürzen sehen würde", sagt Mehretu, "es läuft fast wie in unserer Erinnerung ab." Inspiriert wurde die sendungsbewusste Künstlerin von einem Artikel in der amerikanischen Kunstzeitschrift Artforum. Nasser Rabbat, Professor für islamische Architektur ging in "Circling Square" dem Phänomen nach, inwieweit historische Gebäude wie das Ägyptische Museum, das Nile Hilton und Mogamma als Teil einer architektonischen Sozialgeschichte in die revolutionären Prozesse einbezogen waren. Es dauerte eine ganze Weile, bis Julie Mehretu in den verschiedenen Städten die für sie relevanten Bauten um die öffentlichen Räume der Revolution recherchiert hatte: "Aber dann arbeitete ich sehr organisch und intuitiv mit all diesen Gebäuden als einem übereinandergeschichteten Ort dieser Typologie." Farbe sei ein sehr schwieriges Thema für sie, sagt sie. Und tatsächlich bleibt in ihren documenta-Gemälden das zeichnerische Element dominant, auch wenn man hier und da geometrische Signale in transparentem Rot, Grün, Gelb aufleuchten sieht. Mehretu meint dazu: "Angesichts der Farben glaubt man assoziativ Flaggen auf den Plätzen auftauchen zu sehen, obwohl die Farbelemente überhaupt nicht als Fahnen operieren. Diese gesellschaftliche Bedeutung der Farben ist trotzdem in unseren Köpfen da, wegen einer gewissen Zeit oder Situation, wegen der Politik oder dem Sport."

Schön ist die documenta-Halle keineswegs, und doch war Mehretu dort von Anfang an von der langgestreckten riesigen Wand angetan, die sich zum Park hin öffnet: „Dieser Park ist ein historischer Ort von Kassel. Und es passiert oft in meinen Bilder, dass ich versuche eine Verbindung zwischen dem Innen- und Außenraum, zwischen der Architektur und Landschaft herzustellen.“ Sie habe diese Stelle aber noch aus einem anderen Grund ausgewählt: "Ich war daran interessiert, dieses große schreckliche Gebäude ein wenig in seiner Atmosphärik zu verändern … Die documenta-Halle ist ja ein sehr klaustrophobischer Raum, wird aber, wenn man vor meinem Bildern steht, zu einem eher desorientierenden Ort." Julie Mehretu führt den Begriff "Entropie" ins Feld, schließlich seien auch ihre Gemälde zum "Arabischen Frühling" nicht wirklich optimistisch, würden also nicht die revolutionären Ereignisse in Form von Triumphbilder abfeiern. Aber die Aufbruchemphase ist bedeutend für die Menschen gerade auch in Ägypten: "Sie dachten, dass sie das Regime niemals brechen könnten, aber es gelang und dieser Akt verleiht den Menschen nun eine unglaubliche Power." Und sie träumt davon, dass eines Tages die ganze Region entmilitarsiert werden könnte: "Es wird wahrscheinlich nicht dazu kommen. Aber wir haben alle unsere Träume!"

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Tu Tutu

10:22

03 / 09 / 12 // 

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