Fluxus wird 50

Wiesbaden



DIE IRREN SIND LOS

Vor 50 Jahren sprengten in Wiesbaden ein paar junge Aktivisten mit verrückten Performances die Grenzen der Kunst. Jetzt wird das Fluxus-Jubiläum gefeiert – mit den Rebellen von damals.
// SANDRA DANICKE

Es war ein Tag im September 1962 als Robert Fleischmann auf die Bühne des Vortragssaals im Museum Wiesbaden marschierte und groben Unsinn erzählte. "Ich gehe auf den Mond und steige in mein Auto. Oder: Ich fahre Straßenbahn und bestelle mir einen Whisky. So in etwa", erinnert sich der pensionierte Banker, der damals als 19-jähriger Schüler im Publikum der "Internationalen Festspiele Neuester Musik" saß und aufgefordert worden war mitzumachen.

Dass er damals die Geburt von Fluxus erlebte, einer Kunst, die sich unter anderem auf die Fahne schrieb, dass sie von jedem jederzeit ausführbar sein sollte, war ihm genauso wenig bewusst, wie den beteiligten Künstlern und Musikern, die sich mit vollem Ernst und Körpereinsatz daran gemacht hatten, Erfahrungsgrenzen zu sprengen.

Was sich hinter dem Begriff "Fluxus" (Lateinisch: flüssig, fließend) verbarg, wusste niemand genau zu sagen, allenfalls, dass seine Wurzeln im Dadaismus liegen. Vordergründig ging es zunächst um Musik. "Neueste Musik", wie der Erfinder des Festivals George Maciunas das nannte, was in Wiesbaden für Belustigung und Empörung sorgte. Wie soll man auch reagieren, wenn sich ein Mann – der Koreaner Nam June Paik – mit Rasiercreme beschmiert, dann Reiskörner übers Gesicht schüttet und sich anschließend mit Wasser begießt? Wenn ein anderer – der in den USA lebende Dick Higgins – sich erst den Schädel rasieren lässt, um dann rohe Eier aufzuschlagen?

"Die Irren sind los" kratzten Unbekannte damals in das Werbeplakat, und eine Ortszeitung berichtete befremdet über das erste Konzert: "Vor einem deckellosen Flügel stand ein gutangezogener Mann und baute – mit beschwörenden Gesten der Hände – bunte Bauklötzchen aufeinander. Beim zehnten Klötzchen fiel der Turm um, der Mann schlug einmal wahllos auf die Tasten, sprang mit beiden Füßen auf den Flügel und mit den Schuhen in die Saiten, riss eine Kamera hoch und schoss mit Blitzlicht ein Bild der umgefallenen Klötzchen."

50 Jahre später sitzt man selbst mit einem Hut, den man an der Kasse bekommt, auf einem Rollstuhl in der Besenkammer des Museums. Starrt fassungslos auf gestapelte Biertische, zusammengeklappte Buggies und drei Flaschen Glasreiniger, während eine sanfte Männerstimme via Kopfhörer das Ambiente zum "Fluxus-Raum" erklärt. Und es kommt noch besser: Man soll, sagt die Stimme, im Zickzack durchs Foyer laufen, von einer Brüstung in die zentrale Halle pfeifen, mit den Pobacken über eine Bank rutschen, sich in der Abstellkammer auf einen Stuhl setzen, dessen magische Kräfte den Sitzenden zum begehrenswerten Sex-Objekt machen. "Ja, Sie sind sehr fluxus, bravo", lobt der Mann mit dem holländischen Akzent auf so liebevolle Weise, dass man sich wie ein Feigling fühlt, wenn man nicht mitmacht.

"Man braucht ein wenig Mut", erklärt Willem de Ridder, der diesen außergewöhnlichen Audioguide für das Museum Wiesbaden entwickelt hat. Er selbst zumindest hat keine Probleme aufzufallen, im Gegenteil: Der 72-Jährige trägt einen lila karierten Anzug zur orangefarbenen Kunststoffbrille. Bekannt wurde der Fluxus-Aktivist als Medienkünstler mit Radiosendungen und Magazinen. Seine Audiotour ist Bestandteil der Jubiläumsausstellung "Fluxus at 50", führt jedoch nicht durch die Schau, sondern gleicht einer Reise durch das eigene Bewusstsein. "Normalerweise guckt man die Kunstwerke an, hier ist man selbst das Kunstwerk", erklärt de Ridder sein Konzept, mit dem er den Fluxus-Gedanken auf charmante Weise in die Gegenwart transportiert. Schließlich ist eine Kunstrichtung, die vor allem von Partizipation und Provokation, Anarchie und Beweglichkeit lebt, in einer Museumsschau nur schwer zu fassen.

Alexander Klar, der Direktor des Museums Wiesbaden, das vor einem halben Jahrhundert zur Geburtsstätte einer sich weltweit ausbreitenden Bewegung wurde, begegnet der Problematik mit einer labyrinthischen Konstruktion, in der die Exponate möglichst unauratisch präsentiert werden. Gezeigt werden Relikte des Festivals wie die beschmierte Krawatte, die Nam June Paik trug, als er mit seinem in Tinte getauchten Kopf eine Linie auf Papier zog ("Zen for Head"). Aber auch später entstandene Werke wie Dieter Roths "Literaturwurst" (eine zerrissene mit Fett in Kunstdarm gepresste Ausgabe von Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein", 1967) oder Filme wie Yoko Onos "Film No. 4" von 1966, in dem ausschließlich nackte Hintern von Fluxus-Protagonisten zu sehen sind. Dass man in den eigenen Werken auf Kollegen und Vorbilder verweist, scheint bei Fluxus-Künstlern zum guten Ton zu gehören, wie man auch an Wolf Vostells "Fluxus Memorial für George Maciunas 1962-1978" oder Emmett Williams’ mit Fundobjekten codierten Porträts von Vostell, Paik oder George Brecht sehen kann.

Zusätzlich zur Ausstellung will Museumsdirektor Klar mit einer ganzen Reihe von Aufführungen Fluxus wieder erlebbar machen, darunter einige, die hier bereits vor 50 Jahren gezeigt wurden, was nebenbei bemerkt, reiner Zufall war.

Der vorliegende Text ist gekürzt. Den vollständigen Text lesen Sie im August-Heft von art, das jetzt am Kiosk erhältlich ist.

Museum Wiesbaden
Nassauischer Kunstverein

"Fluxus at 50", Museum Wiesbaden, bis 23.9.
Katalog im Kerber Verlag, 33 Euro, im Buchhandel 38 Euro

"Benjamin Patterson: Born in the State of FLUX/us",
Nassauischer Kunstverein, bis 23.9., Katalog in Englisch, 30 Euro

"Fluxus 50 – live dokumentiert", Schaufenster Stadtmuseum, bis 30.10.

"Joe Jones: Music Machines", Bellevue-Saal, bis 19.8.

Festspiele Neuester Musik im Museum Wiesbaden, 1.9. bis 20.9.

http://www.museum-wiesbaden.de

museum@museum-wiesbaden.de

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