1917

Metz



HOFFNUNG AUF EINEN NEUANFANG

Die Ausstellung "1917" in der Metzer Dependance des Centre Pompidou untersucht die künstlerische Revolution in Zeiten des Krieges.
// HEINZ PETER SCHWERFEL

Wer vom Jahr 1917 spricht, denkt zuerst an Zeit-, nicht Kunstgeschichte. An das fatale vorletzte Jahr des Ersten Weltkriegs, als die kriegsführenden Mächte sich in Pattsituation in ihre Stellungen eingegraben hatten. An den Beginn der russischen Revolution, die zumindest bis 1989 die politische Landkarte Europas nachhaltig verändern sollte.

Doch die künstlerische Revolution des Kriegsjahrs 1917 ist Thema einer Schau im Centre Pompidou in Metz, die Malerei und Skulptur, aber auch Literatur, Film und Fotografie umfasst. Wie reagierte die Kunst auf den Krieg? Mal explizit, mal über den Umweg formaler Radikalität. Aber immer mit der Hoffnung auf Neuanfang.

In Metz steht die Tragik des Jahres 1917 bereits am Eingang mit der für ein Kunstmuseum merkwürdigen Präsentation historischen Kriegsgeräts. Weiter geht es mit den oft anonymen Amateurproduktionen der "GrabenKunst", bestehend vor allem aus Granatsplittern, Patronenhülsen und Waffenresten. Ein geografisches Schema informiert über Kriegsschicksal oder politische Haltung von rund 800 Künstlern.

Dann erst kommen Werke, die auf den ersten Blick auf Distanz zum Kriegsgeschehen bleiben, aber durch ihre rücksichtslose, oft provokative Radikalität ein neues Zeitalter einläuten. Zu den prominentesten Beispielen gehören Marcel Duchamps legendäres Keramikurinal "Fountain", mit dem der Franzose industriell gefertigte Serienproduktion in den Kunststatus erhob. Oder "Prinzessin X" von Constantin Brancusi, ein polierter Bronzephallus, benannt zu Ehren von Prinzessin Bonaparte, die Sigmund Freud und die Psychoanalyse in Frankreich bekannt gemacht hatte. Aber auch ein großes Ensemble mit Malerei von Henri Matisse darf nicht fehlen, ebensowenig wie die Collagen und Bilder der Dadaisten.

Im zweiten Teil der Ausstellung geht es um Zerstörung und Neuaufbau. Gehängt in Form einer Spirale, macht eine spektakuläre Reihe von Selbstporträts künstlerischer Protagonisten den Auftakt, etwa von Marc Chagall, Julio González, Emil Nolde oder Hans Richter. Im Kapitel "Theater" dann der Höhepunkt der Ausstellung, Pablo Picassos 11 mal 16 Meter großer und nur selten gezeigter Bühnenvorhang für Diaghilews Ballettes Russes und deren Aufführung des Tanzstücks "Parade". Nach einer Idee von Jean Cocteau und mit Musik von Erik Satie gilt es bis heute als multidisziplinärer Inbegriff der damaligen Avantgarde. Der in Spanien geborene Wahlfranzose Picasso trug seinen Teil zur Legende bei, indem er in einem der größten Werke seiner Karriere eine poetische Brücke schlug vom bereits hinter ihm liegenden Kubismus zu seinen kommenden naturalistischen Jahren in Form von Gauklern, Clowns, einer feenhaften Akrobatin und einer Himmelsleiter, letztere in den französischen Nationalfarben.

1917

Die Ausstellung "1917" läuft noch bis zum 24. September.

Der Katalog zur Ausstellung kostet 49 Euro.

http://www.centrepompidou-metz.fr

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