Ydessa Hendeles

Berlin



MINNIE MAUS BRICHT AUS

Ydessa Hendeles hat sich international einen Namen als Sammlerin und Kuratorin gemacht. Mit nostalgischem Spielzeug und feministischen Akzenten zeigt sie sich jetzt erstmals als Künstlerin in Berlin bei Johann König.

// BIRGIT SONNA

In seiner maßgeschneidert gekurvten Glasvitrine thront magisch illuminiert ein aufgesockeltes Gefährt wie die streng gehütete Preziose eines Kronschatzes. Als "Aero-Car" betitelt, wird das hybride Modell seinem Namen gleich doppelt gerecht: Nicht nur, dass die stromlinienförmige Silhouette dem auf Aerodynamik getrimmten Design der zwanziger und dreißiger Jahre entspricht, sondern das hellgrüne Automobil verfügt dank Flügeln und Propeller zumindest theoretisch über die Möglichkeit, in die Lüfte abzuheben.

Leider ist es etwas klein geraten, so dass allenfalls ein siebenjähriges Kind in der Karosserie Platz finden könnte.Mit diesem Fantasy-Auto lässt sich aber fiktiv wie im Flug eine Zeitreise in die Mitte des letzten Jahrhunderts gestalten. Bei der phänomenalen Skulptur von Ydessa Hendeles handelt sich um die 15-fache Vergrößerung eines Spielzeugs, das von dem Nürnberger Spielzeughersteller Blomer & Schüler zwischen 1945 und 1952 hergestellt wurde. Als Wunschgebilde hielt dieses Flugzeug-Auto kurz nach dem 2. Weltkrieg für diverse Projektionen her, die man sich nach dem Naziregime in einem zerstörten Land von einer blühend modernen Zukunft machte.

"Aero Car N° 500" ist das ausgesprochene Filetstück einer Ausstellung der bekannten kanadischen Sammlerin Ydessa Hendeles, die in der Galerie Johann König gerade ihr Berliner Debüt als bildende Künstlerin gibt. Hendeles erläutert das nobel in der Mahagony-Glas-Vitrine zelebrierte Flugautomobil: "Für mich ist es eine 'Kreatur'. Ich ließ das 'Aero-Car' hinsichtlich der Form und des Fabrikationsstandards wie ein Objekt der Begierde ausstaffieren. Die Flügelbreite entspricht im übrigen der des Wander-Albatrosses." Und Hendeles erzählt, warum sich in dem Spielzeugzwitter vormals der Zukunftsoptimismus der Generation nach dem Krieg spiegelte: "Es gab einen ökonomisch und psychologisch stimulierenden Boom in Amerika sowie in Deutschland den Wiederaufbau nicht zuletzt mit einem neuen Design. Ganz zu schweigen von dem Baby Boom. Mehr noch als die Technologie drückte die Gestaltgebung viel über die Hoffnungen und Träume einer Nation gerade auch im Rückblick aus. Wie stark wirkt doch die Vergangenheit auf die Gegenwart ein!"

"Ich denke in dieser Ausstellung genauso ernsthaft wie zuvor über Kultur nach, wenn ich aus verschiedenen Perspektiven künstlerische Arbeiten betrachte"

Einmal mehr diagnostiziert Hendeles in einer erzählerisch brillanten Ausstellung, wie sich in den Formen, in den Objekten kulturelle Identitäten, aber auch über die Generationen hinweg changierende Ideen einschreiben. Anders als man es gemeinhin von ihr als Ausstellungsmacherin kennt, ist sie diesmal mehr oder weniger autonome künstlerische Urheberin: "Ich denke in dieser Ausstellung genauso ernsthaft wie zuvor über Kultur nach, wenn ich aus verschiedenen Perspektiven künstlerische Arbeiten betrachte. Allerdings habe ich die Werke vorher nie verwandelt, sondern sie immer so wahr wie möglich in ihrer Vision gezeigt.“ Von einem Porträt der aus ihrer weiblichen Opferrolle befreiten "Minnie Mouse" (mit Comic-Nebenbuhler Felix im Körbchen) über einen gespenstischen Türstopper in Form eines „Halloween Girl“ bis hin zu einer bizarr um einen Gynäkologiestuhl arrangierte Figurengruppe der "Marburger Madonna" reicht die historisch versponnene, auch feministisch geprägte Aufbereitung an Kuriosem. Fotografien, Textfragmente, Druckgrafiken und ein dramatisch gesetztes Licht verschaffen der Installation eine wie aus dem 19. Jahrhundert übertragene Atmosphäre. Mit dem Titel "THE BIRD THAT MADE THE BREEZE TO BLOW" bezieht sich Hendeles auf ein Gedicht von Samuel Taylor Coleridge, um auf die vielfach auftauchenden Vogel-Metaphorik in der Ausstellung anzuspielen, darunter auch die der deutschen ADLER Lokomotive.

Mit der Schau bewies sie, dass man den Nazispuk aus dem Haus der Kunst zwar nie ganz vertreiben, aber konterkarieren kann.

Ydesssa Hendeles ist in Deutschland vor allem durch die von ihr in München kuratierte Ausstellung "Partners" 2003 berühmt geworden. Ein Bravourstück, das nicht nur durch die devot auf Knien gestürzte Hitler-Figur von Maurizio Cattelan für Furore gesorgt hatte, sondern auch durch Hendeles' Kollektion historischer Fotografien von Teddybären. Mit der konzeptuell durchdachten Schau bewies sie, dass man den Nazispuk aus dem Haus der Kunst zwar nie ganz vertreiben, aber immerhin bis zur vollkommenen Entwaffnung intellektuell konterkarieren kann. Hendeles nimmt bei ihren Recherchen nicht zuletzt aus biografischem Hintergrund immer wieder narrativ Fäden von übermächtigen Gewaltsystemen auf. 1948 als einziges Kind jüdischer Eltern in Marburg geboren, wuchs sie in Kanada auf, wohin ihre Familie nach dem Holocaust emigriert war. Dass Hendeles den Sprung in die eigene Kunstproduktion wagt, ist nicht verwunderlich, denn ihre subtil vernetzten, ikonografisch schillernden Ausstellungen hatten immer schon ein genuin künstlerisches Moment. "Als Sammlerin und Kuratorin erwarb und stellte ich immer Stücke aus, bei denen ich mir wünschte, ich hätte sie selbst gemacht", sagt sie. Und weiter: "Diese Ausstellung ermöglicht mir, meine Praxis des Kuratierens und Sammelns mit dem Kunstmachen zu verweben (…) alle gezeigten Dinge sind hier von mir modifiziert, um eine persönlichere Perspektive auf Dualitäten zu liefern, die zu komplexen Wirklichkeiten mutieren und nicht nur für mich selbst wichtig sind, sondern auch anderen etwas Relevantes bieten."

Und wie so oft in Hendeles' Kosmos ist Spielzeug der zentrale Gegenstand der Betrachtung. Nicht weil sie davon besessen sei, wie sie meint, sondern weil sie fasziniert ist, was das historische Depot an Spielzeug letztlich über das kollektive Gedächtnis aussagt. "Symptomatisch für ein in Deutschland geborenes Kind war für mich die Welt, als ich klein war, erfüllt von Grimms Märchen, Lebkuchenmännchen und fantasievollem, gut gemachtem Spielzeug. In Deutschland achtet man sehr darauf, dass die Fantasie der Kinder genährt wird." Auch Hendeles bis ins Detail ausgefeilte Schau bei Johann König liefert köstlichen Stoff für Hirn und Fantasie. Sie sollte das Kürprogramm dieses Galeriensommers sein.

Ydessa Hendeles

Die Ausstellung "The Bird that Made the Breeze to Blow" ist noch bis zum 11. August 2012 in der Galerie Johann König zu sehen.

http://www.johannkoenig.de

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3 Leserkommentare vorhanden

maria vanessa atoum

12:22

19 / 07 / 12 // 

schön, wenn man es sich leisten kann,

sich selbst zugeschriebene Kunstwerke bei anderen in Auftrag zu geben. Alles Gezeigte ist nur möglich, weil andere dies ausführen. Insofern bleibt die künstlerische Handschrift wie so oft bei zeitgenössischen Kreativen rein bei der Idee. Claes Oldenburg hat seine Objekte, so weit ich weiß, wenigstens noch weitest gehend selbst gefertigt. Das ist heutzutage mit einem finanziellen Background nicht mehr nötig. Man lässt einfach anfertigen. Da ist die erfolgreiche Kuratorin nicht die Einzige. Wann werden wir Kunstprodukte von Kasper König (eine überdimensionierte Krone?) oder Klaus Biesenbach, Robert Fleck - huch, besser nicht - oder Carolyn Christov Bakargiev sehen? Auch ein Tatbestand, der für sich spricht. Insofern hat diese Schau durchaus informativen Charakter.

Berthold Brunner

22:00

19 / 07 / 12 // 

Kuratorenkunst

Schön, da brauchen wir bald keine Künstler mehr. Es war ja schon länger abzusehen, dass die Kuratoren ihre Arbeit als bedeutender ansehen, als das Werk der von ihnen Präsentierten. Ein kleiner Schritt nur noch, dann haben wir es endlich geschafft: Kunstwerk und Präsentation als Gesamt(kunst)werk, die totale Kunst. So frage ich euch: Wollt ihr die totale Kunst? Wollt ihr sie noch totaler und radikaler als ihr euch das je vorstellen könnt? Sammler, Kurator und Künstler in einer Person, was für eine Symbiose in einer Person!

piet jungk

16:39

27 / 07 / 12 // 

Die wahren Stars wollen die Kuratoren sein

wie meine Vorgänger schon richtig bemerkten, scheint schon lange Trend zu sein, dass die Kuratoren sich als die wahren Stars der Kunstszene verstehen. Die Künstler dienen ihnen als Werkstoff. Wehe, wenn da einer nicht mitspielt, der oder die ist dann aber sowas von weg vom Fenster, sprich Markt, gell Herr König?

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