Die Kritik

5. Berlin-Biennale



EURE TAGE, UNSERE NÄCHTE

Bitte keine Traditionen – so lautet die einzige Regel der Berlin-Biennale, deren fünfte Ausgabe heute abend offiziell eröffnet wird. Und auch die Kuratoren des aktuellen Durchgangs, der Pole Adam Szymczyk und die Amerikanerin Elena Filipovic haben sich konsequent an diese Gebot gehalten. Sie verzichten auf große Gesten und punkten stattdessen mit subtiler Kunst, historischer Genauigkeit und einer flexiblen, offenen Ausstellungsarchitektur.
// KITO NEDO

Schon im Vorfeld war die Neugierde groß, wie die beiden Ausstellungsmacher mit dem großen Erfolgsdruck umgehen würden, der vor allem durch ihre äußerst erfolgreichen Vorgänger, das Kuratorentrio Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick aufgebaut worden war. Jene hatten die Ausstellung als ein existenzialistisches Straßentheater entlang der Auguststraße inszeniert, mit dem traditionellen Ausstellungsort der Biennale – den Kunst-Werken – als dem dunklen Herzstück.

Ein Teil des Erfolgs der vierten Biennale vor zwei Jahren mag in der Rückschau daran gelegen haben, dass das Trio der Mehrheit des Publikums das Gefühl vermitteln konnte, Berlin-Mitte wie in den früher neunziger Jahren noch einmal zu entdecken. Die Inbesitznahme eines verwaisten Schulgebäudes als Ausstellungshaus erwies sich hierbei als größter Glücksgriff. Wie schockgefrostet schienen die jahrelang verlassenen Klassenräume und die Turnhalle nur darauf gewartet zu haben, als bröckelige Kulisse für ein Gänsehaut-Erlebnis zu dienen: Was kümmerte es da, dass die Stadt ringsumher längst weiter war?

Ganz anders arbeiten hingegen Szymczyk und Filipovic mit den von ihnen gewählten Ausstellungsorten. Ob nun in der modernistischen Grandezza des Obergeschosses der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe, dem unwirtlichen Ödland des ehemaligen Mauerstreifens zwischen Mitte und Kreuzberg, den vier Geschossen der zum KW-Ausstellungshaus umgenutzen, ehemaligen Margarinefabrik an der Auguststraße oder der hybriden Architektur aus Neoklassizismus und Ostmoderne des Schinkelpavillons in Sichtweite des Stahlträgerskelletts des Republikpalastes: Der Umgang mit den Orten ist geprägt durch Sensibiliät für Gegenwart und Vergangenenheit sowie großes Inszenierungsgeschick, welches jedoch nie in bloße Effekthascherei abgleitet. Es ist im positiven Sinne schockierend, wie sich trotz der disparaten Orte am Ende des ersten Rundgangs nicht zuletzt aufgrund einer flexiblen, offenen Ausstellungsarchitektur doch ein einheitlich anmutendes Gesamtbild ergibt. Auch diese Biennale ist wieder anders als ihre Vorgänger, und sie ist gelungen.

In schöner Großzügigkeit haben die Ausstellungsmacher etwa dem türkischen Künstler Ahmet Ögüt das Erdgeschoss der Kunst-Werke überlassen und für ein überraschendes Entree gesorgt. Die vollständig asphaltierte 400 Quadratmeter messende Bodenfläche lenkt die Aufmerksamkeit noch einmal auf das Haus selbst und verweist zugleich auf die Straße als eine möglichen Zustandsform des öffentlichen Raums. Denn dies ist eins der unausgesprochenen Themen der Ausstellung: die Auseinandersetzung mit der Stadt, mit den unterschiedlichen Situationen und Balancen, die sie konstituiert. So beobachtet etwa der Chinese Zhao Liang kommentarlos die Transformationen, die seine Heimatstadt Peking gegenwärtig durchläuft. In kurzen Clips reihen sich poetische, komische und hässliche Szenen aus dem Metropolenalltag aneinander: ein stürzender Radfahrer, dem auf einer von Menschen wimmelnden Straße schnell wieder aufgeholfen wird, eine plötzlich ausbrechende Schlägerei in einer Nachtbar, eine Gruppe tranceartig tanzender Menschen mitten im tosenden Straßenverkehr der Großsstadt, die U-Bahn-Endstation, wo die plötzlich sichtbar gewordenen Betrunkenen und Erschöpften rabiat aus dem Waggon expediert werden.

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