Radar

Julia Stoschek

Julia Stoschek über Zilvinas Kempinas
Zilvinas Kempinas, "Columns", 2006 (Courtesy of Spencer Brownstone Gallery / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)

JULIA STOSCHEK ÜBER ZILVINAS KEMPINAS

Für unsere neue Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Die Düsseldorfer Sammlerin Julia Stoschek, 32, über den litauischen Künstler Zilvinas Kempinas.
// JULIA STOSCHEK

Meine Neuentdeckung des letzten Jahres ist Zilvinas Kempinas. Entdeckt habe ich ihn in einer Einzelschau in der Spencer Brownstone Gallery in New York im Mai 2007. Der in Litauen geborene Künstler arbeitet mit Videotapes in ausgesprochen skulpturaler Weise. Er benutzt sie nicht als Datenträger, sondern als Material für seine meist raumgreifenden Installationen.

In "Flying Tapes" (2006) beispielsweise lässt er abgespulte Videobänder mit Hilfe von Industrieventilatoren zu riesigen Luftschlangen werden, denen der Betrachter ständig ausweichen muss. In "Columns" (2006) spannt er Videobänder vertikal von der Decke bis zum Boden, so dass sie wie schwarze Säulen im Raum stehen. Durch die dichte, präzise Anordnung dieser fragilen Bänder bekommen diese Säulen auf den ersten Blick eine besondere Festigkeit. Auf den zweiten Blick sieht man allerdings, dass die Bänder sich im leisesten Lufthauch permanent bewegen und die Säulen eher eine hochsensible Membran sind.

Ähnliche Effekte sind auch bei "White Noise" (2007) zu beobachten: Auch hier spannt er abgespulte Videobänder horizontal wie zu einer Kinoleinwand, eine homogenen Fläche, auf. Je näher der Betrachter auf diese Wand zugeht, desto klarer wird, dass es sich nicht um eine Projektionsleinwand handelt, sondern um einzelne Bänder, die durch Ventilatoren bewegt werden und die Illusion einer Fläche allmählich aufbricht.

Mir gefallen die Raffinesse und die skulpturale Qualität, die Kempinas im Kontext des so genannten "Neuen Mediums" nutzt, um Illusionen mit einfachsten Mitteln aufzubauen und zugleich wieder aufzulösen.

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