Picasso

Hamburg

"Jeder weiß wie Picasso aussieht"
Jacques-Henri Lartigue: "Picasso chez lui", zu sehen in der Ausstellung "Ichundichundich" in Hamburg (Courtesy L’Association des Amis de Jacques Henri Lartigue, Charenton-Le Pont/© Ministère de la Culture, France)

"JEDER WEIß WIE PICASSO AUSSIEHT"

Wie kaum ein anderer Künstler nutzte Picasso die Fotografie für sich als Kontroll- und Inszenierungsmedium. Im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg ist er nun im Fotoporträt zu sehen. Esther Ruelfs, die Leiterin der Sammlung Fotografie und neue Medien im Museum für Kunst und Gewerbe, spricht mit art über die Ausstellung.
// STEFFI PARLOW

Warum gibt es so viele Fotos von Picasso?

Picasso hat die Fotografie bereits sehr früh als Medium der Selbstinszenierung erkannt und sie genutzt, um ein bestimmtes Künstlerbild zu schaffen, nämlich das eines ständig aus sich schöpfenden, selbstbewussten und selbstredend männlichen Künstlergenies.

Er war jemand der sich leidenschaftlich gerne fotografieren ließ und die Fotografen zu sich ins Atelier einlud. Bereits in den fünfziger und sechziger Jahren sind verschiedene Fotobücher über ihn erschienen: allein drei von David Douglas Duncan und je ein weiteres von Roberto Otero und Edward Quinn.

Picasso nutzte die Fotografie als Aufzeichnungs- und Kontrollmedium für sich. Für den Betrachter stellt sich die Frage, inwieweit ist das Foto ein Werk vom Fotografen und wie groß ist die Einflussnahme von Picasso?

Diese Frage durchzieht die gesamte Ausstellung. Man kann das nur von Fall zu Fall entscheiden und die Bilder daraufhin genau ansehen. Nimmt man beispielsweise die Aufnahmen Brassaïs, die in Picassos Studio 1932 entstanden sind: Es handelt sich um Atelierstillleben auf denen Picasso als Porträtierter eher selten auftaucht. Es ist das Studio, das wie ein Kosmos aus persönlichen Dingen, Pinseln, Werkzeugen und Materialien, den Künstler näher beschreibt. Gleichzeitig ist das Stillleben eine Chance, der übermächtigen Künstlerfigur zu entkommen. Eine andere Möglichkeit, dem Inszenierungsdrang Picassos entgegenzuarbeiten, demonstriert Irving Penns Aufnahme im Entree der Ausstellung, die mit einem Ausschnitt von Picassos Gesicht arbeitet. Picasso zeigt sich in einer theatralen Inszenierung und trägt eine spanische Stierkampf-Mantilla und einen auffälligen Hut. Diese narrativen Elemente spielen bei der Bildfindung jedoch überhaupt keine Rolle. Irving Penn beschneidet das Bild so sehr, dass die Fokussierung ganz und gar auf dem Auge Picassos liegt. Im Gegensatz dazu gibt es Bilder, bei denen die Fotografen völlig auf Picassos Talent zur Selbstinszenierung setzen. In dem Ausstellungskapitel, das wir "Rollenspiel" genannt haben, wird diese Lust am Verkleiden und Posieren deutlich. Hier verkörpert Picasso unter anderem einen Indianerhäuptling oder die Comicfigur Popey.

Sie sprachen von den Atelierporträts, auf denen Picasso nicht als Person in Erscheinung tritt. Wie wichtig ist die Präsenz im Vergleich zur Abwesenheit von Picasso auf den Fotos?

Es gibt einen interessanten Text aus dem Jahr 1964, in dem Brassaï seine Gespräche mit Picasso veröffentlicht. Darin erläutert Picasso, dass Brassaïs Fotografien für ihn eine Art "Blutprobe" seien, mit deren Hilfe man diagnostizieren und analysieren könne, wer er damals gewesen sei. Picasso bezieht sich auf eine Serie von Atelierstilleben, die Brassaï 1932 in Picassos Atelier in der Rue Boétie aufgenommen hat. Das Atelier gewissermaßen als "erweitertes Selbstporträt" – es erzählt über den Künstler.

Ist Picassos Porträt eine Art Markenzeichen, das sein Werk prägt?

Jeder weiß, wie Picasso aussieht. Bei welchem anderen Künstler ist das so? Mir fällt sonst nur Andy Warhol ein. Bei ihm ist aber die Selbstinszenierung Teil seines Werks. Wir zeigen unter anderem auch historische Plakate, die Picassos Ausstellungen ankündigen. An diesen Exponaten wird deutlich, dass die Institutionen kein repräsentatives Werk für die Werbung ausgewählt haben, sondern stellvertretend das Gesicht Picassos. Wie ein Markenzeichen klammert das Künstlerporträt in diesem Sinne Picassos vergleichsweise heterogenes und stilpluralistisches Werk.

Die Ausstellung wurde von Kerstin Stremmel, die als freiberufliche Kuratorin und Autorin arbeitet, für das Museum Ludwig in Köln konzipiert. Hat die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg einen speziellen Fokus?

Wir haben die Ausstellung für unsere Räume adaptiert und die Gruppen ein wenig anders zusammengestellt. Darüber hinaus wurden Arbeiten aus unserer Sammlung integriert, darunter etwa das prominente Eingangsbild von Irving Penn, vor allem aber ausgewählte Picasso-Keramiken aus der Designsammlung. Ein Raum zeigt Aufnahmen aus dem Keramikatelier La Fournas und der Töpferei Madoura in Vallauris, dazu Fotografien, die Picasso bei der Arbeit beobachtet haben. Sie stammen von Künstlern wie Edward Quinn, Roberto Otero und David Douglas Duncan, die Picasso gelegentlich ins Studio einlud, um seine Arbeit zu dokumentieren.

Das Ausstellungsdisplay wurde vom Architekten René Hillebrand entworfen. Was waren wichtige Elemente für das Display?

Die Ausstellungsarchitektur wurde für das Haus entwickelt. Durch die Spiegelfolie, die in zwei Räumen zum Einsatz kommt, beobachtet man nicht nur sich selbst, sondern auch andere Ausstellungsbesucher. Neben dieser Idee, die auf die Wechselwirkung zwischen Betrachter und Betrachtetem Bezug nimmt, hat sich René Hillebrand bei der Gestaltung der Podeste für unsere Keramikobjekte vom Kubismus und dem Gedanken an eine Künstlerwerkstatt inspirieren lassen.

Wie wichtig ist das Motiv des Spiegels, im Vergleich zum Medium der Fotografie für die Ausstellung?

In der Ausstellung geht es um die Selbstinszenierung Picassos vor der Kamera. Das Motiv des Spiegels macht den Prozess des Fotografiertwerdens und das Kräftespiel zwischen Fotograf und Fotografiertem intuitiv nachvollziehbar, weil sich der Besucher mit dem eigenen Spiegelbild und dem Umstand betrachtet zu werden konfrontiert sieht. Im Auftaktbild der Ausstellung, das alleine zentral auf der Spiegelwand platziert ist, geht es im Grunde genau um diese Situation. Die Aufnahme pointiert das spezielle Verhältnis zwischen Fotograf und Modell. Wenn man genau hinsieht, erkennt man im Auge Picassos die Spiegelungen des Fotografen und des Ateliers.

Es gibt verschiedene räumliche Themenfelder in der Ausstellung, können Sie darauf näher eingehen?

Es gibt das Künstleratelier; das Rollenspiel; Picasso bei der Arbeit. Darüber hinaus werden Auge und Hand als Motive vorgestellt, die von ganz unterschiedlichen Fotografen aufgegriffen wurden. Weitere Themen sind der Film "Le Mystère Picasso", den wir in einem eigenen Raum zeigen und die Plakate, wobei bei letzterem der Aspekt der Selbstvermarktung explizit betont wird. Einen Abspann bilden Porträts der Fotografinnen und Fotografen, die in der Ausstellung vertreten sind. An den Bildern lässt sich ablesen, wie sie das Thema von Porträtieren und Porträtiertwerden im eigenen Porträt behandeln und auf diese Art und Weise zeigen, wie sie porträtieren. Herbert List, der immer das Magische der Dinge gesucht hat und so eine Situation schafft, in der er eine spiegelnde Fläche in das Bild einsetzt, und die ganze Bildkomposition dadurch verunklart.

Sehen Sie Unterschiede im fotografischen Blick einer Frau oder eines Mannes auf Picasso?

Grundsätzlich lebt eine Porträtsituation von der spezifischen Interaktion zwischen Porträtiertem und Porträtierendem, die sich stets auch im Bild niederschlägt. Im Fall der Fotografinnen Dora Maar und Lee Miller ist das besonders interessant und verleiht den Bildern eine zusätzliche Spannung. Dora Maar etwa, die ehemalige Geliebte Picassos, umgibt den Kopf mit einer düsteren Aureole, die sie auf das Negativ kratzt – ein extrem aggressiver Eingriff, der nachträglich passiert ist. Das Künstlerporträt setzt eine gewisse Faszination, Bewunderung und Sympathie voraus, die bei Porträtisten existiert. Die Figur Picasso als Inbegriff des männlichen, genialischen Künstlers, für den die Frauen wohl eher "dekoratives Beiwerk" an seiner Seite waren, bietet zwar eine Reibungsfläche für geschlechterspezifische Fragen, gerade jene Fotografinnen, die das hätten thematisieren wollen, wären aber kaum in sein Atelier zu Besuch gekommen. Es ist also kein Zufall, das Dora Maar das Porträt Picassos nachträglich zerkratzt.

MKG Hamburg

Die Ausstellung "Ichundichundich. Picasso im Fotoporträt" läuft noch bis zum 21. Oktober 2012 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

http://www.mkg-hamburg.de

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3 Leserkommentare vorhanden

ron morisson

16:49

20 / 07 / 12 // 

picasso alles andere als ein genie

picasso war ein maler der sein handwerk verstand. aber mehr auch schon nicht - ganz sicher war er kein genie. weder kamen von ihm "neues" noch war er technisch innovativ. im gegenteil, er sich unter dem deckmantel der "inspiration" kopiert und übernommen bis zum abwinken. nur weil seine arbeiten teuer gehandelt werden IST ER KEIN GENIE. die gesellschaft ist zu dämlich um den hausverstand zu aktivieren und sich selbst ein "bild zu machen". von einem genie erwartet man geniale leistungen, in welcher form auch immer. AMEN

Ernst Mat

12:47

21 / 07 / 12 // 

Zum Kommentar von Ron Morrisson

Oh weh, Ron - hier manifestieren sich Erkenntnislosigkeit und Unverstand zu einer d........ Tirade.

Vanavond

01:01

22 / 07 / 12 // 

Jungs....

ihr seid beide im Unrecht! Picasso war ein Genie, denn er verstand es wie kein anderer zu seiner Zeit, Scheisse in Gold zu verwandeln. Außerdem hat er einen Weg gefunden geschmacklose Möchtegern-Individuen....bzw. Idioten zu identifizieren und das geht geht bis heute! Leute ganz ehrlich....start your engines...

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