Gustav Klimt

Wien



IMAGEPFLEGE POST MORTEM

Zu seinem 150. Geburtstag gedenken die Wiener Museen des Jugendstil-Künstlers Gustav Klimt mit viel Privatem und kaum Fakten. Ein Blick auf die größten Ausstellungen und Publikationen
// ALMUTH SPIEGLER

Was Gustav Klimt von seiner Heimatstadt Wien zum 150. Geburtstag serviert bekommt, hätte ihm vermutlich gefallen, denkt man daran, dass das "Gschnas", der künstlerisch gestaltete Kostümball, schließlich in Wien um 1900 vom Künstlerhaus-Verein erfunden worden ist, in dem auch Klimt Mitglied war.

Ein gewisses Faible für Trash dürfte der Maler der Femme Fatales und des Goldes also gehabt haben. Vielleicht hätte er sich amüsiert, wenn im Belvedere am Tag seiner Geburt die Lookalikes von Gustav und Emilie Flöge, seiner platonischen Lebensliebe, gesucht werden. Wenn im Wien Museum alle mit diesen Namen freien Eintritt bekommen und per Facebook "Worst of Klimt", also der heftigste Klimt-Kitsch gesucht wird. Zurecht gewonnen hat übrigens ein Fabergé-artiges Ei, das in seinem Innerem das Paar von Klimts "Kuss" birgt, das sich zu Elvis' "Can’t help falling in Love" dreht. Soweit zu den Marketing-Tiefen, die zu einem solchen Jahr allerdings irgendwie auch dazugehören. Ansonsten muss man in der Halbzeit resümieren: Gar nicht schlecht gemacht.

Statt eine repräsentative Klimt-Mega-Ausstellung zu organisieren, haben die Wiener Museen sich zu etwas Typischem entschlossen, nämlich sich für nichts zu entscheiden. So hat jedes Haus sein eigenes Ding gemacht. Und jedes Haus hat mit gleichwenig Budget gearbeitet.Was im Endeffekt den riesengroßen Vorteil hatte: Sie konzentrierten sich auf die eigenen Bestände und arbeiteten sie auf. Noch nie hat man die gesamten Wiener Klimt-Schätze derart umfassend zu sehen bekommen. Das reichte von der Albertina, die ihren gesamten Zeichnungs-Bestand hängte. Zum Kunsthistorischen Museum, das eine spektakuläre Brücke im Stiegenhaus installiert hat, um hinauf zu Klimts Frühwerk unter der Decke zu leiten. Dem MAK, das die Entwürfe zum Stoclet-Fries restaurieren ließ. Dem kleinen Volkskundemuseum, das die Stoffsammlung der Emilie Flöge ausstellt. Bis zu den gewichtigen Sammlungen des Leopold Museums und des Belvederes, die sich ein Match um den intimeren Blick auf Klimt lieferten. Das Leopold durchzog seine "Klimt persönlich"-Schau mit einem Vitrinenband, in dem es die in der Literatur bereits aufgearbeiteten hunderten Postkarten präsentierte, die Klimt tagtäglich Emilie Flöge geschrieben hatte. Meist lapidare Mitteilungen über das Wetter, sein Befinden, seinen Besuch im Tivoli-Cafe, die nächste Verabredung zum Theater. Licht in das Dunkel der geheimnisumwitterten Beziehung zwischen dem Starmaler und der um vieles jüngeren Avantgarde-Modemacherin brachte das nicht. Er trieb es mit halb Wien, mit Auftraggeberinnen und Modellen und blieb in der Freundschaft doch nur Emilie treu. Sie trieb es anscheinend mit niemandem, auch nicht mit Klimt. War sie wirklich lesbisch, wie im Leopold-Katalog vermutet wird?

Das Belvedere trumpfte mit bei der Pressekonferenz kaum verhohlener Schadenfreude allerdings mit bisher unbekannten Briefen auf, deren Verbleib Direktorin Agnes Husslein aus der Zeit bekannt war, "als sie noch einen anderen Hut auf hatte", als sie also Wiener Sotheby’s-Chefin gewesen ist. Die sieben langen Briefe Klimts an Flöge hatten deren Erben nämlich vor der Versteigerung der Postkarten bei Sotheby’s in den achtziger Jahren aus dem Konvolut herausgenommen. Am Anfang, 1895, klingt das Gesumse des damals schon sehr erfolgreichen Malers vom "lieben süßen Miderl", der "schönen Mitz", dem "Leb wohl mein Herz ich küss Dich innig im Geiste" tatsächlich schwer verliebt. Am Ende der Briefserie, 1899, schon weniger blumig. Der letzte Brief stammt aus Florenz, wo Klimt vor aller Mitreisender Augen einen heftigen Flirt mit der jungen Alma Schindler, später Mahler, begann. Während in Wien zwei seiner Modelle von ihm schwanger waren und ihm wenig später je einen Gustav junior gebaren. Und Emilie scheint endgültig geschwant zu haben, dass Klimts laut Zeitzeuginnen angeblich "animalische" Ausstrahlung keine ehelichen Qualitäten barg. Ihre Antworten auf Klimts Korrespondenz sind nicht erhalten, sie dürfte sie nach seinem Tod wäschekorbweise verbrannt haben.

Klimts Briefe sind jedenfalls die Entdeckung der Belvedere-Ausstellung, in einem Gebiet, in dem man mit spektakulären Entdeckungen wohl nicht mehr rechnen darf. Klimts Hauptwerk ist beachtlich aufgearbeitet, eine Monografie nach der anderen hat den Markt bereitet, allein in diesem Jahr werden noch zwei erwartet: Taschen und Prestel. Nur eines hätte man sich bei aller Entdeckerfreude doch erwartet: Dass man die Briefe in der Ausstellung nicht nur in einer Vitrine präsentiert bekommt, sondern sie auch lesen kann. Eine Transkription ist aber nur für Katalog- oder Smartphonebesitzer (QR-Code neben den Briefen) einsehbar. Das ist überhaupt das große Manko der Ausstellung im Belvedere, die aufgrund der Sammlung rund um Klimts ikonischen "Kuss" eigentlich den logischen Höhepunkt des Jubiläumsjahrs bilden hätte sollen: Man hat sich mehr auf elektronische Spielereien und einfache, touristische Messages konzentriert als auf eine ordentliche Vermittlung des neuesten wissenschaftlichen Standes, der immerhin durch das eigene Research-Center des Museums bestens aufgearbeitet sein sollte. So bekommt man, vor allem ohne Audioguide, zu einzelnen Werken nur Basisinformationen. Kann aber über I-Pads zu ausgewählten Bildern assoziative Einminuten-Filmchen mit Schauspielern an Originalschauplätzen abrufen, die den Laien allerdings völlig im Unklaren lässt, was daran Fact und was Fiction ist.

Um einiges erfreulicher als die enttäuschende Ausstellung sind die neuen Publikationen des Belvedere: Neben dem Katalog, in dem die Geschichte der gesamten Klimt-Werke aufgearbeitet wurde, die das Schicksal über mehr als 100 Jahre in den Besitz des Museums verschlagen hatte (und wieder entfernte), hat man einen Sammelband aller historischer Fotografien von Klimt und Flöge herausgebracht. Darunter finden sich berühmte Aufnahmen Klimts, die seine Selbstdarstellung als faunischer Maler im exotischen Wiener-Werkstätte-Kittel prägten. Und wenig bis gar nicht bekannte Varianten und Schnappschüsse. Hier kann man dieses seltsame Paar, das fast alle Abende und alle Sommerferien am Attersee miteinander verbrachte, studieren. Sie groß gewachsen, das beste Modell ihrer weiten, üppig ornamentierten Reformkleidung. Er klein, gedrungen, ganz und gar nicht uneitel. Ein Selbstporträt hat Klimt nie gemalt oder gezeichnet, er "sei als Person nicht extra interessant", sagte er dazu. Für die Fotografen aber posierte er unzählige Male.

Gustav Klimt

Gustav Klimt & Emilie Flöge. Fotografien, Prestel Verlag, 25,70 Euro

http://www.randomhouse.de

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