Yayoi Kusama

New York



SPÄTER PUNKTSIEG

In Kooperation mit Louis Vuitton werden im New Yorker Whitney Museum Arbeiten der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama gezeigt. Zu sehen sind neben ihren berühmten Polka Dot-Bildern auch frühe surrealistische Zeichnungen, entrückte Malereien, Collagen und Möbelstücke.
// CLAUDIA BODIN

Ihr Leben hat sie schon immer als einen Punkt unter Millionen von anderen Punkten empfunden. Im hohen Alter von 83 Jahren kehrt die japanische Künstlerin Yayoi Kusama in die Millionenstadt New York zurück, wo vor mehr als 50 Jahren aus ihr die Künstlerin wurde, die sie heute noch ist, so Whitney-Direktor Adam Weinberg. Im New Yorker Whitney Museum macht Kusamas Retrospektive nach Stationen in Madrid, Paris und in der Tate London letzte Station.

Die New Yorker betreten Kusamas Welt mit der Installation "Fireflies on the Water" (2002), bei der die Japanerin einen verspiegelten Raum mit bunten Lichterketten in ein endloses Lichtermeer verwandelte, in dem man sich auf ebenso zauberhafte wie unheimliche Weise verlieren kann. Die Ausstellung setzt sich im vierten Stock mit Porträtfotos, die Yayoi Kusama als junges Mädchen und später als selbstbewusste, stets verloren wirkende junge Frau zeigen. Kusama, die in ihrer New Yorker Zeit als das attraktivste Hippie-Girl galt, in Andy Warhols Factory zu Hause war, Happenings, Orgien und Antikriegs-Proteste inszenierte und enge Beziehungen zu Donald Judd und Joseph Cornell hatte, wusste sich mit all ihren Neurosen und Obsessionen in Szene zu setzen.

Gezeigt werden frühe surrealistische Zeichnungen aus den fünfziger Jahren. Collagen aus den sechziger und siebziger Jahren, in denen sie Themen wie Nazi-Deutschland verarbeitete und ein Selbstporträt von 1972 lieferte, auf dem sie sich als fleischige, von Schmetterlingen umringte Pflanze, in der Ameisen geschäftig ihre Eier ablegen, in einer eisig kalten Schneelandschaft darstellte. Auch ihre "Infinity Paintings", bei denen sie weiße Farbe in endloser Wiederholung auf die Leinwand setzte – 2008 wurde eines der Bilder aus der Serie für 5,1 Millionen Dollar bei Christie´s versteigert – sind zu sehen, ebenso wie ihre Möbelstücke, die sie mit Phallen ausstattete, um ihrem Horror vor Sex Ausdruck zu verleihen. Und ihre späten mit Augen, Punkten oder Zellwesen bevölkerten Acrylmalereien, die dicht an dicht an der Wand hängen und wie Sequenzen aus Kusamas Träumen wirken. "Meine Arbeit basiert auf dem unbezähmbaren Erguss davon, was bereits in mir steckt", hat die Künstlerin in ihrer Biografie "Infinity Net" geschrieben. Seit ihrer Kindheit leidet Kusama unter nervösen Zuständen und Halluzinationen. Wahnvorstellungen von Blumen und Punkten, die durch Räume wanderten, führten zu ihren künstlerischen Obsessionen. Kusama selbst hat immer wieder von traumatischen Kindheitserinnerungen gesprochen, die sie zu verarbeiten versucht. Ihre Kunst sei ihre Medizin, um Schmerz und Angstzustände zu bekämpfen und die einzige Methode, um ihre Krankheit zu lindern.

1973 kehrte die Künstlerin von New York nach Japan zurück, wo sie seitdem auf eigenen Wunsch in einem psychiatrischen Krankenhaus in Tokio lebt. Ihr Atelier besucht sie nach wie vor täglich. Ihre New Yorker Ausstellung, die von der Luxusmarke Louis Vuitton gesponsort wurde, hat etwas von einem späten Triumphzug. Denn nachdem sie New York den Rücken gekehrt hatte, schien die Kunstwelt sie für viele Jahre vergessen zu haben. Vuitton ging wie schon bei dem Künstler Takashi Murakami über das übliche Kultursponsoring hinaus, beruft sich auf ein Treffen von Vuitton-Kreativdirektor Marc Jacobs und Kusama vor einigen Jahren und produzierte eine komplette Kollektion mit der Künstlerin.

Es handelt sich nicht um ihren ersten Ausflug in die Welt der Mode. In den späten sechziger Jahren in New York veranstaltete Kusama Happenings unter dem Titel "Anatomic Explosion" mit maskierten Darstellern, die nichts weiter als aufgemalte Punkte auf ihrer nackten Haut trugen. Wofür sie damals in ihrem Heimatland als nationale Schande bezeichnet wurde. Mit "Kusama Fashion Company" hatte sie sogar ihre eigene Kollektion, die auf Fotos in der Ausstellung zu bewundern ist. Dazu zählten transparente Kleider, ein Dress, der durch zwei Löcher die Brüste enthüllte oder ein Schlafsack-Gewand für Paare. Wogegen die Punkte, die sie für Louis Vuitton auf Taschen, Röcke, Hosen, Schuhe, Sonnenbrillen oder Halstücher setzte, vergleichsweise zahm daherkommen.

Eine Stunde nachdem die Vorschau für die Ausstellung, die Dank der Einladung von Louis Vuitton für die ungewöhnlich zahlreich erschienenen und ungewöhnlich modischen internationalen Presseleute im Whitney stattgefunden hatte, eröffnete der Vorstand des Modehauses den ersten von Kusama-Kreationen dominierten Vuitton-Shop. Das mehrstöckige Gebäude auf der 5th Avenue wurde mit schwarzen Punkten verziert. In den Schaufenstern hängen Kusamas Blumen. Und gleich am Eingang werden die Shopper von einer gespenstisch wirkenden Kusama-Wachsfigur mit orangefarbener Perücke, die Vuitton-Tasche fest im Griff, inmitten von gepunkteten Krakenarmen begrüßt. Die Künstlerin selbst wurde im Rollstuhl bei der Veranstaltung vorgefahren. Den Rummel um ihre Person schien die 83-Jährige, die beschwörend die Arme erhob, um die Presseleute zu begrüßen, zu genießen. Kusama im gelben Punktgewand und gepunkteten Strümpfen griff zum Mikrofon, um weitgehend unverständliche Worte an ihr Publikum zu richten. Sie sprach vom Glück, in New York zu sein. Von Kriegen und all dem Übel dort draußen in der Welt, dem sie ihr Leben lang mit ihrer Kunst zu trotzen scheint. Punkt für Punkt.

Kusama

Die Ausstellung zu Yayoi Kusama ist noch bis zum 30. September 2012 im Whitney Museum in New York zu sehen.

http://whitney.org

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