Metamorphosen

London



ÜBERWÄLTIGENDE AUFGABE

Die Londoner National Gallery besitzt drei Gemälde von Tizian, die der Venezianer nach Motiven aus Ovids "Metamorphosen" schuf. Das Museum, gemeinsam mit dem Königlichen Ballett Covent Garden, hat nun Choreografen, Komponisten, Künstler und Lyriker damit beauftragt, sich von den drei mythologischen Szenen zu neuen Werken anregen zu lassen.
// HANS PIETSCH

"Es ist meine Absicht, von Körpern zu singen, die in andere Formen verwandelt wurden" - so beginnt der römische Dichter Ovid seine "Metamorphosen". Einer dieser Körper, von dessen Verwandlung er singt, gehört dem Aktaion, der Diana beim Bad überrascht hat, und von der Göttin der Jagd zur Strafe in einen Hirsch verwandelt wird, um dann von der eigenen Hundemeute zerrissen zu werden.

Tizian hat beide Szenen aus den "Metamorphosen" gemalt: "Diana und Aktaion" (1556/59) zeigt den Augenblick, da der nichtsahnende Akteon die nackte Göttin und ihre Nymphen überrascht und von ihr einen strafenden Blick erhält, der nichts Gutes verheisst. Der im Hintergrund auf einem Sockel stehende Hirschschädel unterstreicht das noch. "Der Tod des Aktaion" (um 1559/75) zeigt, wie seine Hunde den zum Tod verdammten Jäger anfallen, seine Richterin verfolgt ihn mit wallendem Gewand und gezücktem Bogen. Die Leinwand stand unvollendet im Atelier, als der Maler 1576 starb. Das dritte der National Gallery gehörende Werk von Tizian nach Ovid ist "Diana und Callisto" (1556/59). Hier zeigt der Künstler den Augenblick, da die von Jupiter geschwängerte Nymphe von Dianas keuscher Entourage entlarvt und verjagt wird.

Alle drei Gemälde, die Tizian im Auftrag des spanischen Monarchen Philip II. schuf, hängen seit dem 18. Jahrhundert zum ersten Mal wieder in einem Raum – ein überwältigender Eindruck, mit Tizians dramatischem Erzählduktus, seinen delikat abgestuften Farben und seinen wogenden Pinselstrichen.

Das Projekt der National Gallery führte nicht nur zu einem Büchlein mit Gedichten von 14 Lyrikern, sondern auch zu einem Ballettabend mit drei neuen Choreografien, zu denen drei Künstler Bühnenbilder und Kostüme entwarfen – der Maler Chris Ofili, der Plastiker Conrad Shawcross und der Konzeptkünstler Mark Wallinger. Alle drei betreten damit völliges Neuland und scheinen etwas überwältigt von der Aufgabe gewesen zu sein – etwas zahm und zurückhaltend wirken ihre Entwürfe.

Das eigentliche der Schau sind jedoch ihre Antworten auf Tizian. Dass sie sich der Herausforderung stellten, auf diese Meisterwerke zu reagieren, ist mutig, aber nicht gleichermaßen erfolgreich. Am wenigsten gelingt es dem für seine maschinenähnlichen Installationen bekannten Conrad Shawcross. Sein roboterähnliches Gebilde, seine Diana, tastet mit einer am Ende seines Arms angebrachten Lampe ein aus einem Holzblock geschnitztes Geweih ab – die Jägerin untersucht ihre Beute.

Der Maler Chris Ofili verglich die Herausforderung damit, als Lamm ins Schlachthaus geführt zu werden. Glücklicherweise lässt er sich nicht überwältigen. Seine sieben großformatigen Gemälde sind natürlich der eigenen Ästhetik verpflichtet, doch Tizians Farben und seine kühnen Pinselstriche machen Ofilis Kompositionen noch lebendiger und aufregender.

Die schärfste Antwort gibt Mark Wallinger mit seinem hermetisch verriegelten Zimmer in einem dunklen Raum, das den Besucher wie Aktaion zum Voyeur macht, jedoch nicht zu einem unfreiwilligen, sondern einem bewußten, denn in das Zimmer kann man nur durch eine fast geschlossene Jalousie, ein Fenster mit Milchglas oder zwei Gucklöcher blicken. Im Inneren kämmt sich eine halbnackte Frau in einem Badezimmer das Haar. Wallinger macht klar, dass Tizians Gemälde vom Sehen handeln und erinnert gleichzeitig daran, dass ihre Erotik zur Vergnügung des frommen spanischen Königs gedacht war, als eine Art Peep Show, die sich nur dadurch rechtfertigen ließ, dass sie auf mythologische Szenen zurückging.

Nicht umsonst bezeichnete der kürzlich verstorbene Lucian Freud die beiden Tizians mit Diana und Aktaion als "die schönsten Gemälde der Welt", und dass heute, nach 450 Jahren, Künstler mit soviel Gusto auf sie reagieren, unterstreicht nur ihr Größe.

Metamorphosis: Tizian 2012

Die Ausstellung ist noch bis zum 23. September in der Londoner National Gallery zu sehen.

http://www.nationalgallery.org.uk

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