Tatlin

Basel



DIE EROBERUNG DES HIMMELS

Türme, Flugapparate und "Raum-Attacken": Das Museum Tinguely widmet Wladimir Tatlin, dem großen Revolutionär der russischen Kunst, die erste umfassende Retrospektive seit fast 20 Jahren.
// GERHARD MACK

Die Erwartungen waren hoch: "Wenn bei uns erst einmal genauso viele Letatlins hergestellt werden, wie man heute Thonet-Stühle fertigt, dann werden die Kinder schon mit acht Jahren fliegen lernen", schrieb ein Zeitgenosse im Jahr 1929.

Wladimir Tatlin (1885 bis 1953) leitete in Moskau ein Labor für die "Erforschung der Materialkultur" und hatte mit seinen Studenten eine vogelähnliche Flugskulptur, den heute berühmten"Leta tlin", entworfen. Er zählte zu den führenden Künstlern der noch jungen Sowjetunion und suchte nach Ausdrucksmöglichkeiten für den neuen Menschen. Was hätte den optimistischen Geist der Revolution besser bezeichnen können, was von den Alltagsnöten eines geplagten Landes besser ablenken als die Eroberung des Himmels!

Tatlin hatte ihn schon einmal im Blick gehabt. 1920 hatte er als monumentale Propaganda seinen legendären Turm für die III. Internationale entworfen. Dieser blieb Modell, wurde mit seiner dynamischen Form einer diagonal ansteigenden Spirale jedoch zum Symbol der jungen Sowjetunion – selbst Lenin hat ihn besichtigt. Der Künstler engagierte sich für die Gestaltung einer neuen Gesellschaft. Er rief seine Mitbürger "zur Vervollkommnung des Auges" auf, unterrichtete an Hochschulen, war politisch aktiv und entwarf neue Kleidung, Möbel und Geschirr für den sowjetischen Alltag. Im ganzen Land stattete er Theaterstücke aus.Tatlins Kunst hatte sich schon vor der Revolution in den Raum hinein entwickelt. Die Werke zeigen noch deutlich den Einfluss von Kubismus und Futurismus. Nach einem Besuch bei Picasso in Paris 1914 formulierte der 28-Jährige: "Wir stellen das Auge unter die Kontrolle des Tastsinns." Und er begann, verschiedene Materialien zu freien Assemblagen zu kombinieren, die sich in ihren kühnsten Beispielen weit in den Raum hinein erstreckten. Er nannte sie Konterreliefs, verstand sie als "Raum-Attacken" und entwickelte sie oft spontan vor Ort.

Das aktionistische Moment, das sie in Tatlins Werk zum Ausdruck bringen, rückt der Kurator Gian Casper Bott im Museum Tinguely ins Zentrum. Von den frühen Gemälden bis zu den Arbeiten fürs Theater wird nicht nur eine Legende der russischen Avantgarde anhand exquisiter Leihgaben vorgestellt. Deutlich wird vor allem, mit welcher Gewandtheit und Zuversicht sich da einer zwischen den Genres bewegte. Malerei, Skulptur, Architektur, Bühnendekor und Kostüme, selbst neue Genres treten selbstverständlich nebeneinander. Das ist in seiner Direktheit auch heute noch höchst beeindruckend, selbst wenn Tatlins Träume vom Fliegen sich nicht erfüllt haben. Er musste sein Leben lang mit den Mühen des Erdendaseins zu Recht kommen. Lange Zeit war er mittellos. Im Zweiten Weltkrieg fiel sein Sohn mit 19 Jahren an der Front, er selbst starb 1953 vereinsamt.

Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt

Termin: bis 14. Oktober; Der Katalog erscheint im Hatje Cantz Verlag und kostet 39,80 Euro; Museum Tanguely, Basel

http://www.tinguely.ch

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