A House Full of Music

Darmstadt



SCHLAU KOMPONIERT

John Cage war einer der einflussreichsten Impulsgeber für zeitgenössische Musik und Kunst. Anlässlich seines 100. Geburtstags präsentiert die Darmstädter Mathildenhöhe nun eine Ausstellung, die nach gemeinsamen Inhalten von progressiver Kunst und Musik fragt.
// SANDRA DANICKE

Der Moderator der Fernsehsendung "I’ve Got a Secret" ist sichtlich bemüht, dem Publikum zu erklären, dass John Cage ein "echter" Komponist ist, kein Clown. Aber was, wenn einige der Zuschauer bei der gleich folgenden Aufführung seines Stücks "Water Walk" lachen? "Ist das in Ordnung?"

"Natürlich", antwortet Cage, das sei ihm lieber als weinen. Es ist Januar 1960, Fluxus ist noch nicht erfunden, als John Cage mit Badewanne, Gießkanne, einer Blumenvase und Eiswürfeln im Mixer hantiert und das Ergebnis Musik nennt. Das Publikum tobt vor Lachen.

Heute steht längst außer Frage, dass der 1992 gestorbene Amerikaner einer der einflussreichsten Impulsgeber nicht nur für die zeitgenössische Musik, sondern auch für die Kunst war. "A House Full of Music" heißt die Ausstellung, die zu Cages 100. Geburtstag nach jenen Inhalten fragt, die progressive Kunst und Musik gemeinsam haben. Naturgemäß spielt sich die Schau, in der 350 Werke von 110 Künstlern zu einem schlau komponierten und dicht verwebten Parcours arrangiert sind, nicht unwesentlich auch auf den mitgereichten Kopfhörern ab, wo Ausschnitte aus Kurt Schwitters "Ursonate" ebenso zu hören sind wie Stücke von Karlheinz Stockhausen oder den Einstürzenden Neubauten.

Unterteilt ist die Ausstellung in zwölf so genannte Grund-Strategien wie "Speichern", "Spielen", "Würfeln" oder "Möblieren" – Motive, die sich seit dem 20. Jahrhundert durch die avantgardistische Musik- und Kunstgeschichte ziehen, was sich besonders anschaulich im Bereich "Zerstören" demonstrieren lässt: Von Nam June Paiks "One for Violine Solo" (1962), einer Performance, die darin besteht, eine Geige möglichst langsam anzuheben, um sie anschließend mit einem Hieb zu zerschlagen, über Jimi Hendrix rabiate Gitarrenzertrümmerung bis hin zu Idris Khan, der 2005 alle Klaviersonaten Ludwig van Beethovens zur Unkenntlichkeit überlagert hat, reicht die Zusammenstellung.

In der Abteilung "Wiederholen" werden Peter Roehrs zum Loop montierte Schnipsel aus Reklamefilmen der sechziger Jahre Ragnar Kjartanssons grandiosem Video "God" (2007) gegenüber gestellt, für das der Künstler dieselbe Liedzeile schier endlos variierte. Die Rubrik "Fühlen" wiederum demonstriert mit Arbeiten von Paik, Laurie Anderson oder Bernhard Leitner, dass der Mensch nicht nur mit den Ohren hört, sondern auch Mund oder Ellbogen einsetzen kann. In der Kategorie "Schweigen" findet man schließlich jenes Triptychon, das Cage zu seinem berühmtesten Werk "4.33" (1952) inspiriert haben soll, bei dem der Pianist still vor dem Klavier sitzt. Robert Rauschenbergs "White Paintings" (1951) sind – je nach Sichtweise – völlig leer oder zum Bersten gefüllt.

A House Full of Music

Termin: bis 9. September; Katalog: "A House Full of Music", Hrsg. von Ralf Beil und Peter Kraut, Verlag Hatje Cantz, außerdem erschien bei Hatje Cantz ein Hörbuch zur Ausstellung

http://www.mathildenhoehe.info

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo