Gabriel Orozco

Berlin



PHILOSOPHISCHE SPURENSUCHE

Als Konsument all der Dinge, die er im Leben findet, hat sich der in Mexiko geborene Gabriel Orozco immer empfunden. Mit seiner Kunst definierte er die Bildhauerei neu, indem er einen Totenschädel mit einem Karomuster bemalte, einen Citroën DS zerlegte oder Apfelsinen arrangierte. Jetzt wird er in Berlin mit einer großen Ausstellung im Deutschen Guggenheim gewürdigt.
// INTERVIEW: CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Nach Retrospektiven im New Yorker Museum of Modern Art und in der Londoner Tate Modern kommt der 50-jährige Orozco, der sich nach Jahren der Weltenbummlerei in New York niedergelassen hat, nach Berlin. Mit "Asterisms" installierte er hunderte von gesammelten Müllstücken im Deutsche Guggenheim Museum.

Mit der Ausstellung bringen Sie Überreste des New Yorker Stadtlebens und industriellen Müll, der im mexikanischen Naturreservat von Baja California Sur angeschwemmt wird, nach Berlin. Begaben Sie sich auf eine Art Spurensuche?

Gabriel Orozco: Es handelt sich um eine philosophische Erkundung, bei der es um formelle Aspekte, um Materialien, Lebensdauer und Erosion geht. In New York spiele ich auf einem der Piers Fußball oder mit dem Bumerang. Ich fing an, diese kleinen Dinge auf dem Kunstrasen zu entdecken – Überreste von Sportschuhen, Haarbänder, Kaugummi, Verpackungen von Süßigkeiten. Ich begann, sie zu sammeln. Bei dem Reservat in Baja California handelt es sich um ein Schutzgebiet für Wale. All diese Objekte aus Japan oder China werden über den Pazifischen Ozean getragen und sammeln sich in der Bucht an. Die Überreste des Tsunami in Japan sollen demnächst angespült werden. Ich sammelte nichts Natürliches, sondern industriellen Unrat. Glühbirnen, Styropor-Stücke oder eine Packung Toilettenpapier, die so verformt war, dass sie wie ein Stein aussah. An beiden Orten sammelte ich die gleiche Menge Müll: 1188 Stücke.

Die Sie wie ein Archäologe nach Farben und Formen sortierten und zu einem gigantischen Objekt-Teppich ausbreiten.

Es hat etwas von der Klassifizierung von Fundstücken. Man hat all diese Objekte vor sich und versucht, einen Sinn in dem ganzen Puzzle zu entdecken. Die Objekte erzählen von etwas, das sich im Leben ereignet hat. Man kann Verbindungen zwischen den Dingen herstellen und die Geschichte jedes einzelnen Gegenstandes visualisieren und verstehen.

Warum entschieden Sie sich dazu, all Ihre Fundstücke zu fotografieren und in einem Raster nach Farben und Gruppen anzuordnen?

Auf der einen Seite reduzierte ich die Objekte in ihrer Größe, auf der anderen vergrößerte ich sie, so dass sie in den Bildern die gleiche Größe annehmen und man eine Verbindung zwischen den beiden Welten erkennen kann. In beiden Fällen trieben die Objekte durch ihre Umgebung und waren schließlich im Sand oder im Kunstrasen vergraben. Jeder einzelne Gegenstand ist ein Planet, der sich in Bewegung befindet. Zusammen bilden sie eine Art Konstellation.

Sie haben einmal gesagt, dass es beim Betrachten von Kunst vor allem darum geht, wie man anschließend die Realität sieht.

Mich interessiert nicht, ob der Betrachter unterhalten wird oder eine gute Zeit mit einer Arbeit hat. Kunst verfügt über das Potential, dass man das Leben ein wenig anders betrachtet. Dabei sollte man nicht versuchen, jemanden mit seiner Kunst von etwas zu überzeugen oder zu manipulieren. Ein Künstler stellt auf vielen Ebenen Nachforschungen an: politisch, philosophisch, ästhetisch. Das Ergebnis ist unvorhersehbar. Es kann enttäuschend und manchmal durch Zufall spektakulär sein.

Sie haben sich vor allem damit einen Namen gemacht, Erwartungen zu enttäuschen. Sie stellten eine leere Schuhschachtel in eine Galerie und hängten die Deckel von Joghurtbechern an Museumswände. Kommentierten Sie damit die überproduzierte, spektakuläre Kunst der achtziger Jahre?

Diese Art von Kunst habe ich immer gehasst. Auf gewisse Weise war meine Arbeit eine Reaktion auf diese groß angelegten Malereien oder High-Tech-Installationen mit hohen Produktionskosten. Sie waren groß, laut und hatten nichts mit der Realität zu tun.

Ihre Arbeiten scheinen sich von Beginn an gegen Autoritäten aufzulehnen.

Ich nehme an, das stimmt. Meine Eltern waren Künstler, ich wuchs in einem liberalen, progressiven Umfeld auf. Doch sogar in einer solchen Umgebung kann man eine Art Autorität wahrnehmen. Besonders, wenn man in einem katholischen Land wie Mexiko groß wird. Auch Kunst kann autoritär sein und etwas auferlegen. Was mir nicht gefällt. Also versuchte ich, nichts von dem, was mich umgab, auszubeuten. Nicht die Realität, nicht meine Umwelt, keine anderen Menschen, nicht mein Land, meine Frau, meine Identität oder Macht und Rolle als Künstler.

Damit Sie so unverfälscht wie möglich sind?

Ich bin nicht rein, sondern ein schmutziges, schmieriges Ding, das durch die ganze Welt rollt.

Wie sieht bei so viel Bewegung Ihr Arbeitsprozess aus?

Ich habe meine eigene Disziplin und verfüge nicht über eine große Maschinerie oder bestimmtes Werkzeug oder einen festen Assistenten. Ich arbeite mit meinem Notizbuch, um Gedanken festzuhalten und meinen Fotos. Je nach Projekt stelle ich Teams zusammen. Meine Arbeitsweise ist instabil, unvorhersehbar, aber konstant.

Sie haben in vielen Ländern Station gemacht und bis vor kurzem im Wechsel in Mexiko City, Paris und New York gelebt. Spielen Künstler in den unterschiedlichen Ländern eine unterschiedliche gesellschaftliche Rolle?

In Mexiko werden Künstler, vor allem die Schreiber und Filmemacher, sehr respektvoll behandelt. In Frankreich verhält es sich traditionell ähnlich. Künstler werden nach ihrer Meinung gefragt. Doch in den USA fragt man mich nicht nach meinen Ansichten, sondern ob ich Geld spenden kann. In Amerika sind ein George Clooney oder eine Angelina Jolie politisch aktiver als die Künstler. In Mexiko nehmen sie die Position eines Intellektuellen ein, der Ideen, Symbole und Identitäten kreiert. In Amerika schaffen sie Werte.

Und wo sehen Sie sich?

Ich bin ein wenig von allem.

Gabriel Orozco: Asterisms

Deutsche Guggenheim Berlin 6.7. bis 21.10.

http://www.deutsche-guggenheim.de

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