Cesare Pietroiusti

Porträt

Ohne Disziplin
Während der Eröffnung des MAXXI untersuchte Cesare Pietroiusti zwei Tage lang eine Treppe mit der Lupe und teilte alle Fundstücke live über die Lautsprecher des Museums mit: “Quello che penso, quello che trovo, 27 e 28 maggio 2010”, 2010, Performance im Maxxi, Rom

OHNE DISZIPLIN

Er isst Banknoten und macht sich "nichtfunktionierende Gedanken". art über den hierzuland noch weitgehend unbekannten italienischen Künstler Cesare Pietroiusti
// UTE DIEHL, TREVI (ITALIEN)

"Er ist ein wunderbarer Künstler", sagt Carolyn Christov-Bakargiev über ihren Mann, Cesare Pietroiusti. Einen Auftritt gewährte sie ihm aber nur im Vorfeld der documenta, im Rahmen der Künstlerinitiative AND AND AND, deren Projekte den Geist der documenta bis in die entlegensten Orte tragen sollten. So staunten die Bewohner von San Cesario di Lecce in Apulien nicht schlecht, als am Allerseelentag 2010 ein Fischerboot mühselig durch ihren kleinen, fernab vom Meer gelegenen Ort geschoben wurde und dabei auch die Kuratorin mit dem Lockenkopf Hand anlegte.

Die von Pietroiusti als Pilgerzug angelegte Performance "Lu Cafausu" endete in einer kleinen, vom Abriss bedrohten Kapelle, "als ein Fest der Lebenden in der Nähe des Todes", womit bereits das Leitthema der documenta "Collapse and Recovery" (Kollaps und Heilung) angestoßen war.

Pietroiusti, der seine Laufbahn als Psychotherapeut begann, zieht es vor, mit den Mitteln der Kunst paradoxe Situationen herzustellen, statt therapeutische Lösungen anzubieten. "Künstler gehören ja heute keiner Disziplin mehr an", sagt er, "sie können von der Malerei bis zur Biologie durch alle Felder wandern." Für diesen Weg bietet Pietroiusti ein paar Richtlinien an, die er "Pensieri non funzionali" (Nichtfunktionierende Gedanken) nennt und unter pensierinonfunzionali.net zugänglich gemacht hat.

Er arbeitet aber nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Eingeweiden. Mehrmals hat er Banknoten unzerkaut geschluckt, verdaut und nach angemessener Zeit ihren Besitzern zurückgegeben. "Sie haben nun ein Werk, das durch den Körper eines Künstlers gewandert ist". Während der Eröffnungsfeierlichkeiten des Nationalmuseums MAXXI 2010 in Rom, ließ er sich auf einer Kellertreppe des Zaha-Hadid-Baus einschließen und beschrieb ausführlich über Mikrofon seine Fundstücke: Staubpartikel, tote Mücken, Papierfetzen.

Pietroiusti wurde 1955, im Jahr der ersten documenta, in Rom geboren und unterhält heute im Stadtviertel Trastevere ein offenes Studio. Den Verkauf seiner Werke hat er immer abgelehnt. Taugt seine Kunst überhaupt zur Geldvermehrung? Er machte einen Test: Vor vier Jahren begann Pietroiusti im Museum MAMbo in Bologna für sein Projekt "Disponibilità della cosa" (Verfügbarkeit der Sache) zu werben, eine Skulptur aus 50-Euro-Scheinen, in die schließlich 208 Museumsbesucher investierten. Das Werk wurde jetzt bei Sotheby’s in Mailand für 10 000 Euro angeboten, fand aber keinen Abnehmer. "Ich finde es sehr interessant, dass dieses Werk nicht verkauft wurde. Das ist eine konkrete, mathematische Demonstration dafür, dass der künstlerische "Wert", (das Projekt der Arbeit, sein Aussehen, die Arbeit des Faltens der Banknoten und die Zusammenarbeit, die dafür nötig war), keinen wirtschaftlichen Mehrwert erzeugt. So ist es nur richtig, dass die Banknoten wieder an ihre Besitzer zurückkehren."

Am 29. Juni findet im Kasseler Ständehaus ein Workshop unter dem Titel "Über Geselligkeit" statt, an dem neben Boris Groys, Diedrich Diedrichsen und Carolyn Christov-Bakargiev auch Cesare Pietroiusti teilnehmen sollte. Seine Teilnahme musste der Italiener allerdings kurzfrisstig absagen.

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