Jeff Koons

Frankfurt



"JA. JAA. GENAU SO!"

Jeff Koons lässt in diesem Sommer gleich in drei großen Museen die Puppen tanzen. art begleitete den Künstler zwischen Porzellannixen und antiken Göttern durchs Frankfurter Liebieghaus.
// SANDRA DANICKE, FRANKFURT

Der Kontrast ist bemerkenswert. Den Meister der schrillen Motive und wuchtigen Gesten hatte man sich irgendwie laut und extrovertiert vor­gestellt. Stattdessen begrüßt uns ein dezent auftretender, zierlicher Herr mit leiser Stimme. Als er vor die Kamera der Fotografin tritt, vollzieht sich jedoch eine seltsame Verwandlung – aus dem unscheinbaren Mann mit dem scheuen Händedruck wird Jeff Koons, der geniale Selbstdarsteller.

Man braucht ihm bloß eine blaue Metallscheibe in die Hand zu drücken und Koons macht ein Motiv daraus. Mit der Präzision eines Herzchirurgen bewegt er den konvex gekrümmten Edelstahl – eine Materialprobe für seine Chromskulptur "Metallic Venus" – vor dem Körper hin und her, als handele es sich um ein magisches Gerät zur Energiebündelung. "Ja. Jaa. Genau so. Sehr gut!", lobt die Fotografin, die sonst nicht viel sagen muss. Koons weiß, wie er auf Fotos gut rüberkommt. Wir stehen in der Antikensammlung des Frankfurter Liebieghauses. Etwa dort, wo Koons sich gerade zwischen Götterfiguren in ausdrucksstarke Posen schmeißt, wird schon bald eine elefantengroße pinkfarbene "Balloon Venus" aus Edelstahl wirken, als habe sie sich im Jahrtausend verirrt. Koons ist mal wieder auf dem Zenit seines Schaffens. Nach Er-folgen in den achtziger und einer Talfahrt in den neunziger Jahren feiert er mit seinen millionenschweren Skulpturen und grellen Bil­dern bereits seit Jahren ein nicht enden wollendes Comeback. Derzeit wird der US-Amerikaner in drei Ausstellungshäusern mit großen Schauen geehrt: In der Frankfurter Schirn sind Koons’ Gemälde zu sehen, im Liebieghaus Skulpturen, und auch die Fondation Beyeler in Basel zeigt drei zentrale Werkgruppen.

Von den drei Auftritten dürfte jener im Liebieghaus mit Abstand der skurrilste sein. Hier stehen Koons-Schöpfungen wie ein hölzerner Schnitzpudel oder ein stählerner Aufblasdelfin im direkten Dialog mit Ikonen aus Antike oder Barock. Ein Ambiente, das Koons offenbar inspiriert – auch beim Fotoshooting. "Schauen Sie sich diesen Kopf an. Ich liebe ihn!", ruft der Künstler vor einem Apollon-Kopf, um seinen eigenen sogleich daneben zu halten. Soll er sich hier noch hinstellen? Die Hände mal so halten? Oder so? Soll er vielleicht das Jackett aufknöpfen? Ganz Meister der perfekten Oberfläche hält Koons in seinem sportlich-eleganten Outfit konzentriert die Körperspannung, um dann im richtigen Moment die Haltung zu wechseln. Zwischendurch ein paar Kiefer-Lockerungsübungen zur Entspannung der Mimik und – zack – ist das Leuchten im Blick wieder angeknipst.

Absolute Freiheit und Fröhlichkeit

"Das Schöne am Liebieghaus", erzählt er beim anschließenden Rundgang, "ist nicht nur die wunderbare Sammlung von Werken der Antike bis hinein ins 19. Jahrhundert, mich faszinieren vor allem die Untersuchungen zur Farbigkeit antiker Skulpturen – ein Thema, das hier intensiv erforscht wird. Das, was wir heute für klassisch halten, weißer Marmor, war ja in Wirklichkeit bemalter Marmor, bemalte Bronze. Diese Erkenntnis hat unsere Welt völlig auf den Kopf gestellt", erläutert Koons mit einer suggestiven Flüsterstimme, die sofort eine irritierende Vertrautheit suggeriert. Als man im Liebieghaus 2008/09 die Ausstellung "Bunte Götter" zeigte – eine auf ori­ginalen Farbresten basierende, teils durchaus spekulative Rekonstruktion der Bemalung griechischer Skulpturen – war das Publikum von den quietschbunten Figuren einigermaßen irritiert. Das sähe ja aus wie von Jeff Koons, habe in der "FAZ" gestanden, erzählt Sammlungsleiter Vinzenz Brinkmann, der daraufhin die Idee hatte, Koons’ Werke vorübergehend in den Sammlungsbestand zu integrieren (siehe Interview in art 7/12).

Der Künstler war sofort begeistert. Der Schockeffekt, den die Erkenntnisse zur antiken Polychromie provoziert hätten, so Koons "entspricht genau dem, was Marcel Duchamp mit seinen Ready-Mades ausgelöst hat. Plötzlich gab es da ein völlig neues Verständnis. Die absolute Freiheit und Fröhlichkeit, etwas in einen komplett neuen Kontext zu stellen. Das ist es doch auch, was Duchamp mit seinen Ready-Mades machte. Mit dieser Forschungsarbeit des Liebieghauses bekommen wir die Möglichkeit, wirklich einen genaueren Blick auf die Kunstgeschichte zu werfen." So angenehm wohlig klingt die Stimme des 57-Jährigen, dass man ihm ohne zu zögern ein Jahresabonnement einer beliebigen Zeitschrift abkaufen würde. Oder liegt es daran, dass in jedem zweiten Satz das Wort "Gelegenheit" vorkommt? An der mantraartigen Wiederholung von Wohlfühlwörtern wie Freiheit, Akzeptanz, Dialog?

Lesen Sie den kompletten Artikel sowie ein Interview mit Liebighaus-Kurator Vinzenz Brinkmann in der neuen art – ab Freitag im Zeitschriftenhandel!

Ausstellungen von Jeff Koons

"The Sculptor", Liebieghaus, Frankfurt (bis. 23. September 2012); "The Painter", Schirn Kunsthalle (bis 23. September 2012); "Jeff Koons", Fondation Beyeler, Basel (bis 2. September)

http://liebieghaus.de

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2 Leserkommentare vorhanden

xxx

16:23

28 / 06 / 12 // 

wenn ein hüftsteifer banker

zum pinsel greift....kann das ja nicht gut gehn. die`amerikanisierung`der künste mit pop-art und anderen freuden des oberflächlichen stumpfsinns nimmt hoffentlich dereinst ein ende.

xxx

16:27

28 / 06 / 12 // 

das verkäufer-syndrom

alles was glänzt und grinst verkauft sich gut...hihi.

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