Vilhelm Hammershøi

München



DAS PERFEKTE FRAUENZIMMER

Als die Ausstellung "Hammershøi und Europa" im Frühjahr in Kopenhagen gezeigt wurde, entließ sie Besucher enttäuscht und überfordert. Die zweite Station München wird dem dänischen Maler viel mehr gerecht.
// CLEMENS BOMSDORF, MÜNCHEN

Eigentlich kaum vorstellbar, dass nach Großereignissen documenta 13 und Art Basel die Ausstellung eines vor fast 100 Jahren gestorbenen, hierzulande wenig bekannten dänischen Malers zu einem der unvergesslichen Eindrücke des ersten Kunsthalbjahres 2012 führen kann.

Doch so geschieht es in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, die von der dänischen Nationalgalerie SMK kommende Ausstellung "Hammershøi und Europa" übernommen hat (wobei ein paar Werke nur in einer der Ausstellungen zu sehen sind beziehungsweise. waren). Die Übernahme ist um Längen besser als das Original: In Bayern wurde auf störend dichte St.-Petersburger-Hängung ebenso verzichtet wie auf Stellwände inmitten der Ausstellungsräume, stattdessen haben die Arbeiten von Vilhelm Hammershøi (1864 bis 1916) wie von Matisse, Whistler, Gauguin, Khnopff und anderen den Platz, den sie und deren Betrachter brauchen.

Höhepunkt der Ausstellung ist der vierte große Raum. An allen in dunklem lila-grau gestrichenen Wände hängen Variationen vom wohl bekanntesten Motiv des Malers: Interieurs einer dänischen Bürgerwohnung mit Rückenansicht einer Frau. Die Bilder sind in ähnlichem Format und haben ausreichend Platz an der Wand, hängen aber so dicht beieinander, dass der Seriencharakter unübersehbar ist. Auf der Lederbank in der Mitte des Raumes sitzend ist es, als wäre man mit allen diesen abgewandten Frauen zugleich in einem Raum und gleichzeitig auch mit jeder alleine in ihrem Raum (so denn glücklicherweise keine anderen Besucher dabei sind). Die Motive strahlen Distanz und Würde zugleich aus. Die Frauen des Bürgertums sind ihrem oder genauer gesagt dem Manne untergeordnet (Wahlrecht für Frauen gab es in Dänemark erst kurz vor dem Tode Hammershøis). Es sind keine Frauen, die voller Tatendrang den Betrachter angucken, aber auch keine, die sich den klassischen Tätigkeiten widmen und also Unterwerfung womöglich nicht einmal als eine solche empfinden. Stattdessen scheinen sie in ihrer eigenen Welt zu leben, strahlen Würde aus, weil sie dennoch eine selbstbewusste Körperhaltung einnehmen. Zugleich ist eine Distanz zum Mann, der der Maler ja ist, zu spüren. Kaum vorstellbar, dass absolute Nähe in einer Beziehung möglich war, wo die bestehenden Verhältnisse die Frau dem Manne unterordneten. Es ist nicht überraschend, dass immer wieder darauf hingewiesen wird, dass das Erscheinen von Henrik Ibsens "Nora oder ein Puppenheim" ebenfalls in Hammershøis Zeit fällt.

Wie in Kopenhagen wird auch in München versucht, Einflüsse zwischen Hammershøi und seinen Zeitgenossen aufzuzeigen. Doch gelingt es bei der aktuellen Station der Ausstellung besser. Zum einen werden mögliche Zusammenhänge zaghafter formuliert, zum anderen ist nur in München beispielsweise "Die Lesende" von Henri Matisse zu sehen – eine Rückenansicht, der aber viel von der Melancholie Hammershøis fehlt.

Und doch hätte die Münchner Ausstellung ein wenig von der Kopenhagener lernen können, wo die eine zu unstrukturiert unkonventionell ist, ist die andere beinahe zu klassisch. Film und Fotomaterial (allerdings in einer weniger hektischen Slideshow) aus Kopenhagen hätten in einem abgetrennten Raum auch München gut getan, schließlich ist Hammershøi in Deutschland noch nicht allzu bekannt.

Hammershøi und Europa

Termin: bis 16. September, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München

http://www.hypo-kunsthalle.de

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2 Leserkommentare vorhanden

xxx

09:03

24 / 06 / 12 // 

ein augenschmaus

die gute alte schule der malerei

Michael Friedrich

13:33

27 / 06 / 12 // 

Sorry, wer schreibt denn solche Texte?

Grundsätzlich gut, Ausstellungen so zu beschreiben, dass man sich vorstellen kann, was einen erwartet - aber bei begrenzter Zeichenzahl, warum so viel Vergleich mit Kopenhagen - und wer schreibt solche inhaltsleeren Sätze wie v. A. die zu den Frauenbildern? Da habe ich andere Ansprüche an die art!

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