Allen Jones

Tübingen



"MIR GING ES UM DIE SEXUELLE REVOLUTION"

Er wird "Pop-Art-Erotomane" und Provokateur der Kunst bezeichnet. Nach 1968 rief er mit seiner Kunst wütende Feministinnen auf den Plan, die ihm Kastrationsangst bescheinigten, und die Fotos seiner erotischen Möbelskulpturen wurden in den vergangenen Wochen durch die Feuilletons gereicht. In der Retrospektive des Briten Allen Jones in der Kunsthalle Tübingen ist noch einiges mehr zu sehen – Werke fernab der bekanntesten Lack- und Leder-Damen und ein Künstler, der nicht nur Sex und dessen Höhepunkte und Untiefen reflektiert.
// INTERVIEW: VALÉRIE HASENMAYER, TÜBINGEN

Herr Jones, haben sie noch Lust über Sex und Geschlechterrollen zu reden?

Es kommt auf die Herangehensweise an. Es überrascht mich nicht mehr, dass ich immer wieder auf die Möbelskulpturen, die Provokation darin und die Reaktionen darauf angesprochen werde.

Aber dass sie oft recht oberflächlich angeschnitten und auch heute noch offensichtlich nicht ganz richtig verstanden werden, ist nicht immer verständlich. Die Reflektion eines Werks liegt aber immer im Betrachter und nicht im Werk selbst. Und deshalb ändert sie sich interessanter- und glücklicherweise auch mit dem Wechsel der Generationen.

Ist es ein Problem für sie, auf diese Skulpturen reduziert zu werden?

Nicht wirklich. Ich sehe die Skulpturen nach wie vor als gutes Bildnis und Zeitzeugnis für die Feministenbewegung. Als ich sie fertig gestellt hatte, sah zunächst niemand etwas Anstößiges darin. Dass sie schließlich als so extrem angesehen wurden, zeigte mir vor allem, dass meine Bilder dieses radikale Statement nicht beinhalten. Die Skulpturen sind also ein Höhepunkt in meinem Werk, ob ich will oder nicht.

Muss Kunst für sie radikal sein?

Sie muss vor allem eine völlig neue, nicht längst verbrauchte Aussage haben und ist meist dann gut, wenn sie Momente des derzeitigen Zeitgeists darstellen: intelligent erdacht und weit entfernt von traditionellen Zugängen. Jeff Koons Ballonhund ist beispielsweise ästhetisch gesehen streitbar, aber eine großartige Momentaufnahme seiner Zeit. In jedem anderen Moment wäre er fehl am Platz.

Einige ihrer eigenen Momentaufnahmen sind Ende der sechziger Jahre im freizügigen London und im legendären Chelsea Hotel in New York entstanden. War es damals schlicht eine Notwendigkeit, extrem und provokativ zu sein, um aufzufallen?

Meiner Meinung nach ist es nicht die Kunst, sondern die jeweilige politische Bewegung, die ein Extrem braucht. Mir ging es um die damalige sexuelle Revolution. Wenn Frauen ihre BHs verbrannt haben, hatten sie sicher noch mehr davon zuhause im Kleiderschrank. Es ging also schlicht um das Zeichen, das übertrieben, aber wirkungsvoll war. So sehe ich auch meine Werke. Ich wollte dem etwas entgegensetzen, was offiziell erlaubt war – in der Gesellschaft und in der Kunst – und habe vor allem verarbeitet, was ich gesehen habe, wenn ich mit meinen Kindern im Kinderwagen durch die Londoner King´s Road lief. Aufreizendes, vielleicht Anstößiges, aber auch eine neue Freiheit für die Frau und die Aufhebung von Zwängen.

Ihre Herangehensweise ist also auch recht intuitiv.

Ja, das ist tatsächlich Teil meiner Arbeit. Man kann immer nur sein eigenes Umfeld verarbeiten, sich von befreundeten Künstlern, seiner Zeit und Umgebung, den politischen Umständen inspirieren lassen. Mich beeinflussen aber auch die europäische Kunstgeschichte mit Künstlern wie Matisse, Kandinsky oder Picasso, sowie Farb- und Gestaltungskonzepte. Und ich lerne von Gelesenem bei C. G. Jung oder Nietzsche.

Würden sie sich also noch immer als Lernenden bezeichnen?

Ja. Was dabei hilft, ist immer noch überrascht werden zu können – wenn ich eine Ausstellung betrete, etwas lese oder ein Gespräch führe – und das Erfahrene diesen unerwarteten Aha-Effekt auslöst.

Und was löst diese Retrospektive in Ihnen aus? Sind sie zufrieden?

Manche meiner Werke habe ich Jahrzehnte lang nicht gesehen – und ich wundere mich über die Größe, gewisse Farben und Alterserscheinungen. Und wahrscheinlich sehen mich die Bilder an und wundern sich über das Gleiche. Eine Auswahl zu treffen, eine gute Bandbreite zu zeigen, ohne die Menschen zu überfordern, fand ich sehr schwer. Und manchmal landet ein Werk, das ich gerne hier gesehen hätte, aus ganz pragmatischen Gründen nicht in der Ausstellung – der Besitzer will oder kann es nicht für so eine lange Zeit ausleihen.

Erkennen Sie auch sich selbst darin?

Schwer zu sagen. Ich habe eine Art tiefer, instinktiver Beziehung zu ihnen. Wenn ich sie anschaue, erkenne ich nicht unbedingt meinen eigenen Charakter darin, aber ich sehe und fühle dennoch mich selbst und eine starke physische Verbindung dazu.

Sie werden in diesem Jahr 75. Werden Sie jemals das Verlangen verspüren, in der ländlichen Idylle eine Staffelei aufstellen und ein Sonnenblumenfeld malen zu wollen?

Ich habe ein Studio in so einer Idylle, mit einigen Hektar Land drumherum. Es befriedigt mich, die alte Schafsweide in einen Garten umzuwandeln, mit der Heckenschere loszugehen und die Büsche zu schneiden, das ganze wachsen und sich verändern zu sehen. Und vor allem: Man kann eine Menge Skulpturen dort aufstellen, sehr praktisch! Aber für mich gibt es nichts, das dafür spräche, diese Realität auf eine Leinwand bannen zu wollen.

Allen Jones: Die Retrospektive

Termin: bis 16. September 2012, Kunsthalle Tübingen

http://www.kunsthalle-tuebingen.de

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