documenta Kritik

Sonderheft

Human/Nature
Yan Leis Bilderflut in der documenta-Halle (Foto: Marcus Höhn für art- Das Kunstmagazin)

HUMAN/NATURE

Keine Angst: Afghanistan, Postfeminismus, Wahlrecht für Hunde – die documenta will mit Kunst die Welt heilen und entpuppt sich dabei als sinnliche Wohlfühl-Ausstellung. Sie kombiniert anspruchsvolle gesellschaftspolitische Fragestellungen und geschichtliche Tiefenbohrungen mit sinnlich erfahrbaren, künstlerisch integren Präsentationen. Ein kritischer Rundgang
// UTE THON, KASSEL

Dasselbe Ritual, jedes Mal. Schon Monate vor der Eröffnung grübelt die Kunstwelt über das Konzept der documenta. Noch die abseitigsten Äußerungen der Kuratoren werden interpretiert, Künstlerlisten zusammenfantasiert, Gerüchte gestreut, Hoffnungen geweckt.

Dann geht der Vorhang auf, und es ist ganz anders als erwartet. So auch bei dieser 13. Ausgabe der Weltkunstschau, die nicht weniger will, als Politik, Wissenschaft, Ökologie und Kunst zu einem revolutionären neuen Bündnis zu verschmelzen, brennende Konflikte und vergangene Traumata zu heilen, den Post-Feminismus voranzutreiben, die Erdatmosphäre zum Weltkulturerbe zu erklären, unsere logozentrische Weltsicht zu de-anthropologisieren, das Wahlrecht für Hunde einzuführen, kurzum: ein visionäres Format für ein neues Leben vorzugeben.

So weit die hochtrabenden Absichtserklärungen. Zum Glück haben sich in Kassel die Künstler gegen die papierenen Theoretiker durchgesetzt. Man kann den Rundgang mit der Gewissheit beginnen, dass es "richtige" Kunst zu sehen gibt – oft überraschend platziert und immer sorgfältig präsentiert. Und es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Abstrakte Malerei und figurative Skulpturen, Sound-Installationen und Videoprojektionen, langsam wachsende Landschaftsprojekte und fertige Welterklärungsmodelle, düstere Erinnerungsstücke und heitere Mitmachkunst, aber auch Bio-Erdbeeren, fair gehandelte Buttermilch und knopfäugige Hundewelpen gehören zum Programm. Was man hingegen nicht finden wird, sind monomanische, grenzüberschreitende Künstlerexzesse oder selbstverliebte L’art pour L’art.

Carolyn Christov-Bakargiev, die durchsetzungsstarke documenta-Leiterin, hält die Zügel ihrer Ausstellung fest in der Hand, ohne dass sich ihre Künstler gegängelt fühlen müssten. Solche Künstler, die aus der Reihe tanzen könnten, wurden erst gar nicht eingeladen. 193 hat die Kuratorin in Kassel zusammengebracht, viele aus Nord- und Südamerika, dem arabischen und asiatischen Raum, kaum jemanden aus den Kunstmarkt-Hitlisten, dafür einige Untote der Kunstgeschichte wie Salvador Dalí und Man Ray – und sehr viele Frauen. Neben traditionellen Kunstschaffenden sind auch Wissenschaftler, Dichter, Computerpioniere, Quantenphysiker, Bürgerrechtler, Städteplaner, Apfelpfarrer und Couscous-Köchinnen dabei.

Für die documenta-Chefin hat Kunst eine klare Aufgabe. Sie soll sich nützlich machen, soll aufklären, erinnern, sensibilisieren, immer im Dienste eines größeren, globaleren Welterklärungsanspruchs stehen. Allein in Kassel und Umgebung gibt es 35 Ausstellungsorte, neben traditionellen Locations wie Neue Galerie, documenta-Halle und Kulturbahnhof auch ungewöhnliche wie das Kaufhaus C&A, die Handwerkskammer oder einen alten Bunker im Weinberg. Zudem finden täglich bis zu 20 zusätzliche Performances, Vorträge und Führungen statt. Und als wäre das nicht schon genug, verweist der Katalog auch noch auf drei Außenstellen in Afghanistan, Ägypten und Kanada. Das klingt nach Überforderung und ist auch so gemeint. Der Besucher soll durch die undurchdringliche Masse des Angebots verunsichert werden.

Das beginnt schon im Fridericianum, auch diesmal wieder zentraler Ausstellungsort. Wer es betritt, fragt sich zunächst verwirrt: Wo ist die Kunst? Foyer und vordere Säle sind gähnend leer, links nur eine Vitrine mit einem handgeschriebenen Absagebrief des Künstlers Kai Althoff an die "Liebe Carolyn", rechts ein paar bescheidene Metallskulpturen von Julio González, die schon einmal an dieser Stelle standen, 1959 bei der documenta 2. Zudem weht durch die Räume ein unangenehmer Luftzug, als hätte jemand hinten die Tür offen gelassen – eine Arbeit von Ryan Gander, der die irritierende Brise mit versteckten Gebläsen künstlich erzeugen lässt. Zur Einstimmung also erst mal ein bisschen Rückbesinnung und ein Zeugnis künstlerischer Verweigerung. Und dann ordentlich durchlüften, bevor man in die Rotunde gelangt, jenen mythenbeladenen Ort, an dem einst Joseph Beuys’ Honigpumpe pulsierte.

Jetzt drückt man sich die Nase an einer Glaswand platt, hinter der Gemälde, Fotografien und archäologische Funde aufgereiht sind wie im Naturkundemuseum. Vasenbilder von Giorgio Morandi und Originalgefäße aus seinem Atelier, Vitrinen mit den "Baktrischen Prinzessinnen" – fast 5000 Jahre alten Kleinplastiken aus Nordafghanistan. Eine Pappmachémaske aus einem hessischen Erziehungsheim, ein Elektroschalter von dem Computererfinder Konrad Zuse, Fotos der Kriegsreporterin und Man-Ray-Muse Lee Miller, darunter auch das berühmte Bild, das sie in Hitlers Badewanne zeigt. Ein Parfumflakon von Eva Braun, ein Handtuch mit den Initialen A. H. Diesen Raum nennt Christov-Bakargiev "The Brain", das Gehirn der Ausstellung. Hier sollen wie in einem Mini-Puzzle die Gedankenströme der documenta 13 zusammenlaufen: der archäologische Ansatz, nach dem man sich zur Beantwortung heutiger Fragen mit den Spuren der Vergangenheit beschäftigen sollte; der erweiterte Kunstbegriff, der auch wissenschaftliche Arbeit und banale Alltagsobjekte zum Kunstgegenstand erklärt; und nicht zuletzt die unsystematische, hierarchiefreie Vernetzung von Gedankenschleifen, ganz so, als hätte sich jemand das ganze Ausstellungskonzept zusammengegoogelt.

Die komplette Kritik von Ute Thon lesen Sie im Sonderheft "art Spezial: documenta 13", ab Samstag am Kiosk.

art Spezial: documenta 13

Hier können Sie das Sonderheft direkt bestellen:

http://shop.art-magazin.de

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14 Leserkommentare vorhanden

Thierry Geoffroy/ Colonel www.emergencyrooms.org

10:02

16 / 06 / 12 // 

why Kabul ?

http://www.emergencyrooms.org/documenta\_kassel.html

ars evolutoria

15:24

16 / 06 / 12 // 

DOGumenta abseitig einseitig...

PROVOKATION FREIER KUNST... SABOTAGE-GmbH -

werner hahn

01:20

17 / 06 / 12 // 

Infarkt staatliche KUNSTFOERDERUNG

Innovationen CCB Verhinderung

werner hahn

01:24

17 / 06 / 12 // 

Staatliche KUNSTFOERDERUNG Desaster

WILLKUER & D13-SCHOENREDEREI...

art and science

15:05

17 / 06 / 12 // 

Grosse KRITIK

HORROR DOGumenta ... PANIK-D13... - KULTURPOLITIK AM ENDE . KULTUR-ART INFARKT

art&science

01:02

18 / 06 / 12 // 

MUSEUM DER 100 TAGE POLITKITSCH

Occupy-d13

j. kram

11:47

18 / 06 / 12 // 

ein weiterer akt

zur vergeistigung der künste..madame oberkuratorin sollte sich vielleicht im indischen auf sunnsuche machen

j. kram

11:48

18 / 06 / 12 // 

ein disney-land

gescheiterter intellektueller

werner hahn

00:21

19 / 06 / 12 // 

DOCUMENTA DEMOKRATISIERUNG News

HEUTE Joachim GAUCK & dOCUMENTA (13): „Ich bin sicher, dass ein Teil ihrer Überlegungen Eingang in die Diskusssion über die Zukunft der documenta finden wird.“ (So KÜHNE-HÖRMANN, KUNSTministerin)- GIessener Zeitung

artandscience

02:10

20 / 06 / 12 // 

HNA WIRBT FUER ART & dogUMENTA 13

Wuff.wuff: *Editorial von Chefredakteur Tim Sommer, der sich in der Karlsaue fahrradfahrend fotografieren ließ, ist eine Eloge. „Schon der erste Rundgang bewies: Diese documenta ist gut. Sie überzeugt und sie bezaubert, sie ist bildgewaltig und sie ist klug, sie ist engagiert und tolerant, sie ist reich und sie ist problemorientiert, sie beweist Sinn für Geschichte, und sie eröffnet neue Zugänge zur Gegenwart. Mehr kann man nicht verlangen.“ ***-+ occupy ***

art-and-science

19:03

20 / 06 / 12 // 

DOGUMENTA MUST SEE? - NO !!!

Die hehre Rede von DOCUMENTA Archetypen (HUND, TOMATE ..), Essentialia des Menschseins und dem gemeinschaftsstiftenden Erlebnis von D13- Ästhetik ist hier doch ein bisschen hoch gegriffen. Das Erlebnis dieser Kunst ist so gemeinschaftsstiftend NICHT.

ars evolutoria

07:52

21 / 06 / 12 // 

OCCUPY STAATS- MAEZENATENTUM (Hessen-MUSEUMSBETRIEB)

Hessen: Die WELTANSCHAUUNG von KOONS & CCB/BAKARGIEVIADE spiegeln reduktionistische Evolution wider. ART- & KULTURKRITIK fehlen - kulturelle VIELFALT werden unterdrueckt. MONO-KULTURALISIERUNG MONO-KAPITALISIERUNG. MONOKRATISCHe Kulturfoerderung siehe NJW: FALL DOCUMENTA. SOLLTE MANN / FRAU mal googeln...

xxx

10:47

23 / 06 / 12 // 

eines lässt sich

mit bestimmtheit sagen: die documenta ist zu gross. je mehr gezeigt wird, desto flacher das konzept. die besten ausstellungen finden andernorts statt. schon seit jahren behelfen sich kuratoren mit esoterischen ausflüchten um ihre schar beisammenzuhalten. das ist zu wenig.

Ole

18:23

30 / 08 / 12 // 

Hm..

Was Frau Thon mit verve in zwei Sätzen abhandelt stellte sich für mich völlig anders dar. Im linken Raum des Fridericianum, der Brief von Kai Althoff - nicht künstlerische Verweigerung sondern Zeugnis von Menschsein, die Absage nicht als schnippische Verweigerung wie Frau Thon es klingen lässt, sondern als letzte Möglichkeit aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten - das sausen lassen einer beruflichen Chance, weil man nicht anders kann. Etwas ganz leises, sanftes und echtes. Zugegeben witrft die Entscheidung, den Brief auszustellen ein etwas komisches Licht auf die Kuratorin, die Herr Althoff wiederholt in den allerhöchsten Tönen lobt. Holt sie ihn damit etwas mütterlich doch wieder mit ins Boot und zeigt damit allen, das man sie auch hinter den Kulissen viel lobt. Gleich daneben in einem kleinen Raum der harmonische Sound-Loop von Ceal Floyer, der einen Satz wieder und wieder gesungen endet in etwa mit "you must go on and on", als wäre dies die ermutigende Antwort unter Künstlern aus dem Nebenraum an Kai Althoff. An dem heißen Augusttag war die Brise die durch die Räume zieht mehr als willkommen, wehende Haare, und ein raumverbindendes Element. Ich fand das ein ziemlich gelungenes und anrührendes eintreten am Morgen in den Tag voll mit Kunst. Die Journalistin scheint ziemlich gestresst in ihren Documenta Besuch hereingerauscht zu sein.. Über vieles auf der Ausstellung kann man sich allerdings gerne wunderbar streiten!

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