Neue Museen für Schweden

Stockholm



EIN TOAST AUF DIE KUNST IN STOCKHOLM

Stockholm ist um zwei Kunstinstitutionen reicher: In den Schären hat die privat finanzierte Kunsthalle Artipelag eröffnet und auf einer Insel mitten in der Stadt hat die Kunstsammlung des Wodkaherstellers Absolut eine neue Heimat bekommen. Derzeit zeigen die beiden Andy Warhol, Damien Hirst, Vilhelm Hammershøi und bald auch Candida Höfer. Während die eine Institution Architektur, Natur und Kunst angemessen präsentiert, vergibt die andere ihre Chance, zumindest bei der Eröffnungsausstellung.
// CLEMENS BOMSDORF, STOCKHOLM

Langsam nähert sich die Gustavsberg VII der Insel Hålludden. Es ist einer der ersten halbwegs warmen Tage dieses schwedischen Frühsommers, das sonnenbeschienene Wasser in den Stockholmer Schären hat untere Badetemperatur erreicht. Vor rund eineinhalb Stunden hat der hundert Jahre alte Dampfer die schwedische Hauptstadt verlassen, jetzt ist das Ufer von Hålludden nur noch wenige hundert Meter entfernt.

Durch die Nadelbäume am Ufer schimmert ein Gebäude, an manchen Stellen ragt es über die Wipfel, hält sich sonst aber recht versteckt. Artipelag heißt dieses kaum sichtbare Haus, es ist der neueste Zugang zur schwedischen Kunstszene. Eine privat finanzierte Kunsthalle mit Bootssteg, Bühne und Restaurant.

Kärleksvindar, Liebeswinde, ist der Name des größten der zum Restaurant gehörenden Chambre Séparée im Obergeschoss. Die gläserne Front gibt den Blick aufs moosbewachsene Dach und die Bäume in Richtung Wasser frei. Die Inneneinrichtung ist in hellem Holz gehalten, Stuhl und Vase sind eigens für das Haus entworfen worden. Am Tisch sitzt das Ehepaar Lillemor und Björn Jakobson. Die beiden haben in den 1960ern das Unternehmen BabyBjörn gegründet, bekannt für die gleichnamigen Kindertragesitze. Das jüngste Baby des Ehepaars ist Artipelag. Sie haben die Kunsthalle finanziert. Während die vier Chambres Séparées nach den Segelbooten, die Björn im Laufe seines Lebens besessen hat, benannt sind, ist der Name der Kunsthalle ein Kunstwort. "Darauf kamen wir assoziativ", erzählt Björn. "Er setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern für Kunst und Schären – art und archipelago."

Anders als der schwedische Bauunternehmer Sven-Harry Karlsson, der das erheblich kleinere Kunstmuseum "Sven-Harrys" im Zentrum von Stockholm errichtet hat, das mit goldener Fassade protzt, haben die Jakobsons sich ein stilles Denkmal gesetzt. Wenn überhaupt. Noch nicht einmal das Haus trägt ihren Namen, stattdessen haben sie spaßeshalber lediglich die asphaltierten Parkplätze nach sich benannt. Einer der wichtigsten Vorgaben an den Architekten war, das Haus ein wenig zu verstecken. "Auffallende Museumsneubauten gehören vielleicht nach New York, nicht aber hierher. Stattdessen soll das Gebäude wie Pilze am Fuße der Bäume stehen", so Björn Jakobson. Die Fassade ist in Glas, dunklem Holz und weiß gestrichener Mauer gehalten. Von der Straße her kommend, erinnert der Eingangsbereich ein wenig an das Museum "Arken" vor den Toren Kopenhagens. Wer vom Bootsanleger aus den seicht ansteigenden und mit Rollstuhl wie Skateboards befahrbaren Holzsteig zum Haus empor geht, könnte den Eindruck bekommen, sich dem Ferienhaus einer reichen Stockholmer Familie zu nähern. Für ein Museum wirkt das Haus von hier aus zu klein. Doch es zählt ganze 9000 Quadratmeter, ein Drittel davon ist Ausstellungsfläche. Dessen vorderer Teil ist auch von großen Fensterflächen geprägt, weiter hinten sind die Räume dunkler. Dementsprechend sind dort bei der Eröffnungsausstellung "Platsens Själ" (Die Seele des Platzes) die älteren Werke zu sehen, darunter Fotos von Alexander Rodtschenko und zwei Ölbilder des Dänen Vilhelm Hammershøi, zwischendrin immer wieder Zeitgenössisches, etwa künstliche Maulwurfshügel von Andreas Eriksson, der Schweden vergangenes Jahr in Venedig vertrat, oder Mixed-Media-Arbeiten von Astrid Svangren. Die oftmals exzellenten Arbeiten bilden allesamt Räume oder Plätze ab oder nehmen diese ein. Doch über diese Gemeinsamkeit hinaus, bleibt das kuratorische Konzept leider ein wenig unklar und die Hängung könnte großzügiger und stilvoller sein – ein Hammershøi passt eben nicht an jede Wand. Allerdings muss dem Team um Direktor Bo Nilsson und Chef-Kurator Magnus Jensner zu Gute gehalten werden, dass das Haus später als geplant fertig wurde und die Ausstellung deshalb in nur gut einer Woche aufgebaut werden musste.

Von Ende Juni bis Ende Oktober wird in einem der anderen Räume eine Einzelausstellung mit Candida Höfer zu sehen sein – ein weiterer Beweis dafür, dass die Kunsthalle Ambitionen hat. Weil die Jakobsons selber keine große Sammlung besitzen, die sie zeigen wollen, werden alle Ausstellungen auf Leihgaben basieren. Gerne würde man eine schwedische Version des dänischen Louisiana-Museums werden. Das allerdings hat eine Sammlung von Weltklasse, zieht das Publikum ebenfalls stark mit der Lage am Meer an. Mit dem Auto sind beide Museen von der jeweiligen Hauptstadt in etwa gleich weit entfernt, Artipelag sollte also Chancen haben.

Viel weniger aufwendig ist es, dem anderen Neuzugang der Stockholmer Kunstwelt einen Besuch abzustatten: der Absolut Art Collection. Und dass man dafür weniger Zeit braucht, liegt nicht nur an der zentraleren Lage und daran, dass die Ausstellungsfläche erheblich weniger Quadratmeter zählt, sondern leider auch daran, dass die Präsentation der Eröffnungsausstellung sehr zu wünschen übrig lässt. Die Absolut Art Collection ist Teil des neuen Alkoholmuseums in Stockholm. Kern der zwei Räume des Absolut-Traktes bildet jene Sammlung, die auf Reklame basiert, die Künstler wie Andy Warhol, Damien Hirst, Rosemarie Trockel oder Linn Fernström zwischen 1986 und 2004 für den schwedischen Wodka-Hersteller gestaltet haben. Die Kunst-Werbung hat mit dazu beigetragen, aus Absolut eine Kultmarke zu machen. Nicht alle 850 Motive sind so berühmt wie die von Warhol oder Keith Haring, manche auch nur national genutzt worden. In jedem Fall ist es ein interessantes Stück Reklamegeschichte, die der schwedische Staat nach dem Verkauf der Absolut-Mutter V&S 2008 an Pernod Ricard an das Museum gegeben hat. Dessen neues Haus liegt auf der Insel Djurgården, nur ein paar Fußminuten vom Nordischen Museum und dem Vasa Museum entfernt, Moderna ist in ähnlich kurzer Bootsfahrt zu erreichen. Vorab: Wenn man schon in der Gegend ist, sollte man auch die Absolut-Sammlung anschauen. Und in der Hoffnung rausgehen, dass bald mehr aus diesen Werken gemacht wird.

Die rund 70 Arbeiten werden präsentiert wie in einem Poster-Shop, die Wände sind voll gehangen. Weil sie für ein Museum recht niedrig sind, hat das nichts von St. Petersburger Hängung, sondern eben nur von Verkaufsschau. Nam Jun Paiks Videoskulptur in Form einer Absolut-Flasche wirkt wie einfach abgestellt und hat zwischen Videopräsentation der Sammlung und nächstem Werk nicht angemessen Platz. Zu allem Überfluss sind, egal wo man sich in der Ausstellung befindet, drei verschiedene Musiken gleichzeitig zu hören und es wird nicht klar, welche davon – wenn überhaupt – einer der Videoarbeiten zuzuordnen ist. Vielmehr wirkt es, wie in einer schlechten Disco, wo in einem Raum das Beste der 80er und 90er gespielt wird und im Raum nebenan das Beste von heute, aber der Schallschutz dazwischen mangelhaft ist.

Zu ertragen wäre das allenfalls mit einer gut gefüllten Wodka-Flasche in der Hand. Weil in Schweden der öffentliche Alkoholkonsum geächtet wird, empfiehlt es sich, stattdessen den Katalog zu kaufen und diesen beim Chillen in der angenehm ruhig gestalteten Wechselausstellung zur schwedischen Freitagabend-Kultur im Nachbarraum zu studieren. Oder auf dem Boot unterwegs zu Artipelag, wobei der Blick auf die schwedische Schärenwelt dennoch nicht vernachlässigt werden sollte.

Artipelag

Ausstellung "Platsens Själ" ("Die Seele des Platzes"):

Daten: 3. Juni bis 30. September 2012

Ausstellung "Candida Höfer":

Daten: 30. Juni bis 28. Oktober 2012

Artipelag

Absolut Art Collection

Ausstellung "Face It!"

Daten: Bis Januar 2013

Absolut Art Collection

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