Documenta-Rundgang

Kassel

Kasseler Kunsthabitate
Schon jetzt ein Star der documenta 13: Windhündin Human, die gemeinsam mit Welpe Señor einen Garten des französischen Künstlers Pierre Huyghe belebt. (Foto: Boris Roessler/dpa)

KASSELER KUNSTHABITATE

Ein falscher Taifun in der Karlsaue, Kunsttherapeuten in weißen Kitteln, Experimente mit Photonenstrahlen und eine launige Leiterin mit hohem Unterhaltungswert – die ersten Eindrücke von der documenta 13 sind vielversprechend. Einen Star hat sie schon: Windhündin Human mit ihrem rosa gefärbten Vorderbein. Ein erster documenta-Rundgang mit der art-Redaktion
// AUS KASSEL BERICHTEN DANIEL BOESE, TILL BRIEGLEB, MIRJA ROSENAU, RALF SCHLÜTER, TIM SOMMER UND UTE THON

In diesen Tagen ist die Kasseler Karlsaue das schönste Freilichtmuseum der Welt. Der Park steht in voller Blüte, und die prachtvollen gigantischen Bäume lassen niemals Zweifel daran aufkommen, dass die Kunst nur eine Nebenrolle spielt. Abseits der Museumsräume versteckt sie sich hinter Büschen und Bäumen – und diese Relativierung bekommt ihr erstaunlich gut.

Keine Arbeit ist mit der anderen verbunden, man muss jede Installation neu suchen. Lauter kleine Einsiedeleien und geheime Orte, an denen aber von der Abschaffung des Geldes bis zum Verhältnis von Mensch und Natur alle großen Themen behandelt werden. Wer eine Weile hier unterwegs ist, nimmt die separierten Orte dann doch als eine Art unsichtbares Netz wahr, wie eine zweite Realität, die sich hinter dem üppigen Grün eingenistet hat.

Eine der schönsten Installationen in der Karlsaue stammt von Shinro Ohtake. Der Japaner hat eine kleine Holzhütte aufgestellt, von weitem könnte es eine Bar sein, vielleicht in einer Seitenstraße von Tokio, auf dem Leuchtschild ist das Wort SNACKS zu lesen. Wer sich dem Häuschen nähert, vernimmt seltsame Geräusche, und im Baum daneben hängen Boote, als seien sie vom Himmel gefallen. Man kann durch die Fenster hineinschauen: Der Blick fällt auf eine seltsame, offensichtlich zusammengebastelte Maschine, die zauberhaft sinnlose Bilder und Töne produziert – ein merkwürdig bizarrer Raum, als wäre plötzlich mitten in Kassel ein Märchen von Haruki Murakami Wirklichkeit geworden.

Fridericianum: Wie groß ist ein normaler Penis?

Vor dem Fridericianum sitzen junge Leute mit Transparenten im Gras: "Chaos is useful", "How big is a normal penis?", "I have a rhinestone uterus, a platinum vulva". Eine auf Geschlechtsorgane fixierte Abordnung der Occupy-Bewegung? Nein. Es sind Hilfskräfte der documenta. Die Sprüche, die sie als Sandwich-Plakate vor der Brust tragen, sind Tagebucheintragungen von Ida Applebroog, der Grande Dame der feministischen US-Kunst. Mit 83 Jahren ist sie nicht nur eine der ältesten d13-Teilnehmerinnen, für die Kasseler Weltkunstschau hat sie ihre Tagebücher öffentlich gemacht. Jeder Besucher kann die kernigen Zitate als Poster mit nach Hause nehmen. Oder eben auch an den menschlichen Litfaßsäulen vor der Ausstellungshalle nachlesen.

Karlsaue: Das geheime Hippiecamp von König Moore

Es sieht aus ein jahrzehntelang vergessenes Hippiecamp: Am Rand der Karlsaue stößt der Besucher auf irgendwie idyllische Bretterbuden, die umgeben sind von einer Mischung aus Abenteuerspielplatz und offenem Künstleratelier. Alles easy, alles frei – so ist in etwa die Ausstrahlung dieser Mini-Kommune. Zumindest von fern. Wer näher kommt, merkt schnell, dass diese Enklave einen Chef hat. Der kanadische Künstler Gareth Moore schwingt hier das Zepter, beziehungsweise den Hammer. Seit zwei Jahren bauen er und seine Mitstreiter an der Hüttensiedlung, die komplett aus Abfällen des Aueparks besteht: ein ambitioniertes Recyclingprojekt. Er trägt ein vorbildliches Freak-Outfit, Copyright in Woodstock: Langhaar, wilder Bart, nackter Oberkörper. Gerade ist er mit Werkeln beschäftigt, als er bemerkt, dass sich Besucher dem Zaun nähern, der das Dörfchen vom Rest des Parks trennt. Plötzlich wilde Rufe: "No Photos, no Photos!" Der Künstler lässt sein Werkzeug fallen, und stiefelt im Habitus eines wehrhaften Farmers Richtung Zaun: Hier dürfe nicht fotografiert werden, erklärt er, und überhaupt sei hier – am ersten Vorbesichtigungstag wohlgemerkt – noch nichts zu sehen.

Als wir am nächsten Tag wieder kommen, ist der Künstler abwesend, aber zwei junge Frauen rufen wiederum "No photos" und erklären, wir könnten – am zweiten Vorbesichtigungstag – die Enklave nur besichtigen, wenn wir am Eingang die Kameras abgäben. Ganz so, als ginge es um eine geheime Atomanlage. So wehte ein Hauch von Nordkorea durch das Freidorf, in dem man wohl erst lernen muss, was es heißt, Teil einer öffentlichen Ausstellung zu sein.

Gewissheiten sollen angezweifelt werden, so will es die documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev. Wer sagt also eigentlich, dass ein Mensch kein Hund sein kann? Als wir zu zweit an Brian Jungens Hundespielplatz "Dog Run" in die Karlsaue kommen, sagt man uns, dass eigentlich nur Besucher die Installation betreten dürfen, die auch einen Hund dabei haben. Kurzer Moment der Ratlosigkeit. Mein Begleiter erklärt sich kurzerhand zur Dogge und bellt einmal laut zur Bekräftigung. Und siehe da: Wir dürfen rein. Wuff!

Karlsaue: Hündin Human und Welpe Señor

Dass die documenta auf den Hund gekommen ist, ist schon länger klar. Leiterin Christov-Barkagiev lässt keine Gelegenheit aus zu betonen, dass ihr die canine Gedankenwelt mindestens so wichtig ist wie die menschliche. Deshalb gibt es Hundekalender, Hundespielplätze und Hund-Mensch-Wohngemeinschaften. Die ungekünsteltste und magischste Hund-Mensch-Begegnung hat sich Pierre Huyghe einfallen lassen. An einem entlegenen Ort des Aueparks hat der französische Künstler einen Garten angelegt, zu dem auch zwei Hunde gehören, die dort frei herumlaufen dürfen. Die dürre spanische Windhündin Human und der Welpe Señor sind ziemlich scheu und vollführen keine Kunststücke. Meist stöbern sie im Unterholz und sind gar nicht zu sehen. Mit ein bisschen Glück und imitiertem Hundegewinsel kann man sie anlocken. Human hat ein rosa gefärbtes Vorderbein, Señor eine rosa Hinterpfote – und so ein knuffiges Welpenlächeln, dass selbst hartgesottene Kunstkritiker auf die Knie sinken und sich beseelt das Gesicht abschlecken lassen. documenta Doggy Style.

Neue Galerie: Der gordische Knoten

Führung durch die Neue Galerie mit einer Kuratorischen Assistentin, das sind die, die für das Praktische beim Ausstellungsaufbau zustaendig sind, jedes einzelne Projekt im Detail koordinieren. Ein Knoten aus Glas und ein Video sind zu sehen. "Da ist ja der Knoten", sagt die Kuratorische Assistentin. Schön geworden sei er geworden, sie sei "ganz angetan". Nein, den Film sehe sie auch zum ersten Mal. Ob das da der Künstler sei? Sie hätte ihn noch nie gesehen, sie müsse fragen. Flüster, flüster, hallo, Umarmung. "Ja, das ist Hassan Khan!"

Hauptbahnhof: Jeff Koons nicht erwünscht

Im Kasseler Bahnhof sind am Mittwoch Morgen zwei Arbeiter damit beschäftigt, ein Transparent herunterzunehmen, das für die aktuelle Jeff-Koons-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel wirbt. Es hängt dort seit Mai und könnte eigentlich noch eine Weile länger hängen bleiben, denn die beworbene Schau läuft bis September. "Die documenta will nicht, dass das hier hängt", erklären die Arbeiter. Der hintere Teil des Geländes, der sogenannte Kulturbahnhof, ist Teil der d13-Spielstätten, und da soll es wohl keine Mißverständnisse geben. Schließlich war auf dem Plakat ein ein pinkfarbener Ballonhund abgebildet. Und das geht wirklich zu weit.

Hugenottenhaus: Das Herz der documenta

Wenn das Gehirn der diesjährigen documenta im Fridericianum sitzt, dann schlägt ihr Herz im Hugenottenhaus. Der amerikanische Künstler Theaster Gates ist vor sechs Wochen mit einer quirligen Wohngemeinschaft in das leer stehende Haus an der Friedrichstraße eingezogen. Seitdem wird in allen Zimmern gewerkelt, verschraubt, und umgebaut. Alle wirken, trotz Eröffnungsstress, ausgelassen, entspannt und gut gelaunt. Und alle Türen stehen offen: Aus Chicago mitgebrachte Musiker jammen im Musikraum auf ihren Instrumenten, in der Küche braten schwedische Studentinnen gerade Gemüse an, als Arbeits- und Esstisch dient eine kunstvoll gezimmerte Tischtennisplatte. Es gibt eine selbstgebaute Hollywood-Schaukel, ein DJ-Zimmer, eine Werkstatt, Schlafräume für die Helfer, Räume mit kleinen Kunstpräsentationen. Der Clou des Ganzen: Gates hatte in Chicago ein Wohnhaus in einer wenig attraktiven Wohngegend gekauft, "zu schön, um es leerstehen zu lassen, aber die Gegend zu arm, um es zu restaurieren". Für Gates Ausdruck einer Logik "der normalen, kapitalisierten Welt". Gemeinsam mit arbeitslosen Helfern demontierte der Künstler das Haus, aus dem Bauschutt wurden mit Hilfe professioneller Handwerker und freiwilliger Lehrlinge aus der Nachbarschaft neue Möbel gefertigt, die wurden nach Kassel transportiert und werden nun nach und nach mit dem Hugenottenhaus verbaut. In einem "Schulzimmer" sollen während der 100 Ausstellungstage kleine Vorträge und Unterrichtsstunden gegeben werden: darüber, wie man zwei Holzteile miteinander verleimt, wie man Musik macht und über die Geschichte der Hugenotten, einer im 16. Jahrhundert in Frankreich verfolgten religiösen Minderheit, lokale "Hessenländer" sollen eingeladen werden, Dinge vorzustellen, die ihnen an Kassel gefallen. "Ganz gewöhnliche Menschen und Materialien", sagt der Künstler, "bekommen die Chance, einen Moment lang im Licht zu stehen" – und in einem wenig attraktiven Umfeld für pulsierendes Leben zu sorgen.

Friedrichstraße 28: Der weiße Kunstbunker des Paul Chan

Auf der gegenüberliegenden Seite der Friedrichstraße bietet der Amerikaner Paul Chan das denkbar größte Kontrastprogramm: Das noch vor wenigen Wochen vermüllte Untergeschoss des Hauses Nummer 28 hat er zum perfekten White Cube herausgeputzt. Auf strahlend weißen Wänden werden nun über makellos poliertem Betonboden 500 sehr ordentlich gehängte Bilder präsentiert, für die Chan Cover von Büchern mit grauen Rechtecken übermalt hat. Sie stammen aus einem New Yorker Antiquariat, ausgewählt wurden Titel "über Dinge, für die man sich eben so interessiert": Picassos Malerei, das Mittelalter, Kochen in der Mikrowelle. Während an anderen Orten kurz vor der Eröffnung fieberhaft gezimmert, geputzt und noch einmal umgeräumt wird, sitzt Chan seelenruhig in seinem durchgestylten Arrangement, erwartet ganz entspannt den Besucheransturm, der in wenigen Stunden kommen wird, hat Zeit für ein bisschen Kunstgeplänkel ("Es geht um Nostalgie. Zu malen ist albern. Aber geht es nicht bei Nostalgie immer um alberne Dinge?"). Wie kann man in diesem Moment so cool und gelassen sein? Chans Ehrgeiz: "der ruhigste Ort der Documenta zu sein". Er bittet darum, das Handy aus der Tasche zu holen: In seinem weißen Kunstbunker hat man nämlich keinen Empfang. Der Künstler behauptet, die dicht gehängten Bücher schirmten rundum die Wellen ab. Nur als man eben zur Tür hereinkam, habe er auf seinem Telefon überraschend doch eine Nachricht erhalten – man weiß nicht recht, ob man als Besucher eher Leben oder Störung in dies aufgeräumte Funkloch bringt.

Pressekonferenz: "Skip, skip, skip!"

documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev (kurz: CCB) auf der der Pressekonferenz: Sie hält eine "Lecture", sie liesst also vor. Nach vielen Seiten wird es ihr selbst zu lang: "Skip, skip, skip", so lässt sie ganze Seiten weg. Raunen, Gelaechter. Wieder "skip, skip, skip, skip", dafür gibt es schon Applaus. Bei der dritten Abkürzung durchs Manuskript melden sich die Adepten von den Rängen: "Don't skip!!" Aber der Applaus ist stärker. Selten hat ein Redner soviel Sympathie durch Nichtreden gewonnen: Das Weltfeuilleton haette es schon hören wollen, aber diese spontane Selbstbeschneidung hatte gerade CCB wirklich keiner zugetraut.

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16 Leserkommentare vorhanden

E.B.

15:59

07 / 06 / 12 // 

Nix Neues in Kassel

Alles schon mal so oder so in anderen Ausstellungen gesehen, nur die Namen der Macher waren andere. Fazit: Alle zur documenta Eingeladenen lesen die gleichen Kunstmagazine.

hanne kornan

16:01

07 / 06 / 12 // 

doumenta 13

Skip

Anselm

13:14

09 / 06 / 12 // 

Tierschutz anstatt Eigennutz

Wenn man es mit dem Wahlrecht für Hunde erst meinst, sollte man jenem armen Hund mit rosafarbenem Bein in Pierre Huyghes Park doch bitte auch die Wahl lassen, ob er bemalt als Kunstobjekt duch eine Kunstschau wandeln möchte. - Er sieht eher nicht danach aus. Respekt vor Tieren sieht für mich anders aus.

Pierre

11:24

11 / 06 / 12 // 

Das Wahlrecht für Hunde

soll unseren Antropozentrismus reflektieren, es geht nicht wirklich darum, dass auch Tiere die Piraten wählen können. Also ich kenne von den Künstlern nur 3-4 und ich lese auch die Kunstmagazine und kenne mich aus. Die Antikommentare kommen doch meist von Frustierten und vor allem von frustrierten Künstlern. Da kann ich nur sagen, macht einfach bessere Kunst. Ich freue mich, dass es sowas Erfrischendes wie die Documenta zum gucken gibt. Ein Kritikansatz wäre wirklich nur der, dass alles auf der Welt sichtbar gemacht werden soll..Aber Documenta ist halt unkuratierbar..

f. halber

12:15

11 / 06 / 12 // 

ho big is a

normal cock...wie tiefsinnig.

PIERRE

15:58

11 / 06 / 12 // 

Feminismus

arbeitet doch plakativ.

ars evolutoria

10:11

12 / 06 / 12 // 

DOGumenta

GRENZAUFHEBUNG ... DANK CCB ...

ars evolutoria

13:20

12 / 06 / 12 // 

Kuratierbarkeit der documenta14

Gremiummodell mal googeln - DOCUMENTA DEMOKRATISIERUNG...

ars evolutoria

13:27

12 / 06 / 12 // 

Kuratierbarkeit documenta Zukunft

Hanno Rauterbach DIE ZEIT ONLINE LESEN LOST IN KASSEL... - EBENDA KOMMENTARE WERNER HAHN

ars evolutoria

18:35

12 / 06 / 12 // 

eBOOK DOCUMENTA 13

Wo??? Giessener Zeitung online DOCUMENTA INSTITUTION ...

ars evolutoria

18:37

12 / 06 / 12 // 

eBOOK DOCUMENTA 13

KUNSTTHERAPIE EBENDA GZ..

ars evolutoria

19:15

12 / 06 / 12 // 

BakargieviADE

MAL WIEDER BAKARGIEViAde googeln ...

Ruhig

22:08

12 / 06 / 12 // 

Großer

Relax!

werner hahn

08:08

14 / 06 / 12 // 

d13 - willkuer statt kunstfreiheit

Occupy CCB...

ars evolutoria

00:47

22 / 06 / 12 // 

WELT - FEUILLETON VERARSCHUNG ...

Skip skip skip - DOCUMENTA-DEMOKRATISIERUNG ... OCCUPY KUNSTMARKT ...

Thierry Geoffroy/ Colonel

21:16

26 / 07 / 12 // 

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