documenta-Countdown #1

Kassel

Schluss mit vielleicht
Darf nur in Begleitung eines Vierbeiners betreten werden: der "Dog Run" des kanadischen Künstlers Brian Jungen in der Karlsaue (Foto: Daniel Boese)

SCHLUSS MIT VIELLEICHT

Langsam öffnet sich der Vorhang in Kassel, man kann einzelne Kunstwerke sehen und erste Orte erkunden. Und es lässt sich erahnen, dass Carolyn Christov-Bakargiev zwar vor der Eröffnung wenig Genaues über die documenta 13 sagte, dafür aber eine umso präzisere Ausstellung aufbauen ließ.
// DANIEL BOESE

Ja, sind wir denn hier auf der Bundesgartenschau? Kompostbriketts, Mangoldsamen, Reissamen, Kräuterkästen und Gemüseschösslinge – das sind die Materialien, die im und vor dem Ottoneum, dem eigentlichen Naturkundemuseum von Kassel zu sehen sind.

Auch das Ottoneum ist ein Spielort der documenta 13, sein Motto ist im Kurzführer zu lesen: "When you step inside you see it is filled with seeds". Kurz: Alles voller Samen hier.

Im Garten vor dem Haus wachsen Gemüsesäulen von Claire Pentecost und ein Teegarten von "And And And". Die Kräuter blühen schon, das Gemüse lässt noch auf sich warten. Besucher werden hier selbstgezupften Tee trinken können. Drinnen finden sich dann Kompost-Briketts, die von Claire Pentecost auf einen vergoldeten Tisch gestapelt wurden. Einen Raum weiter hat der Inder Amar Kanwar hunderte verschiedener Reissorten gesammelt. Als man im Frühjahr 2011 hörte, dass Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev zur Recherche auch in der gigantischen Samenkammer im Eis von Spitzbergen war, in der das Saatgut des Globus für die Zukunft konserviert wird, konnte man sich fragen, was das mit Kunst zu tun hat. Das Ottoneum gibt nun die klare Antwort. Es geht hier nicht um eine landwirtschaftliche Leistungsschau, sondern um eine künstlerische Reflektion der Lebensgrundlagen der Menschheit.

Der Aue-Park wird der Star der documenta

Der Amerikaner Mark Dion verknüpft das Thema hintergründig mit der Geschichte des Ortes. Er hat eine sechseckige Bibliothek bauen lassen, in der die "Schildbachsche Holzbibliothek" – eine der Attraktionen des Kasseler Naturkundemuseums – ausgestellt wird. Im 18. Jahrhundert hatte Carl Schildbach über 400 kleine Holzschaukästen gebaut, in dem jeweils die verschiedenen Stadien eines Baumes zu sehen sind: reife und unreife Frucht, die Blüte, Keimling, Knospen, Samen, ein skelettiertes Blatt, das polierte Holz, Holzkohle. In diesen zerbrechlichen Objekten sieht man die Geschichte der Biologie als Naturwissenschaft aufleuchten, hervorgeholt genau in den Jahren, in denen der Mensch das Ökosystem Erde über die Grenzen belastet.

So erschließt sich im Ottoneum auch Carolyn Christov-Barkargievs Reden über die kulturelle Leistung der Tomate und das Nachdenken über ein Wahlrecht für Erdbeeren. Christov-Bakargiev umschifft geschickt die Ökofalle: Statt die ewige Cree-Weissagung, dass man Gold nicht essen kann, zu wiederholen, die zwar alle abnicken, bei der aber auch kaum noch jemand aufhorcht, findet sie neue Worte für das Thema. Und untermauert sie in Kassel mit einem ordentlichen Fundament, nämlich in einer Ausstellung in der Ökologie ein Leitthema ist – ohne ins dokumentarische oder naturhistorische abzugleiten. Denn es ist immer klar, dass man Kunst sieht. Die Ästhetik der Werke und der Hängung funktioniert.

Die Samen verschiedenster Sorten Mangold hat Christian Philipp Müller im Ottoneum gesammelt, im Auepark wächst der Mangold auf Pontons, die als Brücke übers Wasser führen – an zwei Abenden wird Müller Besucher der d13 zum gemeinsamen Mangold-Essen einladen. Eines scheint sicher: Der Aue-Park wird der Star der documenta. Arbeiten von über 50 Künstlern sind über das weitläufige Gelände verteilt, in vielen kleinen Holzhäusern. So findet man Videoarbeiten vom Manon de Boer und Omer Fast, eine Soundarbeit von Janet Cardiff und George Miller. Christov-Bakargiev will das auch als Verweis auf den Monte Verita "eine kurzlebige Künstlerkolonie, die 1900 in der Nähe von Ascona gegründet wurde" verstanden wissen. Ihr Kuratoren-Mentor Harald Szeemann hatte in den siebziger Jahren auch eine vielbeachtete Schau über die Kolonie gezeigt.

Angriff der Zypressen

Das Entdecken der unterschiedlichst gestalteten Pavillons dürfte ein Highlight werden. Rosemarie Trockel hat eine kleine schwarze Hütte mit Grafiken gefüllt, aber noch sind die Fenster verhängt, selbst das documenta-Team weiß nicht, welche Arbeiten Rosemarie Trockel mit nach Kassel gebracht hat. Manche Hütten sind bewohnt, so wie die aus Recycling-Material selbstgebaute von Gareth Moore oder die von einem gigantischen Zaun umschlossene, in der Araya Rasdjarmrearnsook und ihr Hund wohnen, und Spenden für Tierheime sammeln. Und dann ist da noch der Hundespielplatz. Brian Jungen hat den "Dog Run" gestaltet, er darf wirklich nur in Begleitung eines Vierbeiners betreten werden.

Bevor es zu idyllisch wird, finden sich die Werke, die kurz den Atem stocken lassen – wenn man vor Sam Durants gigantischer Galgenkonstruktion steht, die etwa Sadam Husseins Exekution zitiert. In der gleichen Sichtachse zur Orangerie des fürstlichen Parks steht auch Maria Loboda "Angriff der Zypressen". Loboda zitiert den Angriff des Waldes in Macbeth, sie lässt zwei Reihen Zypressen in Kampfformation auf die Orangerie zugehen – jede Woche werden sie ein Stück versetzt. Es zeigt sich, dass Carolyn Christov-Bakargievs in der Lage ist, ihr oft etwas schwer verständliches Reden von Herrschaft und Machtstrukturen sowohl sehr klar als auch feinsinnig im Park sichtbar zu machen.

So erhärtet sich ein erster Eindruck: Carolyn Christov-Bakargiev scheint dabei zu sein, eine präzise Ausstellung zu eröffnen. Ein deutliches Indiz sind die aussagekräftigen Beschreibungen der einzelnen Orte im Kurzführer. So steht beispielsweise zur Documenta-Halle: "Einige Kunstwerke, die durchdenken, was Malerei heute ist". Das geht bei nur sieben Künstlern an diesem Ort zwar auch schnell, zeigt aber, dass die Kuratorin die Besucher nicht rätseln lassen will, was sie sehen. Christov-Bakargievs konsequentes Vermeiden von Festlegungen, die ihr den Spitznamen "Madame Maybe" einbrachten, ihr Spurenlegen in langen Interviews, längeren Vorträgen und der quasi endlosen Reihe von Notebooks waren Nebelkerzen. Jetzt kann endlich die Kunst für sich sprechen und man wird sie verstehen. Carolyn Christov-Bakargiev kann eben Ausstellungen – das hat sie bei der Sydney Biennale und als Museumsdirektorin in Turin gezeigt. Man merkt es in Kassel, und damit scheint ihre Aussage, sie wolle eine Million Besucher zur d13 locken, keineswegs unrealistisch. Nur ein Ärgernis bleibt ihr: Dem alten Feind, dem Kapitalismus, wird Christov-Bakargiev nicht entkommen. Am Freitag, pünktlich zur Eröffnung bieten die Kasseler Kaufleute rund um das Fridericianum Shopping bis um Mitternacht.

documenta (13) – eine Kunstausstellung

Die 13. documenta öffnet am Samstag den 9. Juni ihre Türen für die Besucher. Bis zum 16. September präsentiert sich die Weltkunstschau an neun verschiednenen Orten in Kassel. Ein dreibändiger Katalog erscheint bei Hatje Cantz

http://d13.documenta.de

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4 Leserkommentare vorhanden

michael weber

16:30

06 / 06 / 12 // 

die documenta - mein gott es wird immer schlimmer

... warum nicht noch einen haufen hundescheisse, jeden tag neu, noch warm dampfend als kunst dazulegen. "kauf mich fuer 1000 euro"

ars evolutoria

11:04

12 / 06 / 12 // 

Event der NICHT -KUNST - EXPERTEN

DOGUMENTA ...

ars evolutoria

11:08

12 / 06 / 12 // 

Event der KRITIK AN DER D13

You tube - dort ars evolutoria GOOGELN - DOCUMENTA DEMORATISIERUNG...

ars evolutoria

11:12

12 / 06 / 12 // 

KRITIK AN DER D13 - occupy documenta 13

occupy Documenta 13 - ANTIDOGUMENTA ...

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