Biennale

Kiew



GUTE ZEITEN, SCHLECHTE ZEITEN AUF DER KIEW-BIENNALE

Während Politiker und Fußballer über den Boykott der EM, die Sicherheit dunkelhäutiger Spieler und die schwierige politische Lage in der Ukraine diskutieren, hat das Großereignis der Kunst längst eröffnet. Die erste Kiew-Biennale begann letzte Woche mit großem Pomp. Doch direkten Gesprächen über Politik oder gar Menschenrechtsverletzungen gehen Künstler vor Ort und Ausstellungsmacher aus dem Weg. Selbstzensur oder gar Zensur? Keineswegs behaupten sie und lassen die Kunst selbst sprechen. Mit kritischen Arbeiten zur nuklearen Willkür, zum postkommunistischen Bildersturm und zu neuem Totalitarismus scheinen sich sogar die staatstragenden Geldgeber des Events abzufinden.
// SUSANNE ALTMANN, KIEW

Pünktlich zur Fußball-Europameisterschaft leistet sich die Ukraine ihre erste Kunstbiennale. Zur staatstragenden Eröffnung letzte Woche erschien Politprominenz aller Lager, Premier Asarow begrüßte die Besucher, und auch Familienmitglieder des ehemaligen Präsidenten Viktor Juschtschenko sowie weitere Mitglieder der Timoschenko-Opposition wurden gesichtet.

Auf alle Fälle jedoch war die internationale Aufmerksamkeit, mit der derzeit auf das Land geblickt wird, eine beträchtliche Argumentationshilfe, als es darum ging, die Großausstellung bei staatlichen Geldgebern durchzuboxen.

Immerhin kommt die Hälfte der aufgewendeten sechs Millionen Dollar aus Regierungsmitteln, einen weiteren stattlichen Teil stellte der kunstsinnige Versicherungsmogul Igor Voronov zur Verfügung. Natalia Zabolotna, Chefin der neuen Kunstinstitution Arsenale und damit Gastgeberin, weiß um den fragwürdigen politischen Ruf der Ukraine: "Kein Künstler hat abgesagt, auch wenn unser Land aktuell ein seltsames Image hat. Es waren der Kurator David Elliott und der Charme unseres Areals, die zum Erfolg beitrugen." Tatsächlich haben Zabolotna und ihr Team erst vor zehn Monaten angefangen, Gelder zu beschaffen und die Biennale zu organisieren. Dass die Ukrainer den britischen Kurator gewonnen haben, von dessen Netzwerk und seinem robusten Nervenkostüm sie profitieren, ist sichtlich ein Glücksfall. "Wir haben ein Weltereignis geplant, kein ukrainisches Ereignis und wir wollen, dass die Künstler aus der Ukraine im Kontext mit internationalen Stars bemerkt werden", so Zabolotna.

Eine von westlichen Besuchern erwartete Auseinandersetzung mit den Kontroversen um die EM in der politisch gespaltenen Ukraine bleibt aus. Über Politik will niemand reden und auch nicht über irgendwelche Boykotte. Auch Kurator Elliott hält sich da völlig bedeckt – er will mit politischen Äußerungen nicht zitiert werden – und gibt auch keine. Ihm ging es darum, Internationalität herzustellen und darum, erstmals im Lande alle Spielarten von Gegenwartskunst zu zeigen. Dabei ist seine Auswahl alles andere als unkritisch – so als wollte er den Ukrainern dezent demonstrieren, wie politisches Engagement in der Kunst anderswo funktioniert. Parallel dazu setzt er auf zahlreiche einheimische Künstler, die sich im internationalen "Who is Who" behaupten müssen.

Prestigegewinn durch Kunst

Die Bühne für das Spektakel ist beeindruckend: Auf 20 000 Quadratmetern versammeln sich Arbeiten von etwa 100 Künstlern, viele davon eigens für die Biennale entwickelt. Das ehemalige Arsenal wurde im späten 18. Jahrhundert gebaut und diente bis ins 20. Jahrhundert ausschließlich militärischen Zwecken. Es war Viktor Juschtschenko selbst, der während seiner Amtszeit von 2005 bis 2010 entschied, hier ein ehrgeiziges Museumsprojekt zu starten. Ende 2014 soll in dem Gebäude eine Ausstellung ukrainischer Kunst von den Skythen bis zur Gegenwart eröffnen. In der Zwischenzeit kommt zeitgenössische Kunst zum Zuge – mit einer Kunstmesse im letzten Herbst und nun mit der ersten Biennale im so genannten "Mystetskyi Arsenal". Die Architektur selbst ist imposant und weist jenen attraktiven Ruinencharakter auf, der auch in Venedig den gleichnamigen Ort immer wieder zum Erlebnis macht. Die schiere Größe der Gewölbehallen und fehlende Infrastruktur würden so manchen Kurator in die Flucht treiben.

Nicht so David Elliott, der im September 2011 seinen Vertrag sehenden Auges unterzeichnete; wohl wissend, dass er besonders auf die physische Größe der ausgewählten Werke zu setzen hatte. Und genau das tat er, mit raumfüllenden Installationen wie jenen von Phyllida Barlow, Folkert de Jong oder Ai Wei Wei gleich zu Beginn des Parcours. Im Russischen, das hier weitverbreitete Zweitsprache ist, gibt es zwei Begriffe für Größe: zum einen "bolshoj" für räumliche Dimensionen und zum anderen "welikij" für hohe Bedeutsamkeit. Vielen der Werke merkt man ihren Kampf gegen den Horror vacui des Ortes deutlich an – sie sind eher als "bolshoj" zu verstehen, denn als "welikij". Dazu gehören zweifellos die Wandmalereien des griechischen Malers Stelios Faitakis, der hier sein ganzes Können als Ikonenmaler auffährt, um zwei riesige Wandbögen mit Historienbildern aus der jüngeren ukrainischen Geschichte zwischen der "Machno" genannten Anarchiebewegung und dem Einmarsch der Deutschen zu füllen. Die bunten Megaikonen auf Goldgrund machen es schwer, noch eine subtile Botschaft zu erkennen.

Größe durch Dimension

Überhaupt dominieren im Erdgeschoss des Arsenals die großen Gesten, mit Song Dongs kunstvollen Möbelarrangements, mit Miao Xiachuns digitalen Raffael-Remakes oder dem grimmigen Naziaufgebot "The Dark Destroyer" von Jake und Dinos Chapman. Alles durchaus groß! Erholung und unaufgeregte Betrachtung bieten da Erbossyn Melibekovs drei umgedrehte, brachial zertrümmerte Duschwannen. Der kasachische Künstler tituliert sie ironisch als "Pik Kommunismus" oder "Pik Stalin" und stellt damit dem vergänglichen Größenwahn der Ideologie die Unvergänglichkeit des Hochgebirges gegenüber. Namen sind Schall und Rauch.

Ebenso nachdenklich stimmt eine Videoinstallation seiner Landsfrau Almagul Menlibaeva, die in das einstige sowjetische Testareal für Kernwaffen, in die Steppe um Semipalatinsk führt. Auf acht Kanälen kombiniert sie Interviews mit noch immer leidenden Einwohnern und inszenierte Besetzungen des trostlosen Geländes. Menlibaeva gelingt es, ohne Anklage, den Horror der nuklearen Willkür als dichte, dokumentarische Poesie vorzuführen. Im Mutterland des Supergaus von Tschernobyl ein gewagtes Unterfangen. Von den ukrainischen Künstlern selbst vermisst man derlei beherzte Kommentare. Wenn einheimischen Großmaler wie Arsen Savadov, Vasily Tsagalov oder Andriy Saigadakovsky wie auch viele präsente chinesische Kollegen auf Gemälde im verfremdeten Propagandstil setzen, so wirkt das Ganze ein bisschen altmodisch. Elliott, der 1998 die bemerkenswerte Ausstellung "After the Wall" kuratierte, jedoch ist der Meinung, dass die postkommunistischen Debatten und deren Ästhetik noch immer brisant seien. Doch gehören sie tatsächlich zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart?

Dauerbrenner Postkommunismus

Die Thematik der flächendeckenden Denkmalstürme nach 1989 wurde in Osteuropa bereits vor Jahren hinlänglich behandelt, etwa von Deimantas Narkevicius, Anatoli Osmolovsky oder Kristina Norman. Aus dieser Perspektive gesehen, kommt die Videoinstallation "Monument" des jungen Ukrainers Mykola Ridnyi etwas bemüht daher und ebenso die gewaltigen Holzmonumente der "MadeIn Company" (Hongkong) in Karl-Marx-Optik. Immer wieder geht es nach gut 25 Jahren Post-Perestroika um deren Folgen, wobei das ukrainische Tagesgeschehen kaum eine Rolle spielt. Natalia Zabolotna erklärt das Phänomen wie folgt: "Alle, auch die Künstler hier sind politikmüde und finden diese Themen nicht mehr interessant. Unter Juschtschenko haben sie sich sozusagen ausgetobt, und jetzt geht es ihnen mehr um philosophische und spirituelle Probleme." Vor diesem Hintergrund überrascht es auch nicht, dass Oleg Kulik, gebürtiger Ukrainer und einstige Enfant terrible der Moskauer Kunstszene, mit einer sphärischen Licht-Soundcollage aufwartet und sein Kollege Boris Mikhailov mit "Promzona" die ebenso harmlose wie professionell ästhetisierte Dokumentation eines Industrieareals ablieferte. Die Erben von Mikhailovs einstiger, schonungsloser Sozialkritik finden sich in der jüngeren Generation, so etwa in einer zarten, poetischen Zeichnungsserie zu Obdachlosen von Olga Chernysheva. Auch ihr Video "Trashman" fesselt mit einer sechsminütigen Beobachtung des usbekischen Hilfsarbeiters Eldar Usmanov, der seinen Job als Müllsammler Moskauer Kino voll Würde und Distanz versieht.

The Best of Times, The Worst of Times

David Elliotts Auswahl lebt von solchen Widersprüchen: Eskapismus versus Engagment, Oberfläche versus künstlerische Tiefe. Es ist ihm zweifellos gelungen, eine Biennale auf die Beine zu stellen, die medial, inhaltlich und stilistisch höchst abwechslungsreich ist. Sie unterhält, lässt Entdeckungen zu und ist weitgehend frei von spröder Diskurskunst. Was dem westlichen, kritischen Auge oft zu plakativ erscheint, fasziniert das einheimische Publikum enorm. Als erfahrener Ausstellungsmacher hat Elliott dem Projekt den deutungsfreundlichen Titel "The Best of Times, The Worst of Times" verordnet, frei nach Charles Dickens, Untertitel: "Rebirth and Apocalypse in Contemporary Art". Ob sich das vorgestellte Beste und Schlechteste nun auf gesellschaftliche Symptomatiken oder auf künstlerische Ausdrucksweisen bezieht, bleibt programmatisch offen. Weniger gelungene Kunst passt unter diesen Themenschirm genauso wie Appropriationen aus der Kunstgeschichte oder seltsame Ausflüge in Propagandakunst.

Neben vielen etablierten Künstlern, zu den übrigens auch Louise Bourgeois, Yayoi Kusama, Yinka Shonibare und die Kabakovs gehören, experimentierte der Kurator mit eher unbekannten Künstlern aus Zentralasien, Japan, China, Südkorea, ja sogar aus der Mongolei. Das spricht für seinen asiatischen Aktionsradius – etwa als Gründungsdirektor des Tokioter Mori-Museums. 

Einen echten Coup landete er mit der Einladung der ägyptisch-libanesischen Künstlerin Lara Baladi und der Live-Aufführung von deren magischer Symphonie "Hope" (m. Nathan Mann) mit Streichern und sechs Sängerinnen. Ein weiterer erstaunlicher Vorteil von Elliotts Künstlerliste besteht darin, dass es kaum Überschneidungen mit dem Künstlerpersonal der aktuellen Documenta gibt. Die Welt ist größer als gedacht und allein das spricht für eine Biennalereise nach Kiew. Ohne Zweifel leistete Elliott einen respektablen Kraftakt, um die Ukraine auf der Landkarte internationaler Biennalen zu verzeichnen – und zwar im Zeitraffertempo. Wer ihn vor Ort beobachtete, konnte seine bewundernswerte Haltung gegenüber nervtötenden Defiziten der lokalen Organisation bestaunen. So waren selbst am dritten Tag nach der Eröffnung angekündigte Videoarbeiten von Eija–Liisa Ahtila, von "Chto Delat?", von Yael Bartana oder Bill Viola noch nicht zu sehen. Die Organisatoren halten das nicht für sehr problematisch, schließlich hatten sie es mit einem weitgehend unrenovierten Gebäude und improvisierter Infrastruktur zu tun. Außerdem nehmen sie den Anfängerbonus in Anspruch – schließlich es ihre erste Biennale. Die nächste soll 2014 stattfinden, egal ob das Mystetskyi Arsenal bis dahin saniert und als Großmuseum eröffnet ist.

The Best of Times, The Worst of Times

Rebirth and Apocalypse in Contemporary Art. The First Kyiv International Biennale of Contemporary Art

bis 31.07.2012

http://www.arsenale2012.com

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