Stefan Heyne

Starter

Gestörte Beziehung
Unser Starter der Woche ist diesmal Stefan Heyne. Hier zu sehen mit: "7174", 2010, 180 x 120 cm, C-Print auf Alu-Dibond (© Stefan Heyne / Courtesy Kaune, Sudendorf Gallery, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

GESTÖRTE BEZIEHUNG

Junge Kunst mit Auftrieb: Sie legen überraschende Auftritte bei internationalen Ausstellungen hin, erobern den öffentlichen Raum, bringen es zu Klickrekorden im Internet oder träumen noch vom ganz großen Durchbruch. Die besten Nachwuchs­künstler – jede Woche in der Reihe "Starter": Stefan Heyne geht der Frage nach: Was braucht ein Foto, um ein Foto zu sein? Per Weglassung und Verweigerung betreibt der Berliner Künstler Forschung am Bild.
// RALF HANSELLE

Die Frage "Woran denkst Du?" ist ein absoluter Beziehungskiller. Der Berliner Fotokünstler Stefan Heyne hat sie dennoch gestellt. Vielleicht, weil der in Brandenburg an der Havel geborenen Fotograf in seiner "Woran Denkst Du?" betitelten Ausstellung eine lange zerrüttete Beziehung thematisierte. Etwas, das ihn seit gut sechs Jahren nicht loslässt: das Verhältnis der Fotografie zur Wirklichkeit.

Man kann an alles Mögliche denken, wenn man vor seinen großformatigen Aufnahmen steht. Alles – nur nichts Konkretes. Denn Heyne, der ursprünglich Szenografie an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee studiert hat, verzichtet auf das, was Fotografie gemeinhin ausmacht: Schärfe, Tiefe, Bildmotive. Seine Aufnahmen sind Verweigerungen.

"Was mich umtreibt", sagt der in Berlin lebende Vertreter einer neuen abstrakten Fotografie, "ist die Herausforderung, die durch Weglassung entsteht". Ein Reduktionsverfahren, mit dem er Grundlagenforschung am fotografischen Bild betreibt: Was braucht ein Foto, um ein Foto zu sein? Und auf was kann man letztlich verzichten?

Es waren Zweifel und Neugier, die diesen Prozess in Gang gesetzt haben. Zuerst gab es im Unschärfenebel von Heynes Bilder noch eindeutige Verweise auf Wirklichkeiten. Schemenhaft erkannte man Autos, Züge, Straßenfluchten. Mittlerweile aber ist die Reduktion so weit vorangeschritten, dass das Knochengerüst der apparativen Bilder zutage getreten ist: Licht und Dunkel, Schwarz und Weiß.

Über die Welt erzählt Heynes Fotografie heute kaum noch etwas. Da ist nur noch ein Ahnen; ein zaghaftes Tasten. Wie in einer Beziehung, in der man sich über zu viel Vertrauen entfremdet hat. "Speak to Me" hat der Künstler daher seine aktuelle Ausstellung genannt. Ein letzter, wütender Appell vor der Stille.

Ausstellung: Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, bis 18. März. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro

Steckbrief

Geboren: Brandenburg an der Havel, 1965

Wohnort: Berlin

Ausbildung: Kunsthochschule Berlin

Galerie: Kaune, Sudendorf Gallery, Köln

Initialzündung: Beim Segeln, als ich kein Land mehr gesehen habe. Der Ausschnitt wurde zur Totalen und umgekehrt, und die Frage nach Vorder- und Hintergrund hatte sich auch erledigt.

Höhepunkt: Als ich begriffen habe, dass Sehen und Denken das Gleiche ist

Tiefpunkt: Wenn ich für eine neue Arbeit eine Idee im Kopf habe und auch noch anfange, daran zu glauben, dass das gut gehen könnte

Helden: Keine. Fürchtet Euch nicht!

Credo: Waiting, sitting, fishing

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Dass Realismus auch nur eine Sonderform der Romantik ist

Warum Künstler, nicht Banker?: Durch Zerstörung und Verschwendung einen echten Mehrwert schaffen und das nachhaltig. Welcher Banker kann das schon? Ein Künstler macht es.

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