Phyllida Barlow

Aachen



PHYLLIDA BARLOW IM INTERVIEW

Den diesjährigen Kunstpreis Aachen erhielt die britische Bildhauerin Phyllida Barlow, 68. Der alle zwei Jahre vergebene und mit 10 000 Euro dotierte Preis ist auch mit einer Einzelschau im Aachener Ludwig Forum verbunden. Für sie schuf Barlow eigens sieben neue Arbeiten. art-Korrespondent Hans Pietsch sprach mit der Künstlerin.
// HANS PIETSCH, LONDON

Frau Barlow, Sie haben Ihrer Ausstellung den englischen Titel "Brink" gegeben, was soviel heißt wie "Abgrund". Was wollen Sie damit sagen?

Er ist eine Antwort auf die räumlichen Gegebenheiten, die ich hier vorfand. Da war eine Spannung zwischen dem industriell anmutenden Sheddach mit seinen Glaspaneelen und der in den Boden eingelassenen Mulde, in die Stufen hinunterführen, wo die meisten meiner Arbeiten gezeigt werden sollten. Es schien mir eine Ansammlung von Ecken und Kanten zu sein, das hatte etwas Randmäßiges.

Als stehe etwas oder jemand am Rand eines Abgrunds...

Genau. Und auch das von oben kommende Licht ist hart, da kann man sich nicht verstecken. Es war interessant, in einem solchen Raum Skulpturen zu installieren. Skulptur hat ja mit Schwerkraft zu tun, und Schwerkraft trifft skrupellose Entscheidungen darüber, was am Rand ist und was nicht. Damit muss ein Plastiker arbeiten.

Verstecken sich da auch politische Anspielungen? Eine Arbeit, die Sie auf dem Dach platziert haben, besteht aus alten Autoreifen und Plakaten, die man auf Demonstrationen mit sich führt. Eine andere – zusammengeknüllte, weggeworfene farbige Tücher, Habseligkeiten von Obdachlosen vielleicht – klettert die Stufen hinauf.

Das Interessante für mich an Plakaten ist, dass man sie noch immer als solche erkennt, selbst wenn man das entfernt hat, was auf ihnen steht, und wofür sie stehen. Mich interessiert diese Dualität von Objekten und wie wir visuelle Information hierarchisch ordnen. Und das könnte die politische Dimension sein: dass man nie genau weiß, welche Rolle Objekte spielen oder spielen könnten.

Und dann ist da ein riesiger Flügel aus... Ich weiß nicht, aus welchem Material...

Aus Styropor und Zement, natürlich kein echter Flügel, auf dem man spielen könnte, er sieht nur so aus.

Und darauf ein riesiges verschnürtes Bündel aus Säcken und Rohren, das man sich auf den Rücken schnallen könnte...

Richtig. Mich interessierte hier zunächst, wie sich Objekte verändern, wenn man sie aus anderen Materialien herstellt. Und ein Flügel wird auch oft als eine Art Tisch benutzt, auf den man Familienfotos oder eine Vase stellt. Auch diese Metamorphose interessierte mich.

Sie beziehen sich immer sehr direkt auf den Raum, in dem Sie ausstellen. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Skulpturen?

Der Raum ist ein Ausgangspunkt, er gibt den Anstoß, Arbeiten zu machen. Sie sind nicht unbedingt immer auf einen bestimmten Raum zugeschnitten. Größe und Dimensionen interessieren mich, aber ich mache nicht große Skulpturen um der Größe willen, sondern es ist die Neugier, Dimensionen auszutesten, und der Raum ist da eine Art Kontrolle.

Oft kann man in Ihren Installationen eine Art Gewalttätigkeit ausmachen, in der Art, wie die Skulpturen dem Betrachter den Weg versperren, ihn einengen. Eine Arbeit hier besteht aus bemalten Holzplatten, die einen Raum bilden, in den man aber nicht hinein kann.

Ich brauche Mut, um Skulpturen zu machen. Sozusagen den Weg bis zum Ende zu gehen und nicht vorher aufzuhören. Und dazu ist eine Art persönliche Aggression notwendig, die nicht gegen die Welt gerichtet ist, sondern die ich brauche, um mir meine Neugier zu bewahren. Und das geht wohl in die Skulpturen ein.

Sie arbeiten mit billigen Materialien – Beton, Plastik, Holz. Was interessiert Sie daran, haben diese Materialien eine versteckte Schönheit für Sie?

Ja. Mich interessieren Materialien, die man normalerweise nicht sieht. Nehmen Sie diesen Sessel. Unter dem Lederbezug ist billiger Schaumstoff. Die Oberfläche sagt Eleganz und Luxus, darunter aber ist ein ganz bescheidenes Material. Außerdem arbeite ich gerne mit Materialien, mit denen man Fehler machen kann. Billige Materialien geben mir Freiheit.

Machen Sie Vorzeichnungen für Ihre Plastiken?

Ja, ich zeichne viel, und ich entwickle Arbeiten auch weiter. Zum Beispiel die Arbeit mit den bemalten Holzplatten ist die vierte Version, jede ist anders und weiter entwickelt. Es ist fast eher ein Gemälde als eine Skulptur.

Um Ihre Installation herum hängen Gemälde aus der Sammlung Ludwig an den Wänden, die Sie sich selbst aussuchen durften.

Ja, das hat Spaß gemacht. Die Bilder von Jörg Immendorf, Albert Oehlen, Markus Lüpertz und anderen gehen irgendwie entweder inhaltlich oder formal auf meine Skulpturen ein.

Das Werk von Immendorf trägt den passenden Titel "Der Bildhauer im Maler ist sein bester Feind".

Ja, das fand ich witzig.

Sie haben viele Jahre lang an Kunstschulen unterrichtet, vor allem an der Slade School of Art, und es heißt, Sie haben eine ganze Künstlergeneration geformt.

Das ist Unsinn. Es gibt viele hervorragende Lehrer an den Kunstschulen, und außerdem weiß ich nicht, welchen Einfluss ich auf meine Studenten hatte.

Während Sie unterrichteten, arbeiteten Sie relativ unbeachtet in Ihrem Atelier und stellten nur gelegentlich aus.

Als Lehrer entwickelt man ein ganz besonderes Verhältnis zu seinem Atelier. Man muss mit seiner Arbeit nicht unbedingt Geld verdienen, um leben zu können, und so kann man sich ganz frei und offen entwickeln als Künstler.

Sie hatten nie eine Galerie, doch vor ein paar Jahren kam dann eine der ganz großen Galerien auf Sie zu, nämlich Hauser & Wirth. Was war das für ein Gefühl?

Das war völlig unerwartet. Ich bewunderte die Galerie schon lange, sie haben in London Ausstellungen gemacht, die weit über das hinausgehen, was eine Galerie tun muss, etwa mit Arbeiten von Paul McCarthy, Dieter Roth und Martin Creed. Ich war sicher, dass ihr Interesse an mir nicht ein rein kommerzielles war.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo