SØR Rusche Sammlung

Leipzig



EROTISCHE KLEINODIEN MIT INDUSTRIEAMBIENTE

Für den Sammler Thomas Rusche sind erotische Themen und Vanitas von besonderer Bedeutung. Seine Sammlung ist insbesondere für die niederländische Kunst aus dem 17. Jahrhundert bekannt. Seit acht Jahren kommen aber auch zeitgenössische Werke hinzu. Ein klimatisch riskantes Projekt zeigt die Sammlung nun in der ruinenartigen Industriearchitektur der Werkschauhalle.
// SUSANNE ALTMANN, LEIPZIG

In einer fürwahr abenteuerlichen Kulisse kann man derzeit in Leipzig die Ausstellung "Eros und Thanatos" betrachten. Der Sammler und Bekleidungsunternehmer Thomas Rusche folgte mit seiner Kollektion der Einladung jener Galeristen, die auf dem Gelände der Baumwollspinnerei residieren. Auf dem noch immer etwas verwunschenen Areal öffnet sich hinter einer steilen Rampe eine Art Garagentor: Die geräumige Werkschauhalle dient schon seit einiger Zeit als Ort für Sonderausstellungen.

Stets wird hier unten effektvoll mit dem naturbelassenen Ruinencharme der Industriearchitektur und den professionellen Einbauten operiert. Für Gastspiele mit reiner Gegenwartskunst ist ein solches Ambiente durchaus nichts Spektakuläres. Doch Thomas Rusche ist für seine wunderbare Sammlung niederländischer Kunst des 17. Jahrhunderts bekannt; für Kleinodien von Genreszenen, mythologische Landschaften und Stillleben. Genau diese Werke stellt er nun in der Werkschauhalle aus, an feuchten Maitagen, zwischen großflächigem Moosbewuchs, Efeuranken und offenen Lüftungsschächten. Den Konservatoren, die im Vorfeld um ihre Meinung gebeten worden waren, muss der Atem gestockt sein, ob dieses klimatisch höchst riskanten Projekts.

Dem Liebhaber klassischer Malerei mag es schwerfallen, solche Gedanken beim Besuch auszublenden. Doch für den Sammler scheinen derlei Sorgen keine Rolle zu spielen. Ihm ist es in erster Linie darum zu tun, seine Schätze ans Licht zu bringen und mehr noch: ihnen durch eine kuratorische Fusion mit Gegenwartskunst neues Leben einzuhauchen. Dafür gewann Rusche den Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, den er stolz "Superkurator" nennt. Ulrich unternahm es nun mit seinen Studierenden von der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, Kategorien und Jahrhunderte aufzumischen. Das Ganze ist so klug und fesselnd gemacht, dass die seltsamen Rahmenbedingungen bisweilen verblassen.

Begehren und Vergänglichkeit – "Eros und Thanatos" sind die Schlüsselmotive des gesamten Rusche-Konvoluts, das zunächst einmal die Vorlieben des Käufers spiegelt. Die zauberhaften Holländer, fast ausnahmslos in kleinen Formaten, stammen aus Familienbesitz einer westfälischen Familie, in der seit über 100 Jahren gesammelt wird. Während der Urgroßvater, der als Händler mit dem Pferdefuhrwerk über Land reiste, so manche Kostbarkeit noch als Tauschware angeboten bekam, konsolidierte sich der Sachverstand über die folgenden Generationen.

Für den Erben Rusche war der klassische Bestand vor acht Jahren indes nicht mehr genug, er begann Zeitgenössisches zu sammeln. Dabei folgte er dem Geist seiner niederländischen Kabinettstückchen, bevorzugte kleine Formate, die menschliche Figur, erzählerische und symbolhaltige Motive. Ganz besonders haben es ihm erotische Themen angetan, wie er während einer Sammlerführung nicht müde wird zu betonen. Der größte Abschnitt von "Eros und Thanatos" gleicht daher einem Schlüssellochblick in das Sammlerboudoir mit verführerischen Szenen etwa von Martin Eder oder Cornelia Schleime. Wolfgang Ullrich und seine jungen Kollegen haben es dort jedoch erholsamerweise häufig unterlassen, allzu plakative Bezüge zwischen dem schlüpfrigen Alten und dem tabulosen Neuen herzustellen. In witzigen Clustern nach dem Prinzip der St. Petersburg Hängung lassen sie nur vereinzelt illustrative Konfrontationen zu. Da begegnen sich etwa eine "Götterversammlung" (1626) von Daniel Vertangen und eine "Erotische Mauer" (1982) von Arno Rink oder eine "Salome" (2011) von Johannes Hüppi und "Venus und Amor" (Ende 17. Jh.) von Philip van Dijk auf Augen(zwinker)höhe. Manchmal belassen die Kuratoren die Epochen auch ganz friedlich unter sich: eingängige Schädelmetaphern etwa von Norbert Schwontkowski, Nicole Hacke und Daniel Richter, versammelt als Boten des Thanatos. Wenige Schritte davon entfernt, in einem so mutigen wie effektvollen Kabinett dann gibt deren Vorläufer, Vanitasmotive von 1688 beziehungsweise 1664, sparsam begleitet durch zwei Kleinformate von Michael Triegel und Carina Linge.

In den Bildarrangements der Schau sitzt fast jede Geste: der Mut zur Lücke genauso wie Momente des Humors oder ein Spiel mit stilistischen Ähnlichkeiten, das an die Pathosformeln aus Aby Warburgs berühmten Mnemosyne-Bildatlas erinnert. Es wird deutlich, dass die Ausstellungsmacher keineswegs in die Falle der Fülle oder der angesagten Namen getappt sind. Marlene Dumas, Neo Rauch oder Matthias Weischer mussten im Depot bleiben. Es macht Spaß, ihnen bei Kuratieren und beim Nachdenken darüber zu folgen. In seinem Begleittext erläutert Ulrich die Herausforderungen des so genannten "diachronen Hängens" und erinnert an den Düsseldorfer Skandal von 2001. Damals hatte sich der Deutsche Museumsbund, angesichts von Eingriffen durch Thomas Huber und Bogomir Ecker im Kunstmuseum, ausdrücklich gegen künstlich herbeigeführte Originalität von derlei Kontrasten verwahrt und für Wissenschaftlichkeit und "innere Ordnung" im Museum plädiert. Der Streit wirkt mittlerweile angestaubt und Kombinationen von weit auseinander liegenden Kunstgeschichten sind im musealen wie nichtmusealen Bereich längst salonfähig geworden. Das hat nicht nur die Tintoretto-lastige Venedig-Biennale im letzten Jahr gezeigt, sondern auch ein Kabinett im neueröffneten Städelmuseum, wo die Begegnung von alten Meistern mit Werken von Baselitz und Schönebeck inszeniert wird. Auch das Diskursprojekt "Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen" im Frankfurter Kunstverein bediente sich tief aus dem Bildfundus des 19. Jahrhunderts. Die Gründe für derlei kuratorische Gipfeltreffen können geistesgeschichtlicher oder rein ästhetischer Art sein – im Fall Rusche liegen sie in der Natur der Sammlung. Wolfgang Ullrich hat die Gelegenheit ergriffen, theoretische Überlegungen zur Metaphernbildung, zum Erlebnis- und Erkenntnisgewinn mit Studierenden in eine Ausstellung zu übersetzen.

Die Werke der Rusche-Kollektion, bereits in sich metaphern- und assoziationsreich, geben reichlich Stoff für solche kulturgeschichtlichen Untersuchungen und Interpretationen ab. Dass die solchermaßen analysierte Sammlung zu einem Psychogramm des Eigentümers selbst taugt, ist wohl eher ungewöhnlich. Nicht jeder Sammler sucht die öffentliche Bestätigung so offensiv wie Rusche – so hat er seit 2004 über 1000 Werke der Gegenwartskunst angekauft und 1200 Arbeiten aus seinem Gesamtbestand allein in den letzten drei Jahren an 20 Museen verliehen. Rusche, der sich als christlicher Unternehmer sieht, referiert auch gerne über seine persönlichen Leidenschaften, über vermeintliche Tabus wie Religion und Sexualität und gar über dem Wandel der Zeiten am Beispiel seines familiären Aufklärungsunterrichts. So genau möchte man es dann eigentlich auch nicht wissen und schon ist er bei der nächsten Anekdote angelangt: Nämlich wie er anlässlich eines Essens mit Galerist Judy Lybke und Künstler Martin Eder ausgerechnet neben das leibhaftige Modell des äußerst freizügigen Aktes von Eder zu sitzen kam: eine Apothekerin aus dem sächsischen Kamenz, wie er begeistert berichtet. O Wunder – erst drei Monate vorher hatte er das Werk "Maßstab" (2009) erworben. Kein Zweifel, Thomas Rusche ist nunmehr fest im Olymp der Kunst und vor allem in der kommerziellen Gegenwartskunstszene angekommen. Die gewitzten Kuratoren kommentieren dies diskret, indem sie das bewusste Erotikgemälde Eders mit einer prallen Holländerin von Jacob Adriansz. Backer (1651) flankieren. Soviel Spaß muss schon sein, und so sehr haben sich die Zeiten dann auch nicht geändert.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo