Théo Mercier

Starter

Der letzte Dadaist
Théo Mercier: "Die Verrückte", 2011

DER LETZTE DADAIST

Junge Kunst mit Auftrieb: Sie legen überraschende Auftritte bei internationalen Ausstellungen hin, erobern den öffentlichen Raum, bringen es zu Klickrekorden im Internet oder träumen noch vom ganz großen Durchbruch. Die besten Nachwuchs­künstler – jede Woche in der Reihe "Starter": Théo Mercier sagt von sich, er habe einen Flohmarkt im Kopf. Zum Künstler wurde der studierte Industriedesigner bei Matthew Barney
// HEINZ PETER SCHWERFEL, PARIS

Byzanz liegt mitten in Paris: ein Chaos der Ideen, Objekte und Zivilisationen, randvoll gefüllt mit Skeletten und Modeschmuck, Schaufensterpuppen und Federboas, Karl-Marx-Poster und Naturhaarperücken. Hier, in einem stillen Hinterhof der Rue Oberkampf, arbeitet der 28-jährige französische Künstler Théo Mercier, ein sanfter Punk mit Ohrringen, Mamma-Tattoo und der nachdenklichen Melancholie des Endzeit-Dandys, die man seinen Skulpturen aber absolut nicht ansieht.

Bekannt wurde Mercier mit seinem Spaghetti-Mann "Le Solitaire", einer monumentalen Persiflage auf Auguste Rodins "Denker", bestehend aus Kunststoffnudeln. Seine Figuren sind liebevoll zusammengebaute Außerirdische, die uns irgendwie bekannt vorkommen, skurrile Flüchtlinge eines kollektiven Unbewussten, kolonialisiert von Kino, Kunstgeschichte und Kulturkampf.

"Byzanz" ist Türcode und Passwort für den Einstieg in einen Friedhof der Gruseltiere, bevölkert von grausam lustigen Schmuddelfiguren wie der "Verrückten" (2011), einer gefesselten Diva, bestehend aus einem bemalten Skelett mit Obst- und Gemüsebehang. "Von Kunstgeschichte verstehe ich nichts", stapelt Mercier tief. "Ich komme nicht aus dem Kunstmilieu, es interessiert mich auch nicht, in meinem Kopf geht es zu wie auf einem Flohmarkt. Ich liebe seltene Objekte und das handwerkliche Arbeiten mit ihnen und will, dass sie gefallen."

Mercier hat Industriedesign studiert und anschließend ein Jahr lang im Atelier von Matthew Barney in New York gearbeitet. Dort entschloss er sich, Künstler zu werden, ein Entschluss, den er inzwischen schon wieder bereut, denn die nordfranzösische Stadt Lille hat für den Herbst 2012 ein Dutzend Monumentalskulpturen bei ihm bestellt, und das bereitet ihm schlaflose Nächte. "Es darf nicht sexy oder gewalttätig sein, niemanden erschrecken – am liebsten würde ich den Auftrag zurückgeben." Der öffentliche Raum macht ihm Angst, er fühlt sich wohler in Innenräumen, die er mit seinen künstlerischen Obsessionen füllen kann. Wie sein Byzanz, mitten in Paris.

Steckbrief

Geboren: Paris, 1984

Wohnort: Immer auf der Durchreise.

Ausbildung: Nicht an der Kunstakademie, sondern an der staatlichen Designhochschule – vor allem aber durch das Leben.

Initialzündung: Sometimes it’s just time.

Höhepunkt: Gibt es jeden Tag einen.

Tiefpunkt: Gibt es jeden Tag einen.

Helden: E.T.

Credo: Es sich niemals bequem machen ... oder wenn, dann zumindest nur kurzfristig.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Dass Freiheit die einzige Wahrhaftigkeit eines Künstlers ist.

Warum Künstler, nicht Banker?: Weil Künstler mehr verdienen.

Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

fernando scholl

10:38

09 / 05 / 12 // 

ein

romantiker. wie süss (denkt sich das fräulein) lol

Abo