Mark Morrisroe

München



"EINE FEURIGE BRILLANZ"

Durch seinen frühen Tod geriet Mark Morrisroe (1959 bis 1989) fast in Vergessenheit. Zu Unrecht, zeigt nun eine Ausstellung in der Villa Stuck
// CORNELIA GOCKEL, MÜNCHEN

Sein ganzes Leben hatte Mark Morrisroe vom Erfolg geträumt. Und dafür war er bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen prostituierte er sich im Alter von 16 Jahren, um eine eigene Wohnung und den High School Abschluss bezahlen zu können.

Als "Mark the Dirt" brachte er es schon in jungen Jahren in der Bostoner Punk-und Kunstszene zu einiger Berühmtheit. Zusammen mit Lynelle White gab er das "Dirt"-Magazin heraus, ein fotokopiertes Fanzine, das sie in den Bostoner Nachtclubs verteilten. Es bestand aus Zeitungsauschnitten, maschinengeschriebenen Beiträgen und handschriftlichen Kommentaren. Als ein Freier ihn 1976 niederschoss und so schwer verletzte, dass er beinahe im Rollstuhl landete, schien die Erfüllung seines Traumes in weite Ferne zu rücken. Doch mit hartem Training gelang es ihm wieder selbstständig zu gehen. Mit der gleichen Obsession trieb er sein künstlerisches Werk voran. Er fotografierte, experimentierte in der Dunkelkammer und drehte Filme, bei denen er mal vor und mal hinter der Kamera stand. Mark Morrisroe inszenierte sich als schillernde Persönlichkeit – schrill, draufgängerisch, glamourös und sexy, aber auch verletzlich und melancholisch. "Mark hatte eine feurige Brillanz," erinnert sich sein Lebensgefährte Jack Pierson. "Er war ohne Unterlass kreativ und malte sich seine Zukunft in den leuchtendsten Farben aus. Ständig verkündete er, wie großartig er sei, und man nahm es ihm tatsächlich ab."

Auf seiner rastlosen Jagd nach Erfolg verbrannte er schnell. Mit 30 Jahren starb er 1989 an den Folgen von Aids. Danach wurde es erst einmal still, um den Jungen, der mit seiner schrillen Selbstinszenierung die Kunstszene aufgemischt hatte. Seine Galeristin Pat Hearn zeigte den Nachlass des Künstlers in einigen Einzelausstellungen. Aber ein internationaler Erfolg, wie ihn beispielsweise seine Kollegen Nan Goldin oder David Armstrong aus der Bostoner School hatten, blieb ihm verwehrt. Als Pat Hearn starb, drohte er komplett in Vergessenheit zu geraten. Somit ist es ein absoluter Glücksfall, dass es Colin de Land, dem Lebenspartner von Pat Hearn gelang, die Sammlung Ringier für das Werk des Künstlers zu begeistern. Sie kaufte in den Jahren 2002 und 2003 den Nachlass mit circa 2000 Fotografien und präsentiert den Künstler nun erstmals in einer umfassenden Ausstellung.

Bei der Rezeption von Mark Morrisroe steht zumeist das bewegte Leben des Künstlers im Vordergrund. Dabei hat er in der kurzen Spanne seiner künstlerischen Laufbahn ein erstaunlich vielfältiges Werk hervorgebracht. Neben Polaroids und Silbergelantine-Abzügen, die den umfangreichsten Teil im Nachlass des Künstlers ausmachen, gehören auch Gummidrucke, Cyanotypien und Fotogramme zu seinen bevorzugten fotografischen Techniken. Obsessiv dokumentierte er sein persönliches Umfeld, Freunde, Bekannte, Liebhaber, künstlerische Aktionen und alltägliche Begebenheiten. Während seine frühen Arbeiten noch von künstlerischen Vorbildern wie Diane Arbus und Andy Warhol geprägt waren, gelangte er später zu einem freien malerischen Umgang mit dem Medium Fotografie. Gerade in den sogenannten Sandwich-Prints, technisch aufwendig hergestellten Doppelbelichtungen, die in der Villa Stuck eine ganze Etage einnehmen, entwickelt er eine eigene poetische Bildsprache.

Fotografie war für Morrisroe sowohl ein Medium der Selbstinszenierung als auch ein Medium der Selbstreflexion. Noch kurz vor seinem Tod richtete er sich im Bad seines Krankenhauszimmers eine provisorische Dunkelkammer ein und experimentierte mit Fotogrammen. Wie zum Trotz dominieren statt melancholischer Sepiatöne nun leuchtende Farben seine Bilder. Als Motive dienen ihm Zeitungsauschnitte aus erotischen Magazinen. In kräftigen Orange-Rot, leuchtendem Gelb und strahlendem Türkis räkeln sich gut gebaute Männer vor den Augen des Betrachters. Vielleicht sind seine letzten Bilder Wunschvorstellungen, denen sein eigener von Krankheit gezeichneter Körper nicht mehr entsprechen konnte.

Mark Morrisroe

bis 28.5.2012 im Museum Villa Stuck, München; zur Ausstellung erscheint ein Katalog bei JRP/Ringier zum Preis von 45 €

http://www.villastuck.de

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