Berlin Biennale

Eröffnung



"THIS IS OUR ACTION SPACE"

Kaum große Namen – der Star dieser Biennale heißt Politik. art-Korrespondent Kito Nedo unternimmt einen ersten Rundgang durch die okkupierten KunstWerke in der Berliner Auguststraße
// KITO NEDO, BERLIN

Was machen Kuratoren? Die siebte Berlin-Biennale versucht die Antwort mal anders. Denn Voina, die anarchistische Künstlergruppe aus St. Petersburg und assoziierten Ko-Kuratoren der Biennale, bezeichnet das Leben im Untergrund als Teil ihrer kuratorischen Praxis. Das ist neu und experimentell. Mit Ausstellungsmanagement beschäftigen sich die Kunstaktivisten hingegen nicht, das sei, so steht es in einem zu Beginn der Großausstellung verteilten Statement, einfach sinnlos: "Ausstellungen schaden der zeitgenössischen Kunst. Künstler denken nur noch darüber nach, was und wo sie ausstellen können. Also umso weniger Exponate es auf der Biennale geben wird, desto besser."

So wird es sicher nicht an den vielen neuen Kuratoren-Studiengängen gelehrt, die seit einiger Zeit an den Akademien eingerichtet werden. Doch Artur Zmijewski, der Haupt- und Künstlerkurator dieser Biennale hat den Rat der Russen beherzigt. Tatsächlich ist die Künstlerliste der heute beginnenden Biennale überschaubar. Die großen Namen lassen sich, Zmijewski mitgerechnet, sogar an einer Hand abzählen: Olafur Eliasson, Yael Bartana und Pawel Althammer. Sonst bleibt das Star-System aussen vor. Das, was an Kunst gezeigt wird, ist frei von der gigantomanischen Maßlosigkeit, die sich bei vergleichbaren internationalen Anlässen in den letzten Jahren breitgemacht hat: Bei Eliasson lässt sich ein Politiker zum Künstler umschulen, der Pole Althammer lädt das Publikum zum fröhlichen weiße-Wände-kritzeln ein, und die israelisch-niederländische Künstlerin Yael Bartana, führt ihr Projekt "Jewish Renaissance Movement in Poland" (JRMiP – Bewegung Jüdischer Wiedergeburt in Polen) weiter, in dessen Rahmen für die Rückkehr von 3,3 Millionen Juden nach Polen geworben wird.

Auch wenn (oder gerade weil) die Bundeskulturstiftung wieder 2,5 Millionen Euro gegeben hat und BMW auf der Sponsorenliste steht, liegt eine egalitäre Grundstimmung in der Luft. Statt einem Glanzpapier-Katalog gibt es eine Biennale-Zeitung zum Preis von zwei Euro, der Eintritt zur Ausstellung ist frei. Das Publikum soll möglichst wiederkommen. Auch die Pressekonferenz am ließ den Willen erkennen, alles ein wenig anders zu machen als sonst bei solchen Veranstaltungen üblich. Statt eines Podiums waren die Stühle wie bei der UN-Versammlung kreisförmig angeordnet. Beschlossen wurde jedoch nichts. Stattdessen saßen die beiden Kuratoren Joanna Warsza und Artur Zmijewski, sowie der Biennale-Erfinder Klaus Biesenbach und die Veranstalterin Gabriele Horn in der Mitte.

Zunächst versuchte das Duo, die konzeptuellen Grundgedanken dieser auf Aktivismus gerichteten Biennale zu erklären, bald wurde die Regie jedoch einfach an eine Gruppe von Occupy-Aktivisten übergeben, um zu zeigen, wie es praktisch geht. Diese sympathischen, jungen Menschen erklärten den anwesenden Journalisten nicht nur die grundlegenden, einst in New York erfundenen Occupy-Handzeichen für das Bekunden von Zustimmung oder Ablehnung, sondern suchten sie auch in eine Diskussion über die Rolle der Medien im gegenwärtigen Reformstau zu verwickeln. Das klappte zum Teil auch deswegen nicht, weil zuviel auf Deutsch gesprochen wurde und die englischsprechenden Journalisten nichts verstanden. Auch waren nicht alle von soviel basisdemokratischen Elan angetan: Eine Journalistin fragte etwas genervt, warum man ausgerechnet die Occupy-Aktion und Pressekonferenz habe zusammenlegen müssen?

Action-Space oder Aktivismus-Folklore?

Die eigentliche, dahinterliegende Frage war natürlich die, ob es überhaupt Sinn macht, Kunst und Politik im Rahmen einer Veranstaltung wie dieser zusammenzulegen. Wieso braucht es ein temporäres Occupy-Camp im Erdgeschoss der KunstWerke? Ist das nicht nur eine neue Variante von Radical Chic oder lässt sich der Trend zur Kunst als Luxusware so umkehren? Hoffen Warsza und Zmijewski, dass die Leute, die mit ihren SUVs die Straßen von Berlin-Mitte verstopfen, bereit sind, gesellschaftliche Alternativen mit dem teilweise international eingeflogenen jungen Protestvolk zu diskutieren? Reicht es aus, in der Ausstellungshalle ein Banner mit dem Schriftzug auszuhängen: "This is not our Museum – This is your Action Space"? Oder handelt es sich doch lediglich um die mit Pathos vorgetragene Zurschaustellung von Aktivismus-Folklore? Die Biennale ist ein Wagnis, weil sie versucht, die Institution sehr direkt und ohne Zwischenfilter für die gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurse zu öffnen. Ob diese Strategie fruchtet, werden die nächsten Monate zeigen.

Ein Teil der damit verbundenen Widersprüche findet sich schon jetzt sinnbildlich im Hof der KunstWerke. Dort liegt ein großer Metallschlüssel, acht Meter lang und 600 Kilogramm schwer. Hergestellt wurde der "Key of Return" im Jahr 2008 von den Bewohnern des Flüchtlingscamps Aida in Bethlehem, die damit ein machtvolles Symbol für ihre jahrzehntelange ungelöste Situation schufen. Doch aus versicherungstechnischen Gründen ist die Skulptur anders als am Ort seiner Entstehung in Berlin seitlich abgelegt, was, so hört man, einige Beteiligte für eine unglückliche Symbolik halten.

Bei der Pressekonferenz wies Zmijewski selbst auf eine andere Schwierigkeiten hin, die das ganze Unternehmen mit sich bringt: weil die Biennale hauptsächlich von der Bundeskulturstiftung finanziert wird, arbeiten die eingeladenen Aktivisten, die die Systemfrage stellen, de facto eng mit dem Staat zusammen. Die Ausstellung, so versprach Joanna Warsza, werde über den Zeitraum der zwei Monate wachsen – um Stoff für Diskussionen muss man sich nicht sorgen. Die Zeit wird sicher auch gebraucht, um die von den Kuratoren versprochene "Schönheit des Politischen" zwischen den vielen Plakaten und Bannern zu entdecken.

Berlin Biennale

27. April bis 1. Juli 2012 in den KunstWerken, Auguststraße 69, Berlin; Katalog: 25 Euro

http://www.berlinbiennale.de

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4 Leserkommentare vorhanden

Manfred Salomon

07:22

28 / 04 / 12 // 

Plagiat Occupy - Muss die soziale Plastik neu erfunden werden?

Ich warte. Warte darauf dass Beuys im Zusammenhang mit Occupy genannt werden muss. Innerhalb der der Occupy Bewegung gibt es Leute die Ihre Arbeit als Soziale Plastik verstehen und ich frage mich warum dies von der Kunstszene nicht thematisiert wird? In der Presse-Konferenz der Biennale sagte ein Journalist, er verstehe nicht warum die Aktivisten sich an ihn wenden, ihn würden doch sowieso nur ein sehr geringer Teil der Bevölkerung lesen und aus dem Grund könne er kaum etwas bewirken. Ich stelle mir das, als Art-Journalist, auch verdammt eklig vor, wenn ich gezwungen werde, mich mit politischen Handeln auseinander zu setzen und zu fragen, was es zur Kunst macht. ;-) Ich bin beruhigt, dass es zum Verständnis der politischen Kunst eine kompetente Referenz gibt: Joseph Beuys. lg

Kunstbetrachter

10:28

28 / 04 / 12 // 

Kein Beuys-Bezug?

Innerhalb der Biennale tauchen durchaus Beuys-Referenzen auf. Z.B. In der Installation "Das Schweigen wird überbewertet" (von Markus Kirste), die unerwarteterweise im Occupy-Zusammenhang zu sehen ist. Beuys ist bei den kunstaffinen Occupy-Aktivisten durchaus bekannt. Vielleicht sollte der journalistische Blick sich nicht nur auf die plakativen Aktionen wie "Deutschland schafft es ab" konzentrieren, sondern auch mal die "Ränder" dieser Biennale ausloten. Entdeckungen sind jedenfalls möglich.

fernando scholl

12:47

28 / 04 / 12 // 

occupy

kunst und politik,...irgendwie passt das nicht zusammen. eine kunst ohne werk ist eben keine mehr. da kann man ja gleich das politische referat zur performance erklären.

so.

10:54

30 / 04 / 12 // 

Kriterien

Wenn diese Biennale politisch sein soll, werde ich sie daran messen: Was hat sie politisch verändert? Inwiefern hat sie mehr Gerechtigkeit, Transparenz und Demokratie gebracht. Für alle.

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