Barbara Klemm

Hannover



DICHTUNG UND WAHRHEIT

Noch bis zum 29. April dieses Jahres sind die Künstlerporträts der Fotografin und Fotojournalistin Barbara Klemm in der kestnergesellschaft in Hannover zu besichtigen. Klemm ist ganz nah an ihren Modellen – von Breschnew bis Warhol
// MAIK SCHLÜTER, HANNOVER

Barbara Klemms (*1939) Fotografien stehen für die Schönheit des Dokumentarischen, die im unverfälschten Moment der Aufnahme zu finden ist. Es sind klare und eindrückliche Porträts, die das Wesen und die Profession des Porträtierten zum Ausdruck bringen. Die Wahrhaftigkeit der Fotografie ist allerdings ein Mythos, denn jedes Bild ist eine Stilisierung durch Fokussierung. Porträts beruhen häufig auf einer Kooperation zwischen Fotograf und Model, die besagt, dass auch das Model am Endergebnis mitwirken darf.

Man kann das an der Arbeit von Barbara Klemm fein differenzieren. Ihre Fotografie von Willy Brandt und Leonid Breschnew aus dem Jahr 1973 stammt noch aus einer Zeit der medialen Unschuld. Ein Bild dieser Intensität zu schaffen, zeugt von der Fähigkeit Klemms, eine Situation komplex zu erfassen und sie ins Medium Fotografie zu übersetzen. Nach eigenen Angaben war sie 1973 im Verhandlungsraum von Brandt und Breschnew, obwohl sie keine Genehmigung dafür hatte, und die beiden Politiker merkten vermutlich nicht, dass sie fotografiert wurden.

Anders sind die Porträts von Künstlern und Künstlerinnen zu lesen, die in Hannover zu sehen sind. Selbst der scheueste Kreative ist noch ein Selbstdarsteller und spielt, wenn auch intuitiv oder unbewusst, mit der Kamera. Die Profis in Sachen Selbstdarstellung, die Exzentriker und Egomanen, schaffen es, sich so zu positionieren, dass auch sie ihren Anteil an der Inszenierung haben. Blicke, Gesten, Räume und Zeitpunkte sind nicht zufällig gewählt, weder von der Fotografin noch vom Modell. In Zeiten medialer Vermarktung und einem Overload an Bildern und Inszenierungen sind die Vorstellungen vom eigenen Bild schon immer korrumpiert: Keine Geste, die nicht zu deuten wäre. Umso erstaunlicher und wichtiger ist die Qualität der Arbeit von Barbara Klemm. Ausgestattet mit einer analogen Kamera, mit Menschenkenntnis und viel Gespür für die Möglichkeiten einer Situation, schafft sie beeindruckend dichte Bilder. 

Die Fotografin lenkt den Blick des Betrachters. Kein beliebiges und affekthascherisches Wischiwaschi entsteht hier, sondern Bilder, die gültig sind. Diese Fotografien sind, obwohl sie aus der Dunkelkammer einer Journalistin stammen, die das wechselhafte Tagesgeschäft der Medien nur zu gut kennt, keine Bilder für den medialen Konsum. Man kann immer wieder zu ihnen zurückkehren, Blicke und Stimmungen aufnehmen und in die Tiefe gehen. Die Bilder sind wiedererkennbar und geben dem Porträtierten Raum, sich zu inszenieren und gleichsam inszeniert zu werden. Intelligenz und Gefühl, technisches Know-how und ein gutes Selbstverständnis sind die Grundlage für diese Arbeit.

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