Frauen

München



PERMANENTER TABUBRUCH

Unter dem Titel "Frauen" eröffnet eine große Ausstellung mit mehr als 90 Gemälden von Pablo Picasso, Max Beckmann und Willem De Kooning in der Pinakothek der Moderne in München. Jenseits bekannter Klischees will die Kuratorin Carla Schulz-Hoffmann einen anderen Blick auf die Frauenbildnisse der drei Künstler eröffnen. art-Korrespondentin Cornelia Gockel sprach mit ihr vor der Eröffnung.
// INTERVIEW: CORNELIA GOCKEL

Die Ausstellung zeigt Frauenbildnisse von Picasso, Beckmann und de Kooning. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Carla Schulz-Hoffmann: Durch meine langjährige Beschäftigung mit Max Beckmann. Seine Selbstbildnisse spiegeln nicht nur die eigene Biografie, sondern auch die historischen Umbrüche. Dagegen sind die Frauenbildnisse viel stärker in sich ruhend, weniger geprägt von den Problemen der Zeit. Er scheint in den Frauen etwas zu sehen, was er sich selbst für ein fernes Leben erhofft.

Sie zeigen nicht nur die Frauenbilder von Beckmann, sondern dazu auch Picasso und De Kooning. Warum?

Der Blick hat sich fast selbstverständlich auf Picasso gerichtet. Er war unausgesprochen der große Konkurrent von Beckmann, ohne dass es je eine Begegnung zwischen den beiden gegeben hätte. Wir wissen alle, dass Picasso eine schier uferlose Fülle von Frauenbildern gemalt hat, aber im Vergleich dazu wenig Selbstbildnisse. Im Gegensatz zu Beckmann spiegelt er in den Frauenbildnissen seine Auseinandersetzung mit der Welt. Oft gibt es eine allgemeine Typisierung, sodass man die Porträtierten gar nicht erkennt. Dem eine Generation jüngeren De Kooning geht es nicht mehr um das Bild einer realen Frau, sondern um eine neue Form von Abstraktion im unmittelbaren Gestus der Malerei.

Alle drei haben ein bewegtes Leben mit unterschiedlichen Partnerinnen hinter sich. Die biografischen Zusammenhänge spielen aber nur eine untergeordnete Rolle in der Ausstellung. Warum?

Mir geht es um die Kunst, nicht um das Privatleben der Künstler. Die Biografien können wenig zum Verständnis des Werks beitragen, weil die Künstler wie jeder Mensch, nur das preisgeben, was sie preisgeben wollen. Die Bilder sprechen hingegen eine andere Sprache.

Um die Ausstellung realisieren zu können, waren Sie auf Leihgaben aus der ganzen Welt angewiesen. Bis auf ein Werk haben Sie alle bekommen. Welche neue Sichtweise ergibt sich dadurch für das Thema?

Alle drei Künstler haben Frauenbilder mit einer unglaublichen Autonomie und Stärke geschaffen. Durch permanenten Tabubruch haben sie jenseits des klassischen Schönheitsideals ein vielschichtiges Bild der Frauen entwickelt. Ich wünsche mir, dass die Besucher dadurch angeregt, vielleicht ihre eigenen Vorstellungen über das, was Schönheit sein kann, hinterfragen.

Wie ist die Ausstellung aufgebaut?

Es gibt fünf übergreifende, aber bewusst offen gehaltene Themen zu unterschiedlichen Fragestellungen, wie zum Beispiel „Porträt - Typus oder Idol?“ oder „Zeit-Bild, Welt-Bild, Selbst-Bild“. Dabei kommt es auch zu Gegenüberstellungen der drei Künstler, aber es wird nicht krampfhaft versucht, einen Dialog zu erzeugen.

Wie haben Sie die Hängung vorbereitet?

Wir haben eine wunderbare Hängung auf Papier und im Modell simuliert. Normalerweise würde diese direkt vor Ort vornehmen. Bei dieser Ausstellung war das jedoch nicht möglich. Da zahlreiche Leihgaben durch Kuriere begleitet wurden, die zugleich auch beim Auspacken und Hängen ihrer Werke anwesend waren, ließ sich die Gesamtinstallation nicht kontinuierlich entwickeln. Dennoch ein gutes Ergebnis zu erreichen, bedeutet deshalb eine große logistische Herausforderung.

Mit der Ausstellung zum Thema Frauen verabschieden Sie sich jetzt in den Ruhestand. Wie hatte denn Ihre Begeisterung für Beckmann begonnen?

Ich bekam in den frühen achtziger Jahren die große Chance, die Beckmann-Retrospektive in München zu seinem 100. Geburtstag zu kuratieren. Ich habe mich dann so in die Arbeit reingekniet, dass ich so gut wie nie zuhause war. Peter Beckmann, der Sohn des Künstlers, hat meinem Mann bei der Eröffnung zum Trost eine Dunhill-Pfeife geschenkt, weil er die ganze Zeit auf mich verzichten musste.

Wenn Sie nun Bilanz ziehen, welche Ausstellungen waren für Sie Meilensteine?

1977 habe ich die erste große Baselitz-Ausstellung in München kuratiert. Seitdem fühle ich mich mit dem Künstler verbunden. Große Bedeutung hatte für mich auch die Ausstellung „Sehnsucht Italien - Wintermärchen Deutschland“, in der es um den Dialog der italienischen Moderne mit der deutschen Kunst ging. Außerdem bin ich glücklich, dass es mir gelungen ist, bedeutende Sammlungen nach München zu gewinnen und dass ich zur Realisierung der Pinakothek der Moderne und der Sammlung Brandhorst beitragen konnte.

Wie sind Sie eigentlich zur Kunst gekommen?

Zum einen über meinen Vater, dessen Traum es gewesen wäre, Kunsthistoriker zu sein. In meiner Schulzeit habe ich die Bücher Erwin Panofskys wie Kriminalromane gelesen. Zum anderen war ich früher selbst eine recht gute Malerin und wollte eigentlich an die Kunstakademie gehen, habe aber zum Glück früh gemerkt, dass mein Talent nicht ausreicht.

Wie haben Sie dann als Kunsthistorikerin Karriere gemacht?

Ich habe 1974 bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungeb als Volontärin angefangen. Weil die Besucher in der damaligen Staatsgalerie moderner Kunst damals ziemlich allein gelassen wurden, habe ich erläuternde Saalführer zu geschrieben. Offenbar kam dies so gut an, dass mir nach einem knappen halben Jahr eine Stelle angeboten wurde. Allerdings schreckte mich zunächst die Vorstellung ab, ein Leben lang an einer staatlichen Institution zu arbeiten. In meiner grenzenlosen Naivität habe ich mir sechs Wochen Bedenkzeit erbeten, die mir – nachträglich kaum zu glauben – tatsächlich gewährt wurden.

Als sie 1991 stellvertretende Generaldirektorin wurden, sind Sie in eine Männerdomäne vorgedrungen. Wie ist es ihnen gelungen, sich behaupten?

Zum einen hatte ich viel Glück, wie zum Bespiel die schon erwähnte Chance die Beckmann-Ausstellung vorbereiten zu dürfen. Aber auf der anderen Seite stand dann sicher auch mein Einsatz für die die Sache, wobei mir Machtspielchen stets fremd waren.

Frauen

Pinakothek der Moderne Samstags bis 22 Uhr geöffnet

http://www.pinakothek.de

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