Pacific Standard Time

Berlin



CALIFORNIA COOL

Los Angeles zu Gast in Berlin: Mit der Ausstellung "Pacific Standard Time" im Martin-Gropius-Bau wird die West Coast-Kunstszene der sechziger bis achtziger Jahre gefeiert. Das Großprojekt, das von der Getty Foundation angeschoben wurde, verfolgt ein ambitioniertes Ziel: die amerikanische Kunstgeschichte umschreiben! Vor der Schau sprachen art-Redakteure Tim Sommer und Ute Thon mit Thomas Gaehtgens, Direktor des Getty Research Institute.
// TIM SOMMER, UTE THON

Die Ausstellung "Pacific Standard Time: Kunst in Los Angeles 1950–1980" (PST) wurde von der renommierten Getty-Stiftung mit wissenschaftlicher Gründlichkeit organisiert. Ursprünglich war sie Teil einer größeren Ausstellungsreihe zur kalifornischen Nachkriegskunst mit 60 beteiligten Institutionen im Großraum Los Angeles (art 10/2011). Mit der Schau will das Getty den Blick auf die eigenwillige Geschichte der West-Coast-Kunst schärfen und auf weniger bekannte Protagonisten lenken.

Neben internationalen Stars wie David Hockney und Ed Ruscha kommen auch unbekanntere Künstler, etwa die abstrakten Maler Frederick Hammersley und Helen Lundeberg, die Keramiker Ken Price und John Mason, der Bildhauer DeWain Valentine und die Assemblage-Künstler George Herms und Wallace Berman zu Ehren.

Herr Gaehtgens, die Getty Foundation und das Getty Research Institute haben ein gigantisches Kunstgeschichtsprojekt angeschoben, "Pacific Standard Time", ein Ausstellungsmarathon mit über 60 Ausstellungen zur Geschichte der kalifornischen Kunst. Wie kam es dazu?

Es hat mit der Sorge angefangen, die Geschichte der kalifornischen Kunst könnte in Vergessenheit geraten. Ed Kienholz' Witwe und Henry Hopkins, wandten sich vor fast zehn Jahren an Deborah Marrow, die Direktorin der Getty Foundation, wichtige Künstler wären nicht mehr am Leben und niemand kümmere sich um ihre Nachlässe. Daraufhin hat die Foundation begonnen, eine große Anzahl von Institutionen bei der Aufarbeitung ihrer Archive zu unterstützen. Das Getty Research Institute hingegen begann Archive von Künstlern, Kunstkritikern, Kunsthistorikern und Galeristen zu sammeln. Außerdem wurde ein umfangreiches "Oral History"-Programm entwickelt, mit dem ganz gezielt Zeitzeugen interviewt wurden. Das Projekt führte zu enger Zusammenarbeit der südkalifornischen Museen und kulturellen Institutionen und zu dem Entschluss, eine Ausstellung über die kalifornische Kunstszene zwischen 1945 bis 1980 zu organisieren.

Die Geschichte der kalifornischen Nachkriegskunst ist tatsächlich eher unbekannt. Welche Entdeckungen haben Sie bei der Nachlassforschung gemacht?

Ich will das an einem Beispiel erklären. Wir haben über drei Jahre an der Aufarbeitung des Archivs von George Herms gearbeitet, ein inspirierender West- Coast-Künstler, der Assemblagen macht. Er hat uns seinen gesamten Nachlass überlassen. Das kam alles ziemlich ungeordnet in Kartons an. Wir haben ihm dann im Research Institute ein Büro eingerichtet, wo er mit einer Assistentin Blatt für Blatt aus den Kisten gezogen und zugeordnet hat. Seine Angaben und Erläuterungen wurden aufgezeichnet. So haben wir praktisch Herms gesamten Lebenslauf aufgearbeitet und für weitere Forschung zugänglich gemacht.

Die Kunst des 20. Jahrhunderts wurde im Getty nicht immer so sorgfältig gepflegt.

Das Getty-Museum sammelt ausdrücklich nur Kunst bis 1900, das Getty Research Institute hat jedoch seit seiner Gründung Sammeln und Forschen auch über die Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart als seine Aufgabe angesehen. Kalifornien ist ein Schwerpunkt – aber nur einer unter vielen. Unser Institut ist vielleicht eine Erfindung der westlichen Kunstgeschichte, aber wir schauen auch über den Pazifik nach China, nach Japan und nach Indien.

Das klingt, als hätten Sie direkt vor der Haustür einen neuen Kontinent entdeckt.

Für mich persönlich ist das richtig und natürlich sowohl eine ganz neue Erfahrung wie auch eine Herausforderung. Man muss dazu sagen, dass der Getty Trust, wie in seiner „mission“, seiner Satzung, festgelegt, ein weltweit operierendes Unternehmen ist. Das Getty Conservation Institute und die Getty Foundation operieren mit ihren Programmen auf allen Kontinenten. Das macht die philanthropische Bedeutung dieser Institution aus. In diesem Sinne sucht auch das Research Institute Forscher und Forschung über alle Grenzen hinweg zu verknüpfen.

Dabei sind Sie von Hause aus gar kein Experte für zeitgenössische Kunst, sondern haben sich früher eher mit französischer Kunst des 18. Jahrhunderts beschäftigt.

Das ist richtig, aber ich habe mich doch immer auch für die Kunst des 20. Jahrhunderts und speziell auch die amerikanische interessiert. Aber ich bin in der Tat kein Spezialist der kalifornischen Kunst, wenn ich natürlich auch die Kunst von Francis, Kienholz, Ruscha, Baldessari, Kaprow, Turrell und anderen kannte. Als ich vor vier Jahren zum Getty kam, habe ich mich jedoch sofort für Pacific Standard Time begeistert und das Projekt gefördert. Im Einzelnen wird das Projekt jedoch von meinem Deputy Director, Andrew Perchuk, einem Experten für amerikanische Gegenwartskunst, und einer Reihe von Mitarbeitern sowie in der Foundation von Joan Weinstein betreut.

Gleichwohl haben Sie bereits verkündet, dass mit diesem Ausstellungsprojekt die Kunstgeschichte umgeschrieben werden muss. Inwiefern?

Es gibt unendlich viel Literatur über die amerikanische Kunst der Ostküste, vom Abstrakten Expressionismus bis zu den letzten Happenings. Aber es gibt nichts Vergleichbares über die Kunstszene Kaliforniens. Man wird rasch feststellen, dass der rote Faden hier anders verläuft als in New York. In New York und an der Ostküste begann die Kunstgeschichte schon im 18. Jahrhundert. Dort gab es sehr bald eine Kunstakademie, es entstand langsam ein Kunstmarkt. Sammlungen und Museen wurden gegründet. In Los Angeles gab es bis in die vierziger Jahre hinein kaum etwas Vergleichbares.

Auch keine Kunstmuseen?

Nein, das ist alles eine Entwicklung der letzten 50 Jahre. Walt Disney war 1960 eine treibende Kraft bei der Gründung des Californian Institute of Arts (CalArts). 1961 wurde die bereits 1883 entstandene Musikschule und das 1921 gegründete Chouinard Art Institute, die wichtigste Lehrinstitution für Künstler bis dahin, zusammengelegt. Aber erst seit 1969 konnte man dort studieren, allerdings dann mit bedeutenden Lehrern wie Miriam Schapiro, Judy Chicago, Baldessari, Kaprow, von Huehne und anderen. Von großer Bedeutung für die zeitgenössische Kunst war auch Walter Hopps, der 1963 Direktor des Pasadena Art Museums wurde. 1963 veranstaltete er eine einflussreiche Ausstellung mit Werken von Duchamp. Sein und auch Man Rays Aufenthalt in Los Angeles waren natürlich von großer Wirkung auf die kalifornischen Künstler. John Coplands wurde dort 1968 gezeigt, nicht unwesentlich für die Entwicklung der Pop Art. Hopps hatte bereits 1962 mit Kienholz die Ferus Gallery gegründet, in der zeitgenössische kalifornische Kunst präsentiert wurde. Man sollte nicht vergessen, dass Andy Warhol seine erste Ausstellung 1963 in der Ferus Gallery in L.A. hatte.

Gibt es so etwas wie einen typischen West Coast-Stil?

Mit solchen Aussagen muss man vorsichtig sein. Ich denke aber, es hat mit der Lebensqualität und der Lebenseinstellung in Kalifornien zu tun. Die Landschaft, das Meer, das Licht, die Hitze, das sind Elemente, die im Werk von Künstlern wie James Turrell, Robert Irwin oder Larry Bell eine wichtige Rolle spielen. Auch das Innovative fällt auf, die Begeisterung für neue Technologien, wenn etwa Leute wie Craig Kaufman oder John McCracken neue Kunststoffe für ihre Arbeiten nutzen. Andererseits setzt sich eine junge Kulturlandschaft wie Kalifornien aus vielen Ethnien zusammen.

Wenn man von LA spricht, denken die meisten Leute an Hollywood und oberflächliche Celebritykultur, nicht aber an anspruchsvolle Kunst. Haben wir ein falsches Bild von LA?

Das Hedonistische ist in LA und Kalifornien natürlich vorhanden. Das bringt die Glitzerwelt des Films und der Filmstars und der große Reichtum mit sich. Aber es gibt auch hochrangige Universitäten mit hervorragenden Professoren und führende Forschungsinstitute in allen möglichen Bereichen der Medizin und der Technologie.

Wie haben Sie die verschiedenen Museen und Institutionen für PST alle in eine Boot bekommen?

Das Getty hat das Projekt initiiert und finanziert. Dass über 60 Institutionen teilnehmen und an einem Strick ziehen, ist ein schöner Nebeneffekt unserer Arbeit. Auf einmal ist eine lokale kulturelle Gemeinschaft entstanden, die sich trifft, sich austauscht und miteinander kommuniziert. Das hat es vorher nicht gegeben.

Dies ist eine gekürzte Version des Interviews, das anlässlich der Ausstellung "Pacific Standard Time" in Los Angeles geführt wurde. Das komplette Interview ist in der Oktober-Ausgabe der art 2011 erschienen.

Pacific Standard Time – Kunst in Los Angeles 1950-1980

bis 10. Juni, Martin-Gropius-Bau, Berlin

http://www.gropiusbau.de

Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

Sonja Ostermann

11:50

20 / 03 / 12 // 

Schade...

..., dass ihr die kleine, aber sehr interessante Ausstellung über LA Kunst und die Frage, wie Kunstgeschichte geschrieben wird, bei Essays und Observations einfach ignoriert habt. Larry Bell, Judy Chicago, Fred Eversley, Chuck Arnoldi, Edith Baumann, Laddie John Dill und andere waren dort und haben es sehr genossen.

Abo