Mal schauen!

Dresden



OHNE BERÜHRUNGSÄNGSTE

Wenn von Kunst- und Staatsschätzen in Dresden die Rede ist, denkt jeder sofort an die Kleinodien des Grünen Gewölbes oder an die berühmten Gemäldesammlungen. Für Gegenwartskunst ist die Barockstadt weniger bekannt – zu Unrecht.
// SUSANNE ALTMANN, DRESDEN

Denn seit über 35 Jahren gibt es in Dresden einen weiteren Schatz, eine ständig wachsende Sammlung von zeitgenössischer Kunst aus sächsischen Ateliers und akademischen Künstlerschmieden: den Kunstfonds der Staatlichen Kunstsammlungen. Mit diesem Fundus nun hat sich die US-amerikanische Künstlerin Janet Grau, die seit vielen Jahren in Dresden lebt, etwas ganz Verwegenes ausgedacht. Unter dem Motto "Mal schauen!" ließ sie Laien ihre Lieblingsstücke aus dem Depot auswählen und stellte die knapp 90 Werke in einer Ausstellung in der Motorenhalle vor, einem wichtigen Dresdner Ort für Zeitgenössisches.

Was dabei herauskommt, ist eine Art Kunst- und Wunderkammer, bei der Rangordnungen des Marktes, jene von kunsthistorischer Bedeutsamkeit oder politischer Brisanz, von kanonisierten Epochen oder Stilen frei von der Leber weg ausgehebelt werden. Wer immer im sächsischen Dunstkreis Rang und Namen hat, ist dabei: Hermann Glöckner, Gundula Schulze Eldowy, Carsten Nicolai, Hans-Christian Schink, Tina Bara, Astrid Klein, Christian Borchert, Miriam Vlaming, Frank Nitsche oder Carlfriedrich Claus – um nur wenige Namen der kessen Melange zu nennen. Sie alle müssen sich die Ausstellungsfläche mit Neuentdeckungen und Ost-Absurditäten teilen. Alfred Brosigs "Sowjetisches Ballet" (1977) gehört genauso dazu wie Hermann Kohlmanns "Trümmerfauen" (1949) oder – ganz schräg – Rudolf Zinks "Ferkelpfleger" (1982).

Unentdeckte Schätze zeitgenössischer Kunst

Das klingt nach einer abenteuerlichen Sammlung, die im Kunstfonds gehütet wird. Doch das Abenteuer hat Methode, denn schon zu DDR-Zeiten wurde in Dresden kontinuierlich und zentral angekauft. Nicht alles aus den Tagen vor 1989 ist Auftragskunst oder schnöde Propaganda, nicht alles ist freilich von überragender Qualität. Aufbewahrt wird es dennoch, wobei Kunstgeschichte nicht in jedem Fall von Zeitgeschichte zu trennen ist. Seit 20 Jahren gibt es nun das staatliche Nachfolgeinstrument: die Förderankäufe, bei denen zunächst aus Mitteln des Kunstministeriums, später dann der Kulturstiftung des Freistaats junge Kunst erworben wird. Gesteuert wird das Ganze von einem Fachbeirat aus Museumsleuten, Künstlern und Experten.

Der Etat ist stetig gewachsen, von etwa 80 000 Euro im Jahre 2006 auf nunmehr knapp 170 000 Euro pro Jahr. Ebenso wuchs die Sammlung, die mittlerweile weit über 25 000 Exponate umfasst, zu einer bundesweit einzigartigen Kollektion. Soweit, so vorbildhaft. Doch ein Dilemma bleibt: Bei dem Kunstfonds handelt es sich – anders als bei seinen zwölf Schwesterninstitutionen unterm Dach der Kunstsammlungen – um einen nichtöffentlichen Bestand. Daher wissen auch nur Insider um seine Existenz und seinen Wert. In einem Depot, das mit jeder neuen Ankaufsrunde weiter aus den Nähten platzt, werden die Kunstwerke aufbewahrt. Sie zirkulieren weltweit als Leihgaben oder schmücken im Rotationsverfahren Ministerienflure und Bürowände der Verwaltung. Dauerhafte Präsentationsräume sind nicht in Sicht.

Exotische Kuratorenkollektive

Ein trauriger Zustand für soviel Qualitätvolles, fand Janet Grau und lässt endlich mal öffentlich zusammenwachsen, was in den Depotregalen schon lange zusammengehört. Sie rekrutierte zwar keine Straßenpassanten als Laienkuratoren, sondern formierte fünf Gruppen mit denkbar unterschiedlichsten Interessen. Da gibt es die "Blue Pearls", die Cheerleader des Footballteams "Dresden Monarchs", dann die Damen von der Kindertagespflege "Malwina e.V.", dann eine Gemeinschaft von Werbefachleuten sowie die Akteure der "Bürgerbühne des Staatsschauspiels" und schließlich drei Generationen der Dresdner Familie G.: Vater, Mutter, zwei Töchter und zwei Enkel. Über Wochen bekamen diese Ausstellungsmacher honoris causa freien Zugang zu den Depoträumen, sie ersannen sich ein Motto für ihren Auftritt und legten los.

Berührungsängste mit Kunst waren tabu – was allein zählte, war, wie sich der jeweilige Gruppengeist in Kunstwerke übersetzen lässt. Die exotischste Kuratorenriege wird dabei zweifellos von den Pompongirls des Dresdner Footballteams gestellt. Mit ihrer Auswahl wollten sie die "Vollkommenheit des Cheerleading" gespiegelt sehen und entschieden sich etwa neben dem rasant gemalten realsozialistischen Ziellauf von DDR-Sprinterinnen (o.J.) für die wunderbare Videoarbeit "Kunstwerke 36" (2005) von Alba d’Urbano und Tina Bara, eine choreografierte Hommage an Hausfrauendasein und Retrodesign. Besonders von letzterem Werk fühlten sich die Cheerleader-Damen an ihre eigene Praxis erinnert, bei der sie den Handlungsanweisungen einer Trainerin folgen müssen und trotzdem lustvolle Animationen fürs Publikum hinlegen.

Profitreiches Baukastensystem

Familie G. wiederum konzentrierte sich auf scheinbar verschlüsselte Bilder aus der DDR-Vergangenheit, die sonst wohl kaum aus der Depotversenkung ans Licht gekommen wären. Das grinsende Schwein aus der sozialistischen Landwirtschaft wird unversehens wieder zum Bedeutungsträger, eine grüblerische EDV-Brigade von 1987 zu Boten der ostdeutschen Endzeit und ein emsiges Paar, das im gleichen Jahr seine Ausbauwohnung herrichtet, nimmt den baldigen gesellschaftlichen Tapetenwechsel vorweg.

Die Sammlung wird als Baukasten begriffen, mit der man eigene Biografie, Identität und Erinnerungskultur spielerisch in Szene setzt. Kunstwerke werden programmatisch tiefer gehängt, und Vorurteile werden revidiert. Alle Beteiligten profitieren davon. Ganz nebenbei werden Nachbarschaften und Sichtachsen aufgemacht, die die sächsische Kunstlandschaft von vor 1989 organisch mit der heutigen verbinden. So finden sich komplexe Diskursblätter von Carlfriedrich Claus (1993) ganz dicht neben Yana Milevs "Mobiler Säule" (1995) aus transparenten Schrifttäfelchen. Nur wenige Schritte geht man von einem Schablonendruck (1976) des Konstruktivisten Hermann Glöckner bis zu Stefan Schröders "Turm von Breda" (1995), der ebenfalls aus normierten Modulen besteht. An der Stirnwand der Halle treffen die diversen Ideen der Kuratorenkollektive symbolisch in einem rotierenden Farbenkreisel (2004) von Sebastian Hempel zusammen. Der dreht sich so schnell, dass Ansichten, Ideologien, Stile. Leichtigkeit, Ernst und Selbstreflexionen buchstäblich ineinander fließen. Ganz im Sinne von "Mal schauen!".

Mal schauen! Laien wählen Kunstwerke aus dem Depot

bis 31. März, riesa efau/Motorenhalle, Projektzentrum für zeitgenössische Kunst, Dresden

http://www.motorenhalle.de

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