Tim Rollins + K.O.S.

Basel



JEDER IST WILLKOMMEN

Das Gemeinschaftsprojekt aus der Bronx verbindet seit 30 Jahren erfolgreich Kunst und Sozialarbeit.
// MIRJA ROSENAU

"Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort!" Es ist diese Rettung verheißende Plakataufschrift, die in Franz Kafkas Romanfragment "Amerika" den in der ­amerikanischen Gesellschaft hin und her geschubsten Karl beim "Naturtheater von Oklahoma" vorsprechen lässt. Ein Trompetenchor empfängt ihn zu seinem Vorstellungsgespräch; als er selbst ein Lied bläst, nennt man ihn prompt einen "Künstler".

Die Künstler Tim Rollins und "K.O.S." ("Kids of Survival") haben ein Gewimmel aus goldenen Trompeten und trompeten­artigen Formen auf die Seiten des Kafka-Romans gemalt. Und damit, wie der Künstler und Kunstpädagoge Rollins sagt, ein Stück Literatur für sich (zurück-)erobert: "Wir mussten uns das Fremde anverwandeln und durften nicht zulassen, dass man uns als Fremde im eigenen Land behandelt."

Um Integration geht es, vor allem aber um Umgestaltung – in Kafkas Roman ebenso wie in dem "Kids of Survival"-Projekt, mit dem Rollins (Jahrgang 1955) seit nun schon 30 Jahren im New Yorker Problembezirk South Bronx erfolgreich Jugendsozialarbeit und Kunstproduktion verbindet. Umgestaltung eines individuellen Lebens, Umgestaltung der Gesellschaft, Umgestaltung eines Landes: mittels Persönlichkeitsbildung auf der Grundlage von Kunst und Literatur. "On Transfiguration" heißt die Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst in Basel, die – in Kooperation mit der Galleria d'Arte Moderna e Contemporanea in Bergamo – in Gemeinschaftsarbeit und Workshops entstandene Übermalungen der derzeit zwölf Mitglieder umfassenden Gruppe zeigt.

"Blutopfer" ständen im Zentrum vieler der zugrunde liegenden Texte oder Autorenbiografien, erklärt Rollins, oder andere einschneidende und oft schmerzvolle Erfahrungen, an die sich "eine neue Befreiung, eine neue Vision, eine neue Hoffnung" anschließt. Neben Kafkas Amerikaroman dienten auch Schriften von Martin Luther King, Malcolm X, Bertolt Brecht, Richard Strauss' "Metamorphosen"-Partitur oder Felix Mendelssohn Bartholdys Bearbeitung von William Shakespeares "Sommernachtstraum" als Vor- und Zeichenunterlagen.

Oder auch Carlo Collodis "Pinocchio": In Anspielung auf die Initiationsabenteuer der kleinen Holzpuppe, die zunächst so orientierungslos wie Kafkas Karl durch das gesellschaftliche Leben treibt, erinnern in der Ausstellung von Tim Rollins und K.O.S. in Baumstämme eingelassene Augenprothesen daran, dass noch im unbehauensten Rohling die Potenziale zum mündigen Bürger stecken.

Tim Rollins und K.O.S.

bis 15. April, Museum für Gegenwartskunst, Basel
Der Katalog erscheint bei JRP|Ringier und kostet 35 Euro.

http://www.kunstmuseumbasel.ch

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