Malewitsch

Interview

Das Archiv der Anna A. Leporskaya
Troels Andersen durfte als erster Westler das Malewitsch-Archiv durchforsten. Namenlose Zeichnung von Malewitsch, Abbildung aus dem Buch "K.S. Malevich - The Leporskaya Archive" ( Foto: Troels Andersen)

DAS ARCHIV DER ANNA A. LEPORSKAYA

Der dänische Kunsthistoriker Troels Andersen gilt als führender Malewitsch-Forscher. Jetzt legte er die Ergebnisse seiner langjährigen, nicht ungefährlichen Arbeit in einem Buch vor.
// GERD PRESLER

Herr Andersen, Ihre Forschungen zu den Zeichnungen von Kasimir S. Malewitsch begannen 1963. Warum erschien das Buch darüber erst jetzt?

1963 und noch eine ganze Reihe von Jahren danach war es in der Sowjetunion offiziell nicht möglich, sich mit Malewitsch (1879 bis 1935) zu beschäftigen. Im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes lernte ich dann aber doch jenes große Archiv mit Manuskripten und Zeichnungen kennen, das Anna Aleksandrowna Leporskaya (1900 bis 1982), eine Studentin von Malewitsch, 1926/27 katalogisiert hatte.

Sie lebte in Leningrad, ich suchte sie auf und bemerkte mit Freude: Sie konnte die kostbare Hinterlassenschaft ihres Lehrers durch alle Stürme der Zeit hindurchretten – und ich durfte als erster "aus dem Westen" alles sehen. Bei weiteren Studienaufenthalten fotografierte ich zunächst die Manuskripte. Zwischen 1968 und 1978 gab ich sie in vier Bänden heraus. Gleichzeitig registrierte und fotografierte ich viele von den Zeichnungen, die sich bei Anna A. Leporskaya befanden.

Aber davon durfte offiziell niemand in der Sowjetunion erfahren oder?

Die Filme mussten herausgeschmuggelt werden. Das war nicht ungefährlich. Wir gingen sehr vorsichtig vor, und eigentlich wussten nur sie und ich, worum es ging. Dafür habe ich sie bewundert: Sie nahm das Risiko auf sich, weil sie verhindern wollte, dass das reiche Archiv vergessen würde. 1982 starb sie. Die wertvollen Blätter – es sind nahezu 700 – befinden sich heute in Museen und Privatsammlungen in Europa und Russland.

Wie ging es mit ihrer Arbeit zu Malewitsch weiter?

Nachdem ich zwischen 1973 und 2004 das "Asger Jorn Museum" in Silkeborg leitete und einfach keine Zeit hatte, in Sachen Malewitsch voranzukommen, habe ich inzwischen alle Blätter, wo immer sie sind, ein weiteres Mal "besucht" und anhand meiner damaligen Unterlagen und Fotos überprüft. Das Ergebnis liegt nun vor. Mein Buch ermöglicht einen Blick in die größte Sammlung der Zeichnungen von Malewitsch, die jemals bestanden hat. Der Forschung eröffnen sich damit bisher nicht betretbare Felder.

Seit vielen Jahren verunsichern Malewitsch-Fälschungen, die sich auf das Archiv von Anna. A. Leporskaya berufen, den Kunstmarkt. Kann sich das jetzt ändern?

Gefälschte Zeichnungen von Malewitsch tauchten erstmals Ende der sechziger Jahre auf. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Angebot ganz klein und in den Preisen eher unauffällig. 1967 erhielt das Museum of Modern Art in New York als Geschenk einige Blätter, die sich als "unauthentic" erwiesen. Bald danach begann ein ernst zu nehmender, regelrecht organisierter Handel – und nahezu alle angebotenen vorgeblichen Malewitsch-Zeichnungen sollten aus dem Leporskaya-Archiv stammen. Ich habe einige dieser dubiosen Blätter fotografiert und Anna Leporskaya gezeigt. Sie entschied: "Habe ich noch nie gesehen. Diese Zeichnungen stammen nicht von Malewitsch." Zu demselben Urteil kam auch der einzige wirkliche russische Kenner des Werkes von Malewitsch, Nikolaj Khardhziev.

Trotzdem tauchten weitere Arbeiten im internationalen Angebot auf...

Ja, Zeichnungen und sogar Gemälde wurden in Ausstellungen geschleust und von der anwachsenden Malewitsch-Literatur besprochen. In den letzten Jahren ging man dazu über, Zeichnungen zu kopieren. Sie sehen wirklich aus wie "echt", und es bedarf des sehr sorgfältigen Vergleichs mit dem Original, um eine Aussage zur Authentizität zu treffen. Das macht die besondere Stellung des Buches aus, das jetzt erschien. Dadurch, dass es so weit möglich den größten Teil des Leporskaya Archivs aufführt und dokumentiert, kann es hoffentlich dazu beitragen, das Werk von Malewitsch in ein reineres Licht zu stellen.

"Malewitsch: The Leporskaya Archiv"

Autor: Troels Andersen, Preis 39,95 Euro, erhältlich u.a. über die Buchhandlung Walther König, Köln

http://www.buchhandlung-walther-koenig.de

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