John Chamberlain

New York



DER SCHROTTHÄNDLER DER KUNSTWELT

Das Guggenheim gibt mit der Ausstellung "Choices" einen umfassenden Überblick über das künstlerische Schaffen von John Chamberlain. Skulpturen aus rostigem Metall, Chrom, Autoteilen, Plexiglas und Schaumstoff aus fast 60 Jahren werden gezeigt.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Rostiges Metall bearbeitete John Chamberlain, bis es wie ein zusammengeknüllter Haufen Papier aussah. Glänzendes Chrom erhob er zu würdevollen Skulpturen, bunte Autoteile setzte er zu kolossalen Wandreliefs und Farbspielen zusammen. Der wenige Monate vor Eröffnung seiner Retrospektive verstorbene Chamberlain, der dem Minimalismus und der Pop Art zugerechnet wurde und sich bei den Abstrakten Expressionisten zu Hause fühlte, war der Schrotthändler der Kunstwelt. Und das Guggenheim Museum macht sich erstaunlich gut als Schutthalde. Chamberlains Arbeiten auf der Rampe wirken wie Autowracks, die auf einer Zufahrt zum Erliegen gekommen sind.

Durch das Forum marschiert eine von Chamberlains späten Arbeiten, zwei in sich verdrehte Aluminiumstränge. In der Rotunde durchlaufen die Besucher die fast 60 Jahre umspannende Karriere des Künstlers. Es beginnt mit frühen Werken aus den fünfziger Jahren wie "Calliope", bei der ein rostiges Rohr die Form des Bauchs einer schwangeren Frau annimmt, oder "Short-Stop". Chamberlains erste Arbeit mit Autoteilen, die 1957 entstand, als er bei Larry Rivers in Long Island zu Besuch war, die Kotflügel von Rivers vor sich hin rostendem Ford abriss, über die Altmetall-Teile fuhr und sie zu einem dunklen Gebilde zusammenschweißte. Werke wie "Essex" von 1960 führen vor, wie gekonnt Chamberlain mit Farben umging. Die wurden später poppiger. Unter dem Einfluss von Graffiti Art zieren Farbkleckse die Schrott-Skulpturen.

Chamberlain fertigte überraschend zarte Collagen aus Stofffetzen, Papier und Pappe und arbeitete später wie bei "Luna, Luna, Luna (In Memory of Elaine Chamberlain)" in Erinnerung an seine verstorbene Frau Elaine mit Plexiglas, Blech oder Schaumstoff, das er für "Mannabend Ra" von 1966 zu einem riesigen Glückskeks zurechtschnitt. Skulpturen aus den neunziger Jahren erinnern an Algengewächse oder Gräser. Auch eines von Chamberlains Sofas, eine Schaumstoff-Skulptur, auf der sich die Besucher niederlassen können und die bereits bei der Retrospektive des Künstlers im Guggenheim in 1971 vertreten war, wurde wieder aufgebaut.

Dass in seinen Arbeiten ein Kommentar zur amerikanischen Konsumkultur oder zum Verfall der Werte des Landes gesehen wurde, hat dem Künstler nicht gefallen. Den Moment, wenn sich sein Material in Form fügte, beschrieb er mit einem Handschlag oder auch mit einem sexuellen Akt, erzählte er Kuratorin Susan Davidson. Der 84-Jährige hatte ihr absolute Freiheit bei der Gestaltung der Ausstellung verliehen. "Ich habe die Arbeit getan, Sie machen die Auswahl", sagte Chamberlain. Und damit gab er der Retrospektive den Titel "Choices", was nicht nur für die niemals zufällige, sondern gezielte Auswahl seines Materials steht, sondern auch für die vielen Entscheidungen im Leben.

John Chamberlain – Choices

bis 13. Mai, Guggenheim New York

http://www.guggenheim.org

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1 Leserkommentar vorhanden

fernando scholl

13:02

29 / 02 / 12 // 

eines werd ich nie

begreifen...geometrische, spitze, insbesondere dreieckige formen sind ein aesthetisches verbrechen und sollten auch als solches deklariert werden!

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